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Coburg

Plädoyer für Frieden und Einheit

Der Europakenner Prof. Dr. Michael Gehler hat in Neustadt über Europa gesprochen. Er warf Blicke in die Vergangenheit und Zukunft der Union.



Der ausgewiesene Europa-Experte Professor Dr. Michael Gehler sieht Europa nicht am Scheideweg. Dennoch bedürfe es seiner Meinung nach einer Imagekorrektur. Fotos: Tischer
Der ausgewiesene Europa-Experte Professor Dr. Michael Gehler sieht Europa nicht am Scheideweg. Dennoch bedürfe es seiner Meinung nach einer Imagekorrektur. Fotos: Tischer   » zu den Bildern

Neustadt - Über 70 Jahre Frieden, eine äußerst starke Euro-Währung sowie eine boomende Wirtschaft gibt es nicht zum Nulltarif. Das ist die Quintessenz eines Vortrags des profunden Europakenners Prof. Dr. Michael Gehler, der die Geschichte der EU beleuchtete und einen Blick in die Zukunft wagte. In dem weiten Spannungsbogen referierte er über die letzten 100 Jahre Europas, übrigens im 100. Jahr der Volkshochschule Coburg Stadt und Land, die als Co-Veranstalter auftrat. Dabei streifte Gehler auch das Kriegsjahr 1914 und konstatierte, dass "alle Eliten den Krieg wollten."

Die "Urkatastrophe Europas" sei entgegen dem viel zitierten Diktum des US-Diplomaten George F. Kennan nicht der Erste Weltkrieg gewesen, sondern die Entwicklung und Verbreitung des europäischen Nationalismus im 19. Jahrhundert. Was folgte, war eine zersplitterte Staatenwelt der früheren vier Großreiche, dem Zarenreich, der Habsburgermonarchie, dem deutschen Kaiserreich und dem osmanischen Reich. Nach Jahren der Etablierung und der Erfolge (1924-1931) folgte eine Phase der Konflikte (1931-1936), die zum internationalen Schattendasein und zur Selbstauflösung (1936-1946) führte. Europa wurde 1945 nicht von den Europäern, sondern von der UdSSR und den Vereinigten Staaten befreit. Ohne den massiven militärischen Aufwand und Eingriff, den die Sowjetunion und die USA seit 1941 betrieben haben, wäre Europa nicht so rasch von Faschismus und Nationalsozialismus losgekommen und damit zu seinem Friedensprojekt geworden. Es folgten Montanunion, die 1948 gegründete Organization for European Economic Cooperation (OEEC) und die 1950 geschaffene European Payments Union (EPU) oder Europäische Zahlungsunion (EZU) als institutionelle Ausdrucksformen dieser von den Vereinigten Staaten von Amerika angestoßenen Entwicklung. EWG und EURATOM folgten und trotzten Widerständen. Großbritannien sei schon in den 1960er- Jahren ein "EU-Special" gewesen. "Der Brexit ist eine klassische Loose-Loose-Situation. Wobei Großbritannien bislang in der EU mehr verhindert hat", sprang Gehler in die Jetztzeit. "Trump will kein starkes Europa. In diesem Punkt ist er wenigstens ehrlich", blickte Gehler über den großen Teich.

Schließlich bilanzierte Gehler: "Die Krise ist keine der EU, sondern eine Leistungsbilanzkrise." Denn es spräche fast alles für die Europäische Union. Zumal "ein Verlust kosten würde. Deshalb ist die Wahrung des Finanzfriedens die wichtigste Frage." Gehler verhehlte aber auch nicht, dass "die EU keine Vereinigung der Herzen, sondern ein Kopfprodukt ist." Schließlich meinte der Historiker: "Ohne die Geschichte zu kennen und zu erklären, kann es keine Zukunft der EU geben." Und diese Zukunft sei eindeutig ein gemeinsames Europa: "Die Verbindung von Demokratisierung und Europäisierung war und ist das Erfolgsrezept der europäischen Integration

Was spricht also für eine selbstbestimmte EU im 21. Jahrhundert? "Mit Blick auf ihre globale und universelle Bedeutung lassen sich abschließend fünf Aspekte konstatieren: Der Binnenmarkt, der gemeinsame Rechtsbestand, der Euro als integrationspolitische Klammer, der europäische Außendienst und schließlich der Unionsvertrag von Lissabon, in dem die Charta der Grund- und Menschenrechte rechtsverbindlich wurde." Allerdings werde es laut Gehler kein Konstrukt à la USA namens Vereinigte Staaten von Europa geben. "Solche Vorträge machen deutlich, wie wichtig es ist, die Menschen immer wieder zu informieren, aufzuklären und das Konstrukt verständlich zu machen. Denn den Frieden, den wir seit über 70 Jahren genießen dürfen, gibt es nicht zum Nulltarif und den gilt es zu sichern." Schließlich riefen alle Beteiligten auf, am 26. Mai zur Europawahl zu gehen und sie verwiesen darauf, dass am 27. Juni der Stadt Neustadt das Europadiplom verliehen wird.

Autor

Peter Tischer
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Veröffentlicht am:
23. 05. 2019
16:34 Uhr

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Peter Tischer

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Veröffentlicht am:
23. 05. 2019
16:34 Uhr



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