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Coburg

Sie proben den Aufstand

Für die Schauspieler des Landestheaters hat die Zwangspause ein Ende: Mit Thorsten Köhler studieren sie Dario Fos Farce "Bezahlt wird nicht" ein, die im Herbst Premiere feiern soll.



Revolte im Supermarkt: Eva Marianne Berger (vorne) und Solvejg Schomers bei den Proben zu "Bezahlt wird nicht". Fotos: Ungelenk
Revolte im Supermarkt: Eva Marianne Berger (vorne) und Solvejg Schomers bei den Proben zu "Bezahlt wird nicht". Fotos: Ungelenk   » zu den Bildern

Coburg - "Bezahlt wird nicht. Bezahlt wird nicht! BEZAHLT WIRD NICHT!!!" Antoinetta flüstert die Parole, sie zischt die Parole, sie presst diese drei Worte heraus, sie ruft, sie schreit. Antoinetta hat das Unerhörte getan, ohne Plan, ohne Vorsatz, spontan, aus ohmächtiger Wut und Verzweiflung. Sie hat geklaut. Mit einem Einkaufswagen voller Lebensmittel hat sie sich davongemacht, nicht klammheimlich, sondern ganz offen, ganz demonstrativ - und die anderen Frauen haben es genauso gemacht: "Entweder ihr akzeptiert unsere Preise, oder wir packen die Sachen so ein und bezahlen gar nicht!", haben sie dem kreidebleichen Verkaufsleiter zugerufen.

Hoffnung auf ein Open Air

Schwieriger als im Schauspiel stellt sich die Probensituation im Orchesterbereich, im Musiktheater und Ballett dar: "Eindeutige Richtlinien gibt es nicht", bedauert Generalmusikdirektor Roland Kluttig. Seine Musiker/innen sind gleichwohl nicht untätig: In der kommenden Woche beginnt eine neue Serie von kleinen Konzerten in Kindergärten und Seniorenheimen, auch öffentliche Open-Air-Konzerte mit kleinen Besetzungen werden derzeit geprüft: "Wir sind in Gesprächen mit dem Stadtmarketing", bestätigt Intendant Bernhard F. Loges.

Als Glücksfall erweist sich der angemietete große Orchesterprobensaal im Hahnweg, in dem Ensembles mit Mindestabstand proben können, was im beengten Orchestersaal unter dem Theaterdach nicht möglich wäre. Im Musiktheater laufen momentan Einzelproben mit Klavier, via Zoom und Skype bietet der Korrepetitor Claudio Rizzi als Italienisch-Coach den Sänger/innen Aussprachetraining für die beiden Opern "Alcina" und "Cosí fan tutte" an, deren Proben im September beginnen sollen. Beide Stücke lassen sich in verkürzter Fassung realisieren, versichert Loges, der für die ersten Monate der Spielzeit 2020/21 kleinere Produktionen eingeplant hat. Sollten auch ab Januar noch Einschränkungen gelten, gibt es auch dafür einen Plan B: "Wenn wir die großen Produktionen 2021 nicht verwirklichen können, werden wir sie verschieben und die Teams werden kleinere Produktionen inszenieren."

Aufmerksam verfolgt die Theaterleitung die Studien zur Aerosol-Problematik, von deren Ergebnissen die Vorsichtsmaßnahmen für Sänger und Musiker abhängen. "Es gibt Hoffnungsschimmer, dass wir wieder richtig proben können", meint der künstlerische Chef. So korrigierte die Freiburger Hochschule für Musik ihre Empfehlung für den Mindestabstand zwischen Chorsänger/innen von bis zu fünf Metern nach unten: Nach neuesten Messungen ist demnach eine Distanz von zwei Metern ausreichend. Auch die Bamberger Symphoniker lassen derzeit den Aerosolausstoß von Bläsern prüfen. du


"Bezahlt wird nicht": Am kommenden Samstag sollte der Schlachtruf der Mailänder Hausfrauen durchs Coburger Landestheater hallen und Dario Fos gleichnamige Farce Premiere feiern. Der Lockdown hat alle (Spiel-)Pläne über den Haufen geworfen, doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Im Oktober soll die bissige Komödie über zivilen Ungehorsam auf die Bühne des Landestheaters kommen.

In Video-Meetings hat sich das Ensemble auf die "realen" Proben vorbereitet, die seit zwei Wochen wieder möglich sind. Im Gegensatz zu ihren Kollegen aus Musiktheater und Ballett können die Schauspieler/innen wieder gemeinsam probieren, allerdings unter Auflagen: Maximal zehn Personen dürfen sich gleichzeitig auf der 200-Quadratmeter großen Probenbühne unter dem Dach der Reithalle aufhalten, die stündlich durchgelüftet wird. Auch hier gilt das Abstandsgebot von eineinhalb Metern und bei körperlicher Nähe Masken- beziehungsweise Visierpflicht, Requisiten dürfen nicht gemeinsam benutzt werden.

Die Proben zu dem Fünf-Personen-Stück beeinträchtigen die Vorgaben nicht allzu sehr, auch am Regiekonzept musste Thorsten Köhler kaum etwas ändern, der für diese Inszenierung wieder aus Saarbrücken nach Coburg zurückgekehrt ist. Wie schon bei "Gespräch wegen der Kürbisse" in der vergangenen Spielzeit arbeitet er mit dem Bühnenbildner Justus Saretz zusammen, dessen Entwurf einen weiten roten Raum vorsieht.

"Wir spielen ohnehin mit Abstand. Und das Clown-Spiel funktioniert gut", meint der Regisseur, der die Komödie aus dem Jahr 1974 im Stil der commedia dell‘arte anpackt - ganz im Sinne ihres Autors, der mit seinen Stücken an das italienische Volkstheater anknüpfte. In reduzierter Interaktion auf der Bühne sieht Köhler die Chance, noch mehr auf Inhalte zu achten: "Da kann man auch mal zehn Minuten am Einkaufswagen stehen und seinen Text gestalten."

Das tut gerade Eva Marianne Berger, die als Antoinetta selbst erschrickt über ihr revolutionäres Aufbegehren gegen unverschämte Preiserhöhungen. Bebend vor Adrenalin schildert sie die Plünderung des Supermarkts ihrer Freundin Margherita (Solvejg Schomers), die vor lauter Aufregung glatt in Ohmacht fällt. Ein bisschen schwierig gestaltet sich das Anzünden der Stress-Zigarette wegen des Plastikvisiers, doch ob das tatsächlich auf der Bühne zum Einsatz kommen wird, ist offen. Trotz derlei Einschränkungen und vieler Unwägbarkeiten ist die Eva Marianne Berger froh, wieder mit ihren Kolleg/innen proben zu können: "Das Schlimmste war der Stillstand", sagt die Schauspielerin. Zu Hause witzige Videos für Facebook zu drehen, fand sie zwar amüsant, aber: "Social media ist kein Ersatz fürs Theater."

In Dario Fos sozialkritischer Komödie aus den frühen 1970ern rebellieren die Bürgerinnen gegen Wucher und Ausbeutung mit zivilem Ungehorsam. Dass das Stück in Zeiten von Pegida und "Hygienedemos" einen Beigeschmack bekommen könnte, ist dem Regisseur bewusst: "Das heutige Echo klingt mit", sagt Köhler. "Damals war die Linke noch unschuldig" meint er, auch mit Blick auf Dario Fo, den politisch engagierten Satiriker und Literaturnobelpreisträger, der sich im Alter der populistischen "Fünf-Sterne-Bewegung" anschloss. Seine 30 Jahre zuvor geschriebene Farce vor Fehldeutungen bewahren zu müssen, hält Köhler aber nicht für nötig: "Erklärtheater mag ich nicht."

Autor

Dieter Ungelenk
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
23. 05. 2020
10:18 Uhr

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Dieter Ungelenk

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Veröffentlicht am:
23. 05. 2020
10:18 Uhr



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