Topthemen: Globe TheaterHSC 2000 CoburgBBC CoburgStromtrasse

Coburg

Tiefe Betroffenheit im Coburger Stadtrat

Dr. Eva Karl konfrontiert die Kommunalpolitiker mit der Nazi-Geschichte des Gremiums. Dessen Mitglieder ziehen Parallelen zur Politik der AfD.



Tiefe Betroffenheit im Coburger Stadtrat
Tiefe Betroffenheit im Coburger Stadtrat  

1924 werden drei NSDAP-Mitglieder in den Coburger Stadtrat gewählt: Franz Schwede, Georg Linke und Ernst Bernhard. Weil sie keine kommunalpolitische Strategie haben, gehen sie dazu über, aussichtslose und populistische Anträge zu stellen, die vor allem den sozialen Charakter der Partei unterstreichen sollen. Mit Dringlichkeitsanträgen zur Geschäftsordnung verzögern sie bewusst den Sitzungsverlauf.

 

1930, als die NSDAP bereits die absolute Mehrheit im Stadtrat hat, verkommen die Sitzungen immer mehr zu einem Schmierentheater. 3. Bürgermeister Franz Schwede macht die Bürgermeister Unverfähr und Altenstädter gezielt mürbe. Sie nehmen deshalb nur noch selten an den Sitzungen teil. In der Folge nimmt die Polemik zu, und die Konflikte im historischen Rathaussaal radikalisieren sich. Die Sitzungen werden zur öffentlichen Bühne, die Zuschauerränge sind oft restlos gefüllt, sodass sie immer wieder von der städtischen Polizei, die bereits von Nationalsozialisten unterwandert ist, geräumt werden müssen. Handgreiflichkeiten sind an der Tagesordnung. Aufgrund der Anwesenheit der Zuschauer werden nun immer mehr Schaufensterreden gehalten, und die NSDAP inszeniert sich auf dieser Bühne öffentlichkeitswirksam.

 

Gleichzeitig wird die Stadtratsarbeit zu gezielten Machtproben mit der Regierung genutzt. Sonderrechte, die Coburg beim Anschluss an Bayern 1920 zugesprochen worden sind, werden zum Kampf gegen das System missbraucht. Grenzen dessen, was der Stadt nach dem kommunalen Selbstverwaltungsrecht zusteht, werden bewusst überschritten. Die Regierung wird als Feind stilisiert. Und: Lange bevor es dazu Gesetze der Nazis gibt, wird schon 1930 auch unter Mithilfe der Stadtverwaltung vom Verwaltungsausschuss des Landestheaters beschlossen, Juden bei Neueinstellungen auszuschließen. Lehrer, die sich kritisch äußern, werden beobachtet und angeprangert. Franz Schwede stimmt sein Vorgehen eng mit dem NS-Reichsleiter für Kommunalpolitik ab und nutzt seinen Erfolg dazu, die kommunalpolitischen Strategien der Coburger Nazis als Muster für ganz Deutschland zu verkaufen.

Mit diesem kleinen Auszug aus der jüngeren Coburger Geschichte konfrontierte Dr. Eva Karl den Coburger Stadtrat am Donnerstag. Die Historikerin geht im Auftrag des Stadtrats der Frage nach, wie sich Coburg lange vor der Machtergreifung der Nazis zu einer Hochburg der NSDAP entwickeln konnte.

In der Diskussion zogen mehrere Stadträte, die sich vom Vortrag betroffen zeigten, eine Parallele zur AfD. Hans Michelbach (CSU/JC), der als Bundestagsabgeordneter AfD-Politiker im Reichstag erlebt, erklärte, an den Ausführungen von Dr. Eva Karl könne man erkennen, "wie sich eine politische Kraft entwickelt". Michelbach appellierte an alle Politiker, "zusammenzurücken, wenn wir die Demokratie erhalten wollen".

Das konnte Professor Dr. Gert Melville nur unterstreichen. Für seine Mitstreiter und ihn sei es "ein starkes Motiv", Geschichte transparent zu machen, um zu verdeutlichen, "dass so etwas nicht noch einmal passieren darf". Melville ist Sprecher der Historikerkommission, die die Arbeit von Eva Karl begleitet.

Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD) sprach die Hoffnung aus, dass Coburg vielleicht einen Beitrag leisten könne, dass Menschen einen leichteren Zugang zur Geschichte finden "und zur aktuellen Entwicklung in der Politik". Norbert Tessmer: "Die Solidarität der Demokraten sollte im politischen Alltagsgeschehen etwas mehr unterstrichen werden."

Autor
Wolfgang Braunschmidt

Wolfgang Braunschmidt

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
25. 10. 2018
18:24 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
AfD-Politikerinnen und AfD-Politiker Alternative für Deutschland Hans Michelbach Kommunalpolitiker Machtergreifung Mitglieder NSDAP NSDAP-Mitglieder Nationalsozialisten Norbert Tessmer Polizei SPD Sitzungen Sonderrechte Stadträte und Gemeinderäte
Coburg
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Weil es auch in Coburg wärmer wird, entwickelt sich der Eichenprozessionsspinner zum Problem. In Coburg war das Insekt, dessen Gespinste im Stadtgebiet, insbesondere an Schulen und Kindergärten, heuer aufwendig entfernt werden mussten, vor einem Jahrzehnt noch nahezu unbekannt.	Foto: Archiv Steffen Ittig

28.10.2018

Ausgetrocknete Natur, verbrannte Erde

Der Klimawandel hat Coburg erreicht. Wolfgang Weiß schildert dem Stadtrat die Folgen, die in der Vestestadt sichtbar werden. » mehr

Gute Ideen für die Neugestaltung des Schlachthof- und Güterbahnhofgeländes gibt es reichlich. Jetzt versucht die Stadt Coburg, für die Verwirklichung ihrer Pläne zusätzliche Fördergelder abzuschöpfen.	Foto: CDO

25.10.2018

Der Bund schüttet sein Füllhorn aus

Güterbahnhof: Die Stadt will zusätzliche Fördergelder abschöpfen. Ein neues Programm ist dafür "maßgeschneidert". » mehr

Die Mahnstunde - heute Feierstunde genannt - auf dem Marktplatz lockt auch Publikum aus der rechtsextremen Szene an. Fotos: NP-Archiv

15.05.2018

Bunte Tradition oder rechte Seilschaften?

Am Coburger Convent scheiden sich die Geister. Kritiker werfen den schlagenden Männerbünden seit den 1970er-Jahren Nationalismus, Sexismus und elitären Geist vor. » mehr

Der ICE am Donnerstag bei der Einfahrt in den Bahnhof Coburg. Im Zielfahrplan „Deutschland-Takt 2030“ ist die Anbindung Coburgs an ICE-Strecken nicht vorgesehen. Allerdings erfolgte die Planung ohne die Bahn AG. Bundestagsabgeordneter Hans Michelbach (CSU) betont, er werde nicht zulassen, „dass eine der wirtschaftlich stärksten Regionen Deutschlands vom ICE-Netz abgehängt wird“. Foto: Frank Wunderatsch

18.10.2018

Coburg fehlt im "Deutschland-Takt 2030"

Das Bundesverkehrsministerium veröffentlicht Pläne zum künftigen Bahnverkehr. Ein ICE-Halt in der Vestestadt kommt darin nicht vor. Allerdings: Die DB war in die Konzeption bisher nicht eingebunden. » mehr

Autobahn - Symbolfoto

28.08.2018

Autobahn-Anschluss bleibt Zukunftsmusik

Bundesverkehrsminister Scheuer dämpft die Hoffnung auf eine weitere Auf- und Abfahrt im Coburger Norden. Die hatten MdB Michelbach und OB Tessmer geweckt. » mehr

Oberbürgermeister Norbert Tessmer (links) vereidigte am Donnerstag Thomas Rausch (SPD). Er rückt für den im September verstorbenen Mathias Langbein (SBC) in den Stadtrat nach.	Foto: Norbert Klüglein

22.11.2018

Thomas Rausch als Stadtrat vereidigt

Thomas Rausch ist wieder Mitglied des Coburger Stadtrats. Oberbürgermeister Norbert Tessmer hat am Donnerstag zu Beginn der Stadtratssitzung den Vorsitzenden des SPD-Unterbezirks Coburg-Kronach vereidigt. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Neujahrsempfang des HSC Coburg

Neujahrsempfang des HSC Coburg | 18.01.2019 Coburg
» 30 Bilder ansehen

Eschenbach: Traktor fängt Feuer Eschenbach

Eschenbach: Traktor fängt Feuer | 17.01.2019 Eschenbach
» 18 Bilder ansehen

Fasching Meeder Meeder

Faschingssitzung in Meeder | 12.01.2019 Meeder
» 15 Bilder ansehen

Autor
Wolfgang Braunschmidt

Wolfgang Braunschmidt

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
25. 10. 2018
18:24 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".