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Coburg

"Und plötzlich ist alles falsch"

Tausende Landwirte demonstrieren in Berlin gegen die Agrarpolitik. Auch Axel Roth aus Beiersdorf fährt mit dem Traktor in die Hauptstadt. Und bekommt Gänsehaut.



Interview: Axel Roth, Agrarbetriebswirt und Landwirtschaftsmeister aus Beiersdorf
Interview: Axel Roth, Agrarbetriebswirt und Landwirtschaftsmeister aus Beiersdorf   » zu den Bildern

Herr Roth, Sie haben den Beruf des Landwirts ergriffen. Warum?

Landwirtschaft hat in meiner Familie Tradition. Ich bin hier in Beiersdorf auf dem Hof geboren und groß geworden. Ich war schon immer gern auf dem Feld und im Stall. Ein paar Samen aussäen und sehen, was daraus wird übers Jahr, die Grundlage unserer Ernährung zu produzieren, das begeistert mich. Es fasziniert mich auch, den Tieren beim Aufwachsen zuzusehen. Wir produzieren hier vor Ort unsere Lebensmittel, wenn ich zum Beispiel ein Stück Coburger Käse esse und es schmeckt richtig gut, dann weiß ich, das möchte ich ein Leben lang tun.

 

Macht Ihnen der Beruf noch Spaß?

Die tägliche Arbeit schon, auch wenn 60, 70 Wochenstunden keine Seltenheit sind. Aber die Zukunftsaussichten sind düster. Wir schaffen die Grundlage für unsere Lebensmittel, aber die Wertschätzung schwindet. Zudem werden wir für negative Entwicklungen zum Alleinschuldigen gemacht. Wenn ich heute einen Stall baue, weiß niemand, welche Auflagen demnächst gelten. Es gibt keine Planungssicherheit mehr.

 

Sie sind mit Tausenden anderen Landwirten mit dem Traktor nach Berlin gefahren, um zu demonstrieren. Aus Sorge, aus Wut, aus Angst?

Eine Mischung aus allem. Aber die Fahrt hat mich bestärkt. Wir fuhren über Kronach nach Triptis und dort unter Polizeibegleitung auf die Autobahn, und egal wo wir fuhren, Menschen in den Dörfern und den Städten oder auf den Brücken haben uns zugewunken und den Daumen gehoben. Da habe ich Gänsehaut bekommen und gemerkt, dass wir Landwirte in der Bevölkerung einen großen Rückhalt haben.

 

Aber Sie haben stellenweise auch den Verkehr lahmgelegt.

Einzelne hatten wohl Probleme damit. Aber als wir in Berlin im Stau standen, haben andere Verkehrsteilnehmer trotzdem freundlich gegrüßt. Ich glaube, dass die Menschen die Notwendigkeit erkannt haben, weshalb wir auf die Straße gingen.

 

Bislang hat zum Beispiel der Bauernverband die Interessen der Landwirte vertreten. Reicht das nicht mehr?

Ich schätze die Arbeit des Bauernverbandes, er hat viel erreicht. Aber es gibt auch große Unzufriedenheit. Funktionäre im Bauernverband sind häufig auch Funktionäre der Wirtschaft oder kommen aus der Politik, das ist zu eng verknüpft. Das schwächt die Stimme des Bauernverbands und macht ihn angreifbar. Er tut sich dadurch immer schwerer, etwas zu erreichen.

 

Ein Grund, warum das Bündnis "Land schafft Verbindung" auf die Straße geht, ist die Düngeverordnung.

Gülle ist kein Sondermüll, sondern das natürlichste, was wir für das Wachstum tun können. Sie gehört zum Kreislauf der Natur.

Aber es gibt immer mehr Nitrat im Grundwasser. Die EU-Kommission hat Deutschland angemahnt, hohe Strafen drohen.

Die Belastung des Grundwassers wollen wir Landwirte doch auch nicht. Aber was hilft es, die Herbstdüngung immer weiter zurückzudrängen? Die Gülle ist weiterhin da und wird dann halt später ausgebracht. Hilft das dem Grundwasser wirklich? Verschärfte Fristen nutzen wenig, wenn im Frühjahr die Gülle geballt ausgebracht wird. Wir brauchen andere Lösungen. Das Problem ist auch, wenn wir im Herbst keine Gülle mehr ausbringen, müssen wir mehr lagern können. Ein Kollege in Südbayern hat vor einem Jahr eine Genehmigung für eine Güllegrube eingereicht, aber die Behörde erteilt keine Genehmigung, weil nicht klar ist, wie sie beschaffen sein muss.

Im Übrigen haben wir Landwirte Zweifel am Messstellennetz in Deutschland. Die Düngeverordnung hat sicher positive Auswirkungen fürs Grundwasser, aber es gibt zum Beispiel auch Lecks in der Kanalisation und Reste aus Kläranlagen, die die Nitratwerte nach oben treiben. Warum setzt man da nicht an?

 

Die Landwirte wehren sich auch dagegen, Abstände zu den Gewässern einzuhalten.

Wir wehren uns nicht dagegen, Abstand zu halten. Alles was ins Wasser geht, ist für uns verloren. Auch der Boden. Aber wir wehren uns dagegen, dass das einfach angeordnet wird. Das kommt einer Enteignung gleich. Was würden die Leute sagen, wenn sie plötzlich zehn Prozent ihres Gartens nicht mehr nutzen dürfen? Wenn die Vielzahl der Maßnahmen dazu führt, dass ich nur noch 80 Prozent der Fläche zur Verfügung habe, muss ich 120 Prozent auf der verbleibenden Fläche anbauen, um die Kosten zu decken, also noch intensiver wirtschaften. Das wollen wir Landwirte nicht. Wir wollen nachhaltige Bewirtschaftung, damit wir unsere Betriebe auch noch an unsere Kinder übergeben können.

 

Wie hat die Politik in Berlin auf Ihren Protest reagiert?

Jeder wollte nur das Beste und sucht nach Lösungen zusammen mit den Landwirten. Aber nur auf der Bühne. Umweltministerin Svenja Schulze sagte am Dienstag , dass Deutschland das schlechteste Trinkwasser in Europa hat. Im Februar sagte sie in einer Talkshow: unser Trinkwasser ist top. Das ist ärgerlich.

 

Hat sich die Fahrt nach Berlin gelohnt?

Es hat etwas gebracht. Wir Landwirte haben gezeigt, dass wir zusammenstehen und dass wir nicht alles mit uns machen lassen.

 

Wird es weitere Proteste geben?

Ja, schon bald. Wir Landwirtschaftsmeister haben unsere Ausbildung beim Staat absolviert, unser Tun und Handeln dort gelernt. Und jetzt ist plötzlich alles falsch. Hier stimmt etwas nicht.

Die Fragen stellte Martin Fleischmann

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Veröffentlicht am:
29. 11. 2019
17:30 Uhr

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29. 11. 2019
17:30 Uhr



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