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Coburg

Volle Praxen wegen gesunder Kinder

Harmloser Schnupfen oder doch Corona? Schulen und Kitas sind aktuell vorsichtig und verlangen sogar Atteste. Die Ärzte bringt das an die Grenzen.



Kinderärzte haben in diesen Tagen verstärkt gesunde Patienten in der Praxis, die "nur" eine Bescheinigung brauchen.	Foto: Patrick Pleul/dpa
Kinderärzte haben in diesen Tagen verstärkt gesunde Patienten in der Praxis, die "nur" eine Bescheinigung brauchen. Foto: Patrick Pleul/dpa  

Coburg - Eltern von Kindergartenkindern können aktuell ein Lied davon singen. Ein Mal niesen, zwei Mal husten - schon müssen die Jüngsten aus der Einrichtung abgeholt werden. Aus Sorge vor einer Infektion mit Covid-19 herrscht derzeit erhöhte Alarmbereitschaft. Zeigt ein Kind irgendein Krankheitssymptom - und das kann schon niesen oder Durchfall sein - werden die Erziehungsberechtigten gebeten, das Kind nach Hause zu holen. Viele Einrichtungen verlangen vor einer Rückkehr sogar ein ärztliches Attest, dass keine Erkrankung mehr vorliegt. Eben jene Atteste sind es, wegen denen die niedergelassenen Kinderärzte nun auf die Barrikaden gehen.

"Je nach Praxis kommen derzeit täglich zwischen zehn und 20 Patienten, die sonst nicht da waren", erklärt Dr. Klaus Schnell. "Ich sehe ständig Kinder, die munter und fidel sind und nichts haben", beschreibt er die Not und spricht damit auch für seine Kolleginnen und Kollegen in Stadt und Landkreis Coburg.

Die jungen Patienten kämen, weil sie von banalen Infektionen befallen waren und die Eltern nun die Genesung bescheinigt haben wollen. "Doch diese kann ich ihnen mit gutem Gewissen eigentlich gar nicht ausstellen", bekennt Klaus Schnell und verweist auf rechtliche Aspekte. Ein Kind, das zum Beispiel verschnupft war und danach ein Attest über die Genesung bekommt, könnte drei Tage später trotzdem positiv auf Covid-19 getestet werden. "Damit hätte ich ein Falschattest ausgestellt", so der Kinderarzt.

Und auch organisatorisch bringe man die Praxisteams an Grenzen. "Von uns werden Dinge verlangt, die wir nicht leisten können", so Klaus Schnell. So verspreche die Staatsregierung allen Bürgern, sie könnten sich bei ihren Haus- und Kinderärzten auf eine Infektion mit dem Coronavirus testen lassen - auch bei Fehlen von Symptomen und jederzeit. "Doch die massenhaften Untersuchung wieder gesundeter Kinder nur zum Zwecke der Wiederaufnahme in Schule oder Kita sowie die willkürlichen Coronavirusabstriche bei Gesunden überfordern die Ressourcen der Kinder- und Jugendarztpraxen", verdeutlicht Klaus Schnell. Halte die Situation so an, stehe spätestens im Herbst, wenn Kinderkrankheiten ohnehin wieder zu nehmen "das System vor dem Kollaps."

Daher appelliert er gemeinsam mit den Kollegen an die Landespolitik. "Zuerst wäre uns wichtig, dass die Regierung deutlich macht, dass wir durch die Öffnung von Schulen und Kitas wieder ein höheres Risiko für eine Covid-19-Erkrankung in Kauf nehmen", sagt Klaus Schnell. Wer dieses Risiko nicht eingehen will, muss den Nachwuchs zu Hause lassen. Und als zweiten wichtigen Punkt sieht er die Notwendigkeit, die Mediziner aus der Verpflichtung zu nehmen. "Nicht wir sollten gegenüber den Kitas und Schulen erklären, dass die Kinder ohne Symptome sind, sondern die Eltern." Statt eines ärztlichen Attests schlägt er daher eine Erklärung der Erziehungsberechtigten gegenüber den Betreuungs- und Bildungeinrichtungen vor. Sie wüssten am besten, ob ihre Kinder beschwerdefrei sind.

Weil die Kinder- und Jugendärzte aber auch die schwierige Situation der Eltern im Blick haben, sei man längst dazu übergegangen, sehr großzügig Kinderkranktage zu bescheinigen. "Doch angesichts der aktuellen Situation werden die Eltern natürlich in kürzester Zeit ihre zehn Tage aufgebraucht haben", so Klaus Schnell.

"Wir versehen mit Freude und großem Engagement unseren Dienst an chronisch und ernsthaft akut kranken Kindern und Jugendlichen", betont er. Eine massenhafte ärztliche Versorgung von Bagatellerkrankungen wie Schnupfen, "Gesundschreibungen" oder Reihentestungen auf Coronavirus könnten er und seine Kollegen jedoch nicht übernehmen. "Da muss schnell eine andere Lösung gefunden werden."

Autor
Steffi Wolf

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Veröffentlicht am:
08. 07. 2020
17:16 Uhr

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Steffi Wolf

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08. 07. 2020
17:16 Uhr



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