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Coburg

"Wir benötigen medizinische Zentren"

Die Versorgung mit Ärzten im ländlichen Raum muss neu gedacht werden. Das sagt CSU-Abgeordneter Martin Mittag. Und liefert eine Lösung gleich mit.



Interview: mit Martin Mittag, CSU-Landtagsabgeordneter
Interview: mit Martin Mittag, CSU-Landtagsabgeordneter  

Herr Mittag, Sie wollen einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren. Warum ausgerechnet jetzt?

Zur Person

Martin Mittag ist seit dem 5. November 2018 Mitglied des Bayerischen Landtags. Er gehört der CSU an und war bis zu seiner Wahl ins Parlament Bürgermeister der Stadt Seßlach. Mittag ist Mitglied der Landtagsausschüsse "Gesundheit und Pflege" sowie "Wirtschaft, Landesentwicklung, Energie, Medien und Digitalisierung".

 

Martin Mittag: Ich will meine Kenntnisse in Erster Hilfe auffrischen, weil ich in der eigenen Familie erleben musste, wie wichtig es ist, im Notfall helfen zu können. Zudem möchte ich ein kleines Zeichen dafür setzen, wie notwendig ich es erachte, dass Erste Hilfe Bestandteil der Bildung wird.

 

 

Schon im Kindergarten?

Natürlich. Selbstverständlich geht es dabei nicht um das Anlegen eines Verbands oder Herz-Lungen-Massage. Kleinen Kindern kann man aber beibringen, wie sie, wenn beispielsweise die Oma zusammengebrochen ist, mit dem Telefon und der Wahl der Nummer 112 einen Notruf absetzen können.

 

Was fordern Sie mit Blick auf Schulen?

Es ist überlegenswert, die Erste-Hilfe-Ausbildung in den Lehrplan aller bayerischen Schulen einzubauen. Das halte ich für wahnsinnig wichtig, weil das jedem hilft.

 

Gehen Sie mit diesem Thema auf Kultusminister Michael Piazolo von den Freien Wählern zu?

Das muss erst einmal in unserer Fraktion besprochen werden, dann folgt die Abstimmung mit dem Kultus- und dem Finanzministerium. Es geht ja nicht nur um die Verankerung im Lehrplan, sondern auch um die Finanzierung der Erste-Hilfe-Ausbildung. Dafür braucht es Profis, und die kosten Geld.

 

Sie werben für das Projekt "Herzensretter". Worum geht es?

Eine junge Rettungsassistentin, die auch Erste-Hilfe-Ausbilderin ist, sammelt Spenden, um ein engmaschiges Netz von Defibrillator-Standorten aufzubauen. Die Geräte, die leicht zu bedienen sind, können bei einem plötzlichen Herzstillstand Leben retten. Sie hat mich gefragt, ob ich sie unterstützen könnte, "Defis" in Bayern flächendeckend zu installieren.

 

Unterstützen Sie die junge Frau?

Ja, mit ihrem Projekt rennt sie bei mir offene Türen ein. Ich habe es bereits in den Gesundheitsausschuss des Landtags eingebracht. Das Gremium hat einen finanziellen Spielraum, über den es frei verfügen kann. Wir haben uns darauf geeinigt, 150 000 Euro für "Herzensretter" zur Verfügung stellen zu wollen und haben das für den Landeshaushalt angemeldet. Auf ganz Bayern verteilt ist das sicher ein kleiner Betrag, aber es ist ein Anfang. Ich denke, dass sich damit um die 100 Defibrillatoren beschaffen lassen. Wenn das bei den Etatberatungen durchgeht, dann freue ich mich. Jedes Leben, das damit gerettet werden kann, ist diese Investition mehr als wert.

 

Defibrillatoren können aber den Hausarzt nicht ersetzen. Von denen gibt es in der Stadt und im Landkreis immer weniger.

Das ist ein brennendes Thema. Die Stadt und der Landkreis Coburg haben dies auch frühzeitig erkannt und arbeiten im Rahmen der Gesundheitsregion Plus mit allen Akteuren eng daran zusammen. Es wird allerdings immer schwieriger, junge Mediziner zu überzeugen, alleine in einer Praxis als niedergelassener Arzt zu arbeiten. Deshalb haben wir in der Gesundheitsregion Coburg, in der ich zusammen mit dem 3. Bürgermeister als politischer Leiter des Arbeitskreises Regionale Gesundheitsversorgung die Stadt und den Landkreis vertreten darf, ein Konzept mit Medizinischen Versorgungszentren beziehungsweise Gemeinschaftspraxen erarbeitet. Im Grundsatz sieht es vor, dass mehrere Ärzte, durchaus mit unterschiedlichen Fachrichtungen, zusammen eine Praxis betreiben, sich Aufgaben teilen und die Arbeitsbelastung sich in einem akzeptablen Rahmen bewegt. Das Bild vom Landarzt, der sieben Tage die Woche rund um die Uhr für seine Patienten bereit steht, schreckt viele Medizinstudenten ab. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass wir für Einzelpraxen, die beispielsweise aus Altersgründen aufgegeben werden, in den allermeisten Fällen keinen Nachfolger finden. Deshalb müssen wir die medizinische Versorgung im ländlichen Raum neu denken.

 

Wie sieht Ihr Konzept aus?

Wir benötigen im Landkreis Coburg flächendeckend Medizinische Versorgungszentren oder Gemeinschaftspraxen. Für diejenigen, die dort arbeiten, ergeben sich neue Möglichkeiten: bei der Organisation der Arbeitszeit, von Fortbildungen und Urlauben, bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gleichzeitig wird die medizinische Versorgung der Menschen in akzeptabler Entfernung zu ihrem Wohnort sichergestellt.

 

Das hört sich nachvollziehbar an…

…ist aber durchaus schwierig in der Umsetzung. Zunächst müssen die Ärzte von dem Konzept überzeugt werden - diejenigen, die heute schon Praxen betreiben, und diejenigen, die nach ihrem Studium und der fachlichen Ausbildung in den Beruf einsteigen. Das Schlimmste wäre, wenn hier Konkurrenzdenken aufkommen würde. Wir brauchen einen fließenden Übergang in die neue Struktur der medizinischen Versorgung insbesondere im Landkreis Coburg. Das wird sich über Jahre hinziehen. Aber beginnen wollen wir im nächsten Jahr.

 

Welche Aufgabe kommt dabei den Städten und Gemeinden zu?

Sie müssen darlegen, wo Bedarf für ein Medizinisches Versorgungszentrum oder eine Gemeinschaftspraxis besteht und wie sie deren Betreiber unterstützen können. Das Finden eines möglichst effektiven Standorts ist hier ebenso ein Thema wie die Bereitstellung von Räumen. Des Weiteren müssen wir darüber reden, wie die Patienten zum Arzt kommen, ohne dass dies zu einer Tagesreise ausartet. Hier kommt der Öffentliche Personennahverkehr ins Spiel, den Landrat Sebastian Straubel zu einem seiner zentralen Handlungsfelder erklärt hat.

 

Was sagen die Haus- und Facharztvereine dazu, dass Sie dafür eintreten, Arztpraxen in einer Matrix neu über das Coburger Land zu verteilen?

Ich habe noch keinen Widerspruch gehört. Allerdings: Wir sind bislang nicht ins Detail gegangen. Es werden sicher noch Fragen mit der Kassenärztlichen Vereinigung aufgeworfen werden, etwa was den Zuschnitt der Planungsbereiche betrifft.

 

Wie soll die Finanzierung von Räumen für neue Medizinische Versorgungszentren oder Gemeinschaftspraxen funktionieren?

Denkbar ist, hier die Wohnungsbaugesellschaft des Landkreises einzubinden. Dort hält man das für durchaus machbar. Die Wohnbau der Stadt Coburg hat dazu in Wüstenahorn ein Vorbild gegeben. Aber das muss noch geprüft werden.

 

Haben Sie darüber schon mit Gesundheitsministerin Melanie Huml gesprochen?

Mehrfach. Sie findet das Modell spannend. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir im Landtag einen Weg finden werden, wie Städte und Gemeinden die Ansiedlung von Arztpraxen der Zukunft unterstützen können.

Das Gespräch führte Wolfgang Braunschmidt

 
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Redaktion
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Veröffentlicht am:
13. 03. 2019
18:18 Uhr

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