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Strandgut

Armer alter weißer Mann

Männer werfen ja nichts weg. Weit hinten im Schrank wartet gewiss beim einen oder anderen noch das T-Shirt aus alten Tagen mit dem possierlichen "Kleinen Arschloch" auf sein Comeback. Seine Zeit ist gekommen.



Armer alter weißer Mann
Armer alter weißer Mann  

Männer werfen ja nichts weg. Weit hinten im Schrank wartet gewiss beim einen oder anderen noch das T-Shirt aus alten Tagen mit dem possierlichen "Kleinen Arschloch" auf sein Comeback. Seine Zeit ist gekommen. Über dem Bauch spannt es zwar gewaltig, aber dafür illustriert es doch perfekt die bräsige Selbstgefälligkeit seines Trägers, der im Lauf der Jahrzehnte vom jugendlichen Kotzbrocken zum alten weißen Mann (AWM)
angeschwollen ist - und diesen Titel mit Opfermiene stolz spazierenträgt. Er passt nunmal zu ihm wie der Faust aufs Gretchen - über solche Gags kann der AWM schallend lachen. Der AWM lacht überhaupt sehr gerne bevor er denkt, darum ist Comedy heute so wie Comedys heute so ist: meistens peinlich.

Dieter Nuhr macht keine Comedy. Der Mann hat Stil, Geschmack, Geist und Witz. Allerdings auch ein tiefenentspanntes, ein wenig aus der Zeit gefallenes Verhältnis zu den Risiken und Nebenwirkungen des Turbokapitalismus im Allgemeinen und zur Klimakatastrophe im Speziellen. Genauer gesagt: Er witzelt sie einfach weg. So wie es AWM sehr gerne tun, weil sie um ihre Komfortzone fürchten und ohnehin nicht mehr viel Zukunft vor sich haben. Folgerichtig hat sich Nuhr nun auch in die Front der Frühvergreisten eingereiht, die bei der Erwähnung des Namens Greta in geistige Schnappatmung verfallen und für Fridays for Future nur schenkelklopfende Häme übrig haben.

Dass die Lichtgestalt des deutschen Lachgewerbes nicht von Ökostrom betrieben wird und an einem linksgrünen Sozialisationstrauma leidet, wussten wir ja schon. Dass Nuhr die Panik vor der neuen Jugendbewegung auf Mario Barth-Niveau absinken lässt, erstaunt dann aber doch. Nahtlos von Björn Höcke zu Greta Thunberg überzuleiten, zeugt schon von fortgeschrittenem Haltungsverlust. Und mit Gags der Sorte "Ich werde, weil meine Tochter zu Freitagsdemos geht, im Kinderzimmer nicht mehr heizen", enttäuscht Nuhr alle, die ihn bislang für einen zwar zwanghaft liberalen, aber dennoch hochbegabten Satiriker hielten. Weltverbesserer aller Art sind dem Freigeist seit jeher suspekt. Dumm nur, dass er nicht mehr zu unterscheiden vermag zwischen verblendeten Ideologen und hellsichtigen Idealisten, die erkennen, was ihnen droht, wenn die Generation der AWM nicht sehr schnell zur Vernunft kommt.

Weil Nuhr aber political correctness und "Gutmenschen" bedrohlicher scheinen als der Zivilisationsinfarkt, hat er aus dem Auge verloren, was die Aufgabe des politischen Kabaretts seit jeher war: die Mächtigen bloßstellen. Nicht die Mutigen verspotten.

Autor

Dieter Ungelenk
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Veröffentlicht am:
05. 10. 2019
16:12 Uhr

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Björn Höcke Enttäuschung Gefahren Greta Thunberg Ideologen Klimakatastrophe Liberalismus Panik
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Autor

Dieter Ungelenk

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Veröffentlicht am:
05. 10. 2019
16:12 Uhr



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