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Feuilleton

Big Brother ist ganz nah

Eine Dystopie von höchster Aktualität: Der Jugendclub des Coburger Landestheaters bringt George Orwells "1984" auf die Bühne.



Düstere Vision: Die Bühnenfassung von George Orwells Roman "1984" setzt der Jugendclub des Landestheaters in Szene.	Foto: Rosenbusch
Düstere Vision: Die Bühnenfassung von George Orwells Roman "1984" setzt der Jugendclub des Landestheaters in Szene. Foto: Rosenbusch  

Coburg - George Orwell kannte weder Internet noch Smartphone, aber lange vor Google und Facebook entwarf er Visionen, die ihnen gespenstisch ähneln: "Big Brother" hat alles im Blick, "Televisoren" überwachen die Bürger auf Schritt und Tritt in jenem futuristischen Überwachungsstaat, den er 1948 beschrieb und ins damals ferne Jahr 1984 datierte. Ein Vierteljahrhundert später ist vieles, was der britische Autor vorwegnahm, nicht mehr dystopisch, sondern alltäglich.

Die Produktion

"1984"

Produktion des Theaterjugendclubs nach George Orwell in einer

Bühnenfassung von Robert Icke

und Duncan Macmillan,

deutsch von Corinna Brocher

Inszenierung:

Christin Schmidt, Peter Molitor

Mit dem Jugendclub des

Landestheaters Coburg

Premiere: Samstag, 25. Mai, 20 Uhr, Theater in der Reithalle

Weitere Vorstellungen: 26., 30 Mai, 1., 2. Juni

Karten an der Theaterkasse

und bei der Neuen Presse

 

George Orwell

George Orwell wurde 1903 als Eric Arthur Blair in Motihari, Britisch-Indien geboren und starb 1950 in London. Von 1921 bis 1927 war er Beamter der britischen Kolonialpolizei in Birma. 1936 nahm er auf republikanischer Seite am Spanischen Bürgerkrieg teil. Er schrieb Romane, Sozialreportagen und Essays. Durch seine Dystopien "Farm der Tiere" (1945) und "1984" (1949), eine Zukunftsvision von einem totalitären Staat, wurde Orwell weltberühmt. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Schriftsteller der englischen Literatur.

 

 

Ist Orwell also ein Fall fürs Antiquariat? Keineswegs: Ausgerechnet Donald Trump verhalf mit seinem Hang zu "alternativen Fakten" - die prekär an das propagandistische "Neusprech" in "1984" erinnern, dem modernen Klassiker 2017 zur Rückkehr in die Bestsellerlisten.

 

Auf die Coburger Studiobühne kommt die berühmte Story nun dank Christin Schmidt: "Das Thema ist aktuell, aber in den Köpfen gar nicht so präsent", weiß die junge Theaterpädagogin aus Gesprächen mit den Akteuren ihres Jugendclubs. "Wir sind tagtäglich mit Überwachung und Kontrolle konfrontiert, ohne dass es uns bewusst ist", meint die ..Jährige. Und erzählt ein Erlebnis, das sie selbst stutzig machte: Als ihr heimischer WLAN-Router vom Provider aus Berlin per Fernzugriff gesteuert wurde, war ihr schon etwas unheimlich zumute: "Da ist das Thema wieder einmal aufgeploppt."

Als die Regisseurin das Jahres-Projekt des Jugendclubs im Winter startete, gingen die Meinungen im Ensemble noch auseinander: "Viele waren hellauf begeistert und fanden es cool, andere weniger." Mitten in den Proben "ploppte" es dann auch bei den Skeptikern, als vor ein paar Wochen bekannt wurde, dass Amazon-Mitarbeiter in aller Welt über die virtuelle Assistentin Alexa heimlich private Gespräche mithören. Das sorgte für Diskussionsstoff und die Einsicht, dass Orwell "gar nicht so weit weg ist von unserem Alltag".

Mit Amazon Echo und Smartphones werden die jungen Akteure dennoch nicht hantieren in ihrer Inszenierung von "1984", die am kommenden Samstag Premiere in der Reithalle erlebt. Orwells "Televisoren" (im englischen Original "telescreens"), mit denen die "Gedankenpolizei" die Bevölkerung ausspioniert, haben die für das Bühnenbild zuständigen Praktikanten die Gestalt von LED-Boxen gegeben.

Die moderne Bühnenfassung von Robert Icke und Duncan Macmillan erlaubt den Regisseuren Christin Schmidt und Peter Molitor viele ästhetische Freiheiten und - beim 14-köpfigen Jung-Ensemble ganz wichtig: die Möglichkeit zu chorischem Arbeiten. "Alle spielen alles", erläutert Schmidt ihr Konzept, das nicht nur aus pädagogischen Gründen alle gleichberechtigt zum Zuge kommen lässt: Auch der Facettenreichtum der Figuren lässt sich dadurch gut zeigen, denn im totalitären Staat müssen die Menschen viele Rollen spielen.

Exemplarisch zeigt das Orwell an der Hauptfigur Winston Smith, der im "Ministerium für Wahrheit" arbeitet, aber im Untergrund gegen die totalitäre Herrschaft kämpft, gemeinsam mit Julia und anderen Verbündeten. Doch immer mehr gerät er in die Fänge des Überwachungsstaats und beginnt an Tatsachen, Menschen und auch der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Die Inszenierung spielt mit der Balance zwischen realen und gedanklichen Räumen und schürt beim Zuschauer die Unsicherheit: Was ist real, was Fantasie, was ist wahr, was Fake?

Autor

Dieter Ungelenk
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
22. 05. 2019
19:40 Uhr

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Dieter Ungelenk

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Veröffentlicht am:
22. 05. 2019
19:40 Uhr



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