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Die Brücke zum Ich

Es gibt mehr als Mann und Frau, hetero und homo: Das preisgekrönte Stück "Das Gesetz der Schwerkraft" zeigt in der Reithalle, wie es ist, nicht ins Raster zu passen.



Dom (Friederike Pasch, links) und Fred (Valentin Kleinschmidt), tun, was man halt so tut mit 14, fast 15. Aber sie haben ein paar Probleme mehr als ihre Klassenkameraden. Foto: Henning Rosenbusch
Dom (Friederike Pasch, links) und Fred (Valentin Kleinschmidt), tun, was man halt so tut mit 14, fast 15. Aber sie haben ein paar Probleme mehr als ihre Klassenkameraden. Foto: Henning Rosenbusch  

Coburg - Sie sind 14, fast schon 15 - und so geht es ihnen auch. Sie flippen rum und hängen ab und tanzen und leiden, sie greifen nach den Sternen und spüren das Beben im Bauch, sie matschen im Majo und besiegeln Blutsschwüre mit Ketchup. Alles ganz in echt, und trotzdem immer online, weil real ist nur, was du posten kannst.

Für Fred und Dom ist das ganz normal, und so ist die Kamera immer dabei, wenn sie auf die Klippe steigen, wo sie zwischen Mülltüten und kaputten Wäschetrocknern und gebrauchten Kondomen kalte Pommes futtern und sehnsüchtig ins Paradies schauen. Das liegt gleich über dem Fluss: Die große Stadt, in der die Freiheit keine Grenzen kennt. Wo jeder tun kann, was er mag. Sein kann, wer er ist. Lieben kann, wen er liebt. Aber dazu müssten Dom und Fred ans andere Ufer. Und das ist das Problem.

Es sind nicht nur die typischen Pubertätsnöte, mit denen die beiden Neuntklässler zu kämpfen haben. Die Regeln der Gesellschaft scheinen ihnen so übermächtig wie "Das Gesetz der Schwerkraft", das diesem Stück den Titel gibt. Denn Dom und Fred spüren, dass sie aus der Norm fallen: Dom will nicht das Mädchen sein, als das er geboren wurde, aber auch kein Junge, denn "Jungs sind blöd". Fred möchte dagegen ein "ganz normaler Junge" sein, der sich auch mal schminkt. Schwul? Das will er nicht hören.

Dass die Kategorien Mann und Frau, homo- und heterosexuell nicht ausreichen, um das geschlechtliche Selbstverständnis aller Menschen auszudrücken, findet nur allmählich Akzeptanz. Auf sensibel-unterhaltsame Weise trägt der kanadische Dramatiker Olivier Sylvestre mit seinem Jugendstück dazu bei, das beim 3. Coburger Forum für Junge Autoren neben "Goldzombies" auf dem 1. Platz landete. Seine Botschaft lässt er Dom auf den Punkt bringen: "Für mich zählt nicht, was eine Person zwischen den Beinen hat. Für mich zählt, was sie auf den Schultern hat".

Unverkrampft, einfühlsam und mit Humor erzählt "Das Gesetz der Schwerkraft" nicht nur vom "Trans*sein", sondern von den Schwierigkeiten, zu sich und zu einander zu finden, vom Erwachsenwerden unter besonderen Vorzeichen und von Freundschaft mit all ihren Komplikationen.

Für die deutschsprachige Erstaufführung in der Coburger Reithalle hat die junge Regisseurin Camille Hafner, die an der Münchner Theaterakademie August Everding studiert, eine so lebendige wie poetische Bildsprache gefunden, die bei der Premiere am Freitag Publikum aus allen Generationen begeisterte.

Die Online-Affinität der Jugendlichen und die Lust an der Selbstinszenierung baut sie ästhetisch wirkungsvoll ein: Statt in ihre Smartphones zu starren, beamen die beiden Protagonisten alles was sie tun, live auf die Großleinwand und Monitore im Bühnenraum, den Lichtdesigner Klaus Bröck stimmungsvoll ausleuchtet. Das Video dient auch als Medium, hilft auszudrücken, was nicht über die Lippen will. Jede Menge Spielraum für die dynamischen Akteure bietet die hölzerne "Klippe", die die Ausstatter Marisa Nuxoll und Janosch Dahabi von der Hochschule Coburg auf die Studiobühne gewuchtet haben - ein Refugium für Außenseiter, ein Abenteuerspielplatz für Teenager.

Friederike Pasch (Dom) und Valentin Kleinschmidt (Fred) fühlen sich bestens in die Figuren ein, verkörpern sie im besten Wortsinne ausdrucksstark und nuanciert - und lassen nicht spüren, dass ihnen wegen einer krankheitsbedingten Umbesetzung gerade mal zwei Wochen Zeit dafür blieb. Keine Klischees führen sie vor, sondern authentisch wirkende Jugendliche, die gerade dabei sind, die Kindheitslarve abzustreifen.

Der coole Dom ist dem romantischen Fred dabei ein gutes Stück voraus, er gibt sich burschikos, abgeklärt und ironisch, will keine Zeit mehr in der Schule verschwenden und "ein möglichst nutzloses Mitglied der Gesellschaft" werden. Doch die Coolness schmilzt dahin, als sich alle Symptome der Verliebtheit einstellen - und Dom mit einer hübschen Mitschülerin auf Wattewolken schwebt. Darunter leidet die Freundschaft mit Fred, doch auch an dessen Buhlen um Anerkennung bei den "normalen" Jungs - "ich wollte nie kämpfen", gibt er offen zu.

Ob es den beiden denn doch noch gelingt, die Schwerkraft zu überwinden und über die Brücke zum Ich zu gehen, das wird hier natürlich nicht verraten. Nur soviel: Es ist eine Freude, Friederike Pasch und Valentin Kleinschmidt durch 70 spannende Minuten zu begleiten, die sie mit leisen und lauten Tönen, mit skurriler Action und kitschfreier Emotion, mit Tiefgang und Situationskomik füllen.

Rauschender Beifall für das ganze Team und den Autor, der zur Premiere nach Coburg gekommen war.

—————

Die nächsten Abendvorstellungen:

30., 31. Januar, 3., 15., 16. Februar,

20 Uhr. 24. März, 18 Uhr

Vormittagsvorstellungen: 22. Januar, 12. Februar, 22. März, 11 Uhr

Karten bei der Neuen Presse

Autor

Dieter Ungelenk
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
20. 01. 2019
14:38 Uhr

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Autor

Dieter Ungelenk

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Veröffentlicht am:
20. 01. 2019
14:38 Uhr



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