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«Die Pest» in schwarz-weiß: Oberammergauer zeigen Legende zur Passion

Der Feind zieht plündernd durchs Land, die Pest grassiert. In dieser rauen Zeit vor fast 400 Jahren entsteht in Oberammergau die Tradition der berühmten Passionsspiele. 2020 bringen die Einheimischen sie wieder auf die Bühne. Jetzt zeigen sie die Vorgeschichte: «Die Pest».



Oberammergau - Bier fließt in Strömen, die Kapelle spielt zum Tanz. Jahrmarktstimmung zum Kirchweihfest. Im Land rundum wütet der Dreißigjährige Krieg, die Pest rafft die Menschen dahin. Umso ausgelassener und dabei nicht sehr gottesfürchtig feiern die bisher verschonten Oberammergauer in diesem Jahr 1633. Tatsächlich ist diese Zügellosigkeit der Grund für den Ausbruch der Pest auch in Oberammergau. Aber nicht als Strafe Gottes, wie der Pfarrer sogleich verkündet. Vielmehr habe die Pestwachen mitgefeiert und ihre Aufgabe vernachlässigt. So kann der infizierte Tagelöhner Kaspar Schisler, der jenseits der Bergkette in Eschenlohe Dienst getan hat, an ihnen vorbeischleichen - er bringt den Schwarzen Tod ins Dorf.

 

Ein knappes Jahr vor der Premiere der berühmten Passionsspiele im Mai 2020 zeigen die Oberammergauer von Freitag an «Die Pest». Das Stück erzählt, wie es vor fast 400 Jahren zu der Passion kam. Es wird seit 1932 jeweils von der Passion aufgeführt.

Die Sehnsucht nach Frau und Kindern hatte Schisler nach Hause getrieben. Erst als er dort ankommt, wird ihm klar, dass er damit die Krankheit in sein Heimatdorf einschleppt. Als erster stirbt Schislers eigener kleiner Sohn. Der Bürgermeister verkündet tapfer: «Wir haben alles unter Kontrolle.» Der Pfarrer fällt vom Glauben ab. Und der Totengräber Faistenmantl, vom Leben enttäuscht und von Hass getrieben, schaufelt mit Freude die Gräber - für «Gruppenreisen ins Paradies». Insgesamt 84 Menschen soll die Pest damals dahingerafft haben.

Erst als die Oberammergauer in der Not geloben, alle zehn Jahre das Spiel vom Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christus aufzuführen, hört das Sterben auf. Mit viel Schwarz und etwas Weiß hat Passionsspielleiter Christian Stückl «Die Pest» inszeniert.

Die Geschichte - oder Legende - ließe Anknüpfungspunkte zur Aktualität zu. Doch Stückl will die damalige Zeit greifbar machen. Nur ein paar Jahrzehnte vor dem Gelöbnis hätten im Tal noch Hexenverbrennungen stattgefunden, sagt er bei der Hauptprobe am Mittwochabend. Er wolle die damalige Gesellschaft zeigen, wie diese mit der Bedrohung umging - und schließlich zur Passion kam. «Es ist wichtig, dass man die eigene Geschichte weitergibt», sagt Stückl.

Die Geschichte prägt den Ort. Alle zehn Jahre erneuern die Oberammergauer feierlich ihr Gelübde. Für die Passion werden erneut 2400 Einheimische auf der Freiluftbühne stehen - das halbe Dorf.

«Die Pest» inszeniert Stückl in deutlich kleinerer Besetzung mit 140 Oberammergauern, davon 50 für Chor und Musik. Für die 20 Hauptrollen wählte er Darsteller, die auch bei der Passion eine tragende Rolle haben werden.

Der Christus-Darsteller fürs nächste Jahr, Rochus Rückel, spielt hier den Totengräber Faistenmantl. Barbara Schuster, Maria Magdalena von 2010 und 2020, zeigt Schislers Frau Elisabeth, und der designierte Judas Cengiz Görür gibt Schislers älteren Sohn. Der Jesus von 2010 und der Hohepriester Kaiphas von 2020, Andreas Richter, wiederum spielt den reichen Steinbacher, der für die Party zur Kirchweih für alle etwas springen lässt. Den Kaspar Schisler spielt Maximilian Stöger, er wird nächstes Jahr der zweite Kaiphas sein - in der Passion sind alle Rollen vorsorglich doppelt besetzt.

Stückl bringt die Oberammergauer regelmäßig zum Spielen, im vergangenen Sommer gaben sie den «Wilhelm Tell». Zwar sind alle, die da auf der Freilichtbühne stehen, Laien. Doch das lassen sie den Zuschauer meist rasch vergessen. Noch sieben Mal bis zum 3. August ist «Die Pest» zu sehen. Im Spätherbst, beginnen dann die Proben für die Passion.

Veröffentlicht am:
27. 06. 2019
18:54 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
27. 06. 2019
18:54 Uhr



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