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Feuilleton

Die Sündenmeile als Pop-Heimat

Die Zukunft der Rock- und Pop-Musik wird in Hamburg geschmiedet. Europas größtes Clubfestival bietet nicht nur Feierwütigen, sondern auch 4400 Fachbesuchern eine Heimstatt.



Das Unwort des Festivals dürfte für viele Besucher "Einlassstopp" gewesen sein, das nicht wenige Male gepostet werden musste. Die Schattenseite des Erfolgs, wenn ein Club(!)-Festival fast 40 000 Besucher verkraften muss. Natürlich wollten auch den Überraschungsgast, die schottische Band Biffy Clyro, die während der "Warner Music Night" in den "Docks" auftrat, viel mehr Menschen erleben als die kleine Halle Fassungsvermögen besitzt. Weder bei dieser Programm-Nacht des Major-Labels Warner noch bei der des Label-Giganten "Universal Music" konnte der Publikumsandrang auch nur annähernd abgearbeitet werden.
Das Unwort des Festivals dürfte für viele Besucher "Einlassstopp" gewesen sein, das nicht wenige Male gepostet werden musste. Die Schattenseite des Erfolgs, wenn ein Club(!)-Festival fast 40 000 Besucher verkraften muss. Natürlich wollten auch den Überraschungsgast, die schottische Band Biffy Clyro, die während der "Warner Music Night" in den "Docks" auftrat, viel mehr Menschen erleben als die kleine Halle Fassungsvermögen besitzt. Weder bei dieser Programm-Nacht des Major-Labels Warner noch bei der des Label-Giganten "Universal Music" konnte der Publikumsandrang auch nur annähernd abgearbeitet werden.  

Hamburg - Die "Molotow Skybar" auf Deutschlands wohl berühmtester Sündenmeile, der Reeperbahn in St. Pauli: ein Winzclub von nicht viel mehr als zehn mal zehn Metern. Die Glasfront killt den Sound und verlangt den Mischpult-Menschen alles ab. Die Meute geht steil in der total überfüllten Bude. Gefühlte 368,7 Prozent Luftfeuchte.

Alles wie immer, könnte man meinen, ein Rock-Konzert halt. Und doch wird im "Molotow" gerade ein Stück weit die Zukunft der Rockmusik verhandelt. Die Band Nothing aus Philadelphia und New York City, allesamt gestandene Musiker der Hardcore-Punk- und Extrem-Metal-Szene, spielt Indie- und Alternative Rock in einer neuen, unüblich harten Form - wie vielleicht niemand weltweit sonst: eine Art von aggressiven Balladen, sozusagen.

Und genau das macht das andere, das Aufregende aus am Reeperbahn-Festival, das vier Tage und Nächte lang in St. Pauli zahlreiche Bühnen beschallte: Es geht hierbei nicht um den Konsum von Musik allein, sondern um nicht mehr und nicht weniger als die Zukunft von Rock und Pop. Einerseits durch die Auftritte von Bands, die kurz vor dem großen Durchbruch stehen (könnten), andererseits durch zahlreiche Konferenzen zu den unterschiedlichsten Themen in Sachen Musik - immer aber mit Blick auf die Zukunft der Branche.

Allein das Fachprogramm mit Konferenzen, Workshops, Filmen, Vorträgen und Sessions gestaltete sich so ausufernd, dass man schnell den Durchblick verlieren konnte. Trotzdem ging dabei natürlich nicht unter, wenn eine Legende wie Star-Produzent Tony Visconti (David Bowie und andere) auf dem Festival sprach - und die Musikindustrie für deren aktuelle Gleichförmigkeit kritisierte. Heutzutage würden alle sofort eine zweite Adele wollen, wenn das Original ungeahnt große Erfolge feiere, um auch etwas vom Kuchen abzubekommen. Früher wurden bizarre Leute wie eben jener David Bowie zu Stars aufgebaut und die Unterschiedlichkeit der Musik noch gefeiert. Ein weiterer, der großen Mehrheit eher unbekannter Star aus dem Hintergrund, der auf St. Pauli sprach, war John Giddings, der als einer der wichtigsten Booking-Agenten überhaupt gilt. Über diesen Mann laufen nicht wenige Stadionkonzerte, weltweit. Weitere interessante Gesprächsgäste und Redner: Frank Spilker (Die Sterne), Smudo (Die Fantastischen Vier) und Anders Wahrén, der Programmchef von Europas größtem Live-Ereignis, dem Roskilde-Festival in Dänemark.

Die Konferenz-Events auf dem Reeperbahn-Festival tragen etwas schwerfällige Namen wie "Academy Day 2016 - Tantiemen und Nutzungsrechte", "Digitale Vermarktung von Musikveranstaltungen" oder "Influenzer-Marketing - wer beeinflusst wen?" Doch gerade dort werden jetzt schon Bausteine geformt, wie wir Konsumenten Musik in Zukunft wohl genießen werden. Was nach anstrengenden Gesprächsrunden und Lehrveranstaltungen klingt, kompensiert der Veranstalter selbstverständlich wieder durch beste Unterhaltung. Zum Beispiel, wenn der ehemalige MTV-Moderator Ray Cokes seine tägliche Show im Schmidt-Theater abzieht und beweist, dass er zu den besten Entertainern überhaupt gehört. Die Schlangen, Stunden vor dem Einlass, sind nicht zu übersehen.

Nicht nur die kleinen und Kleinstlabels bringen neue Musiker unters Volk. Auch die Großen mischen im Geschäft mit und präsentieren mit diversen "Label Nights" ihre neuesten Künstler. Gefeiert vom Publikum werden aber bei Weitem nicht nur Acts mit Bekanntheitsgrad wie Joy Denalane, Boy, Get Well Soon, Van Holzen oder Friska Viljor. Kein Club blieb leer - ob mittags um 12 Uhr oder 2 Uhr in der Nacht.

Zum Schluss verlieh eine hochkarätige Jury erstmals den "Anchor - International Music Award" für viel versprechende Talente: Dieser ging an den schwedischen Pop-Soul-Singer/Songwriter Albin Lee Meldau.

Das Festival in Zahlen

Die elfte Auflage des Reeperbahn-Festivals in Hamburg St. Pauli fand über vier Tage an 70 Orten und mit mehr als 700 Events statt - davon allein rund 450 Konzerte. 38 000 Fans inklusive rund 4400 Fachbesuchern aus 40 Nationen wurden gezählt. Das Reeperbahn-Festival 2017 wird vom 20. bis 23. September über die Bühnen gehen. Alle Infos finden sich auf

www.reeperbahnfestival.com

 
Bands mit Potenzial - ein paar Tipps

Viele Bands auf dem Reeperbahn-Festival harren noch der Entdeckung. Manche haben sich in ihrer Szene bereits einen Namen erspielt. Wer das nächste große Ding wird, kann natürlich niemand vorhersagen. Das hindert jedoch nicht daran, ein paar interessante "neue" Acts aufzuzählen:

Ihre Unbekümmertheit lässt bei dem Auftritt der Blossoms in den "Docks" an die blutjungen Beatles denken, ihre Musik auch ein bisschen. In England können die Jungs bereits ein Nummer-eins-Album vorweisen. Der große Erfolg ist wohl nur eine Frage der Zeit.

Nicht kategorisierbar ist der Sound der New Yorker Elektro-Pop-Songwriterin Mitski , die live als Rockprojekt verstanden sein will. Ihr Songwriting ist schlicht überragend, wie sie im Club "Indra" beweist.

Etwas verquer "Brachial Pop" nennt der deutsche Goth-Künstler Max Gruber das, was er mit seinem Ein-Musiker-Projekt Drangsal produziert - mit zunehmendem Erfolg.

Sturgill Simpson ist nicht mehr wirklich unbekannt. Warum, zeigt er während seines Konzerts im legendären "Knust"-Club. Der US-Amerikaner verleiht dem Country-Rock neue Impulse, so durch magisches Songwriting und seine ungewöhnliche Stimme, aber auch durch den im Country ungewöhnlichen Einsatz von Bläsern und Psychedelic-Orgel.

Die Wild Beasts aus dem englischen Kendal werden ihren Weg gehen: Weil ihre Mischung aus Indie-Rock und Disco geradezu zwingend tanzbar ist. Die Menschenmenge in der "Großen Freiheit 36" ist sofort auf Betriebstemperatur.

Kanada punktet unter anderem mit der Band Yes We Mystic , die ihren Mix aus Indie, Ambient und Folk versiert vorantreibt. Ruhig dahinfließend und - ja: mystisch.

Wohl eine der unterschätztesten (Live-)Bands aus deutschsprachigen Landen: Mother's Cake. Das Trio aus Österreich bringt das Publikum im Club "Sommersalon" mit seinem an die frühen Red Hot Chili Peppers, aber auch an Jimi Hendrix angelehnten Psych-Rock zum Toben. TL

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Von Heike Kraske und Thoralf Lange
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Veröffentlicht am:
26. 09. 2016
21:36 Uhr

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Von Heike Kraske und Thoralf Lange

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Veröffentlicht am:
26. 09. 2016
21:36 Uhr



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