Frankfurt am Main - Seit 1945 galt die Sammlung als verschollen - über abenteuerliche Umwege kommt der sogenannte "Wiesbadener Nachlass" des romantischen Dichters Joseph von Eichendorff (1788-1857) nun nach Frankfurt. Das Freie Deutsche Hochstift, das das Goethe-Museum betreibt und gerade ein Romantik-Museum aufbaut, hat die wiederaufgetauchte Autographensammlung gekauft. Es handelt sich um 218 handschriftliche Doppel- und 100 Einzelblätter, wie das Hochstift am Montag berichtete. Über die Kaufsumme wurde Stillschweigen vereinbart.

Die Wissenschaft erhofft sich "ergiebige frische Quellen für die Eichendorff-Forschung", wie es bei der Kulturstiftung der Länder heißt, die zusammen mit zwei weiteren Stiftungen das Geld für den Ankauf aufbrachte. Der Teilnachlass "wirft Schlaglichter auf ein bewegtes Leben zwischen Kampf in den Befreiungskriegen, romantischer Dichtkunst, Familienglück und -leid und preußischem Ministerialdienst". Zu dem Konvolut gehören Manuskriptseiten bekannter Werke wie "Das Marmorbild", Briefe von und an Eichendorff, persönliche Notizen und amtliche Zeugnisse.

Die Sammlung geht nach Angaben des Hochstifts auf Eichendorffs Enkel Karl zurück, der in Wiesbaden lebte. Nach seinem Tod kamen die Papiere 1935 in Eichendorffs Sterbehaus in Polen, wo in drei Eichentruhen auch seine Handschriften verwahrt wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Truhen geplündert "und ihr Inhalt über die umgebende Region verstreut", wie Hochstift-Sprecherin Beatrix Humpert berichtete. "Damit galt der Bestand als unrettbar verloren."

Ab 1955 tauchten Humpert zufolge «auf verschlungenen Wegen» in Tschechien immer neue Teile des Nachlasses auf. Sibylle von Steinsdorff, Redakteurin der Kritischen Eichendorff-Ausgabe, führte den Nachlass wieder zusammen und bot ihn Ende 2014 dem Hochstift zum Kauf an, das seit 1909 systematisch Eichendorff-Handschriften ankauft und nach eigenen Angaben die größte Sammlung weltweit besitzt. Am 15. März will das Hochstift die Neuerwerbungen vorstellen. Sibylle von Steinsdorff wird nicht mehr dabei sein: Sie starb am 18. Februar.