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Feuilleton

Ein Leben wie im Schelmen-Roman

Er liebte die Bücher und die Menschen, er sprühte vor Ideen und Humor. Jetzt ist der Verleger, Autor, Buchhändler, Kabarettist, Poetry-Slammer und Maler Sigi Hirsch gestorben.



Surrealer Nonsens war eine seiner Spezialitäten: Sigi Hirsch. Foto: NP-Archiv
Surrealer Nonsens war eine seiner Spezialitäten: Sigi Hirsch. Foto: NP-Archiv  

Bamberg / Coburg - Verleger, Autor, Buchhändler, Kabarettist, Poetry-Slammer, Maler: Sigi Hirsch war ein Allrounder, ein Tausendsassa, ein Schelm - und sein Leben gleicht einem Roman. In Coburg ist er unvergessen als leidenschaftlicher Antiquar, der sich mit Hingabe auf Preziosen aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha spezialisierte. Am Montag dieser Woche ist sein kreativer Geist erloschen: Im Alter von 74 Jahren ist Sigi Hirsch, der seit 1996 in Bamberg lebte, nach längerer Krankheit im oberfränkischen Eppenreuth gestorben.

Siegfried-Hermann Hirsch, der kurz nach Kriegsende in Bad Salzuflen zur Welt gekommen war, fiel schon als Schüler einschlägig auf und brachte es als Jung-Komiker zu Hörfunk-Ehren: "Ich habe schon bei Radio Bremen Quatsch gemacht - im Nachtprogramm von zwölf bis zwei" verriet er einmal im NP -Interview.

Ganz seriös absolvierte er dennoch Mitte der 1960er-Jahre eine Lehre zum Verlagskaufmann bei den "Bremer Nachrichten". Noch während seiner Ausbildung gründete er mit 18 Jahren die literarische Illustrierte "total", für die unter anderem Autoren wie Raoul Hausmann, Peter-Paul Zahl, Erich Fried, Peter O. Chotjewitz, Allen Ginsberg und Paul Wunderlich Texte und Illustrationen beisteuerten. 1967 geriet die Zeitschrift bundesweit in die Schlagzeilen, nachdem sich die Bremer Oberpostdirektion weigerte "total" als preisgünstige Drucksache zu verschicken und das Porto erhöhen wollte.

Grund hierfür waren Fotos nackter Frauenpos, die in der Zeitschrift abgedruckt worden waren sowie ein der Zeitschrift beigelegter Buch-Prospekt eines englischen Verlags, der zwei sich küssende Nonnen zeigte. Im Zuge der damaligen Medienberichterstattung wurde Sigi Hirsch als Deutschlands jüngster Verleger bekannt. Trotz zahlreicher Solidaritätsbekundungen von Literaten und Künstlern blieb die Bremer Oberpostdirektion bei ihrer Entscheidung. Im Jahr 1969 wurde die Zeitschrift "total" schließlich eingestellt.

Sigi Hirsch, der mittlerweile in Berlin lebte, gründete mit Freunden eine Werbeagentur und managte unter anderem Heinz Werner Höber, der über Jahre Hauptautor der Jerry Cotton-Heftroman-Serie gewesen war und den Erfolg der erfolgreichste Krimiserie der Welt geprägt hatte.

1975 zog Sigi Hirsch nach Coburg und arbeitete als Verlagsleiter beim Coburger Tageblatt . 1981 übernahm er die Albrecht’sche Hofbuchhandlung, verfiel dem Reiz alter Bücher, eröffnete ein Antiquariat in der Steingasse, wurde zum Experten für Coburgensien und schließlich selber eine. Jeder kannte ihn, den quirligen Macher mit dem Berliner Akzent.

Dabei blieb es auch, als er 1996 weiterzog nach Bamberg: "Da hatte ich mehr Kunden aus Coburg als vorher", witzelte Hirsch. 1999 gelang ihm ein außergewöhnlicher Fund. Er entdeckte und erwarb ein Album, das die englische Königin Queen Victoria für ihre Erzieherin Baronin Lehzen zusammengestellt und dieser zum Abschied geschenkt hatte. Darin waren unter anderem Zeichnungen und abgeschnittene Haarlocken sowie Hochzeitsandenken der Queen enthalten. Der Coup verschaffte Hirsch überregionale Publicity - und ein Date im Hause Windsor.

Nach einem Schlaganfall wagte Sigi Hirsch 2002 einen Berufswechsel. Beim Bamberger Impro-Theater wurde sein Bühnentalent entdeckt und der spätberufene Spaßmacher stürzte sich als Kabarettist mit "surrealem Nonsens" in die Kleinkunstszene. Er trat mit Solo-Programmen ("Bitte nicht küssen - Anleitung zur erotischen Unzufriedenheit") und bei Lesungen auf und nahm an Poetry Slams teil. Zudem war er Moderator des Poetry Slams Coburg.

2004 gewann Sigi Hirsch den Krimi-Slam beim Krimifestival München, 2006 nahm er als Finalist im Team-Wettbewerb der deutschsprachigen Poetry Slam-Meisterschaften in München teil. Ab 2004 betätigte er sich zudem als Maler und nahm an zahlreichen Ausstellungen teil. Er verfasste mehrere absurde Kriminalromane ("Ich hab so Sehnsucht nach Gewalt") und veranstaltete in seiner Poetry Art-Galerie in Bamberg die Lesebühne "Wort:Laut!".

Sigi Hirsch war ein kreativer Künstler, der Zeit seines Lebens zahlreiche und herzliche Freundschaften pflegte, darunter zu Musikern und Schriftstellern wie Uwe Timm, Konstantin Wecker und Gunter Gabriel, dessen ersten öffentlichen Auftritt er organisiert hatte. Neben seinem künstlerischen Schaffen wird vor allem seine Lebensfreude und sein Humor in Erinnerung bleiben, den er sich auch in den letzten drei Jahren bewahrte, als er unter einer unheilbaren, chronischen Lungenerkrankung litt.

Oder wie es der Bamberger Schriftsteller Thomas Kastura in einem Beitrag auf Facebook treffend formuliert hat: "Sigi war einer der heitersten, liebenswürdigsten und versöhnlichsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte. Er hat mein Leben in einer Weise bereichert, die schwer in Worte zu fassen ist."

Frank Gundermann / Dieter Ungelenk

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Veröffentlicht am:
04. 06. 2019
16:56 Uhr

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04. 06. 2019
16:56 Uhr



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