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Feuilleton

Mit Wagner ins Wasser

Uwe Eric Laufenbergs Festspiel-„Parsifal“ in seinem letzten Bayreuth-Jahr: So schön könnte die Welt sein – ohne Religionsfanatiker.



Bayreuther Festspiele 2018 - Parsifal Bayreuth
HANDOUT - Juli 2018, Bayern, Bayreuth: «Parsifal», Andreas Schager (Parsifal) und Chor. Die Wagner-Oper wird bei den Bayreuther Festspielen 2018 erstmals am 26.07.2018 aufgeführt. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa   Foto: Enrico Nawrath

Bayreuth – In Gurnemanz’ Hütte schaut’s aus wie bei Hempels unterm Sofa. Kreuz und quer liegt alles, fette Dschungelpflanzen brechen durch defekte Wände. Kundry – die Verführerin von einst ist zur Tattergreisin grau verfallen – wischt den Kühlschrank des Gralshüters sauber, dem Günther Groissböck mit dunkel schimmernden Bass-Tiefen die Reputation eines Priester-Pädagogen verleiht. Sein Eisschrank hat es nötig: Kaum lässt der Schmutz sich lösen.

     Unfreiwillig komisch, diese Szene; andere sind’s auch. Immerhin, von Sündenschmutz, erst recht von  Reinigung, Erlösung handelt Richard Wagners „Weihfestspiel“ wie eine gottesdienstliche Zeremonie. Vielleicht darum kommt in Uwe Eric Laufenbergs Bayreuther Inszenierung viel Wasser vor. So badet im ersten Aufzug Gralskönig Amfortas, der aussieht wie das Leiden Christi (Ryan McKinny, auch stimmlich wacklig), im Riesenbecken seines ramponierten Kirchleins.

     Im Bad von Kundrys orientalischem Luxusdomizil planschen später Paradiesjungfrauen (Bühne und Kostüme: Gisbert Jäkel und Jessica Karge) mit dem Titelhelden, der wie ein Marine-Infanterist bewaffnet bei ihnen angekommen ist. Kundry legt ihn trocken: Elena Pankrativa, mit der Weichheit warmer Badetücher, breitet so sinnlich wie mütterlich die Schleier der Verführung um ihn aus. Im Schlussaufzug endlich wird geputzt und getauft, und ein tropischer Regenwaldregen geht über der reinlichen Splitternackigkeit erlöster junger Menschen nieder. Gurnemanz’ Bruchbude: Vorhof zum Paradies?

     Ins Wasser mit Wagner: Strömend und wogend quillt heiliger Orchesterklang aus dem Graben, wo Semyon Bychkov die Schleusen des Stimmungszaubers öffnet. Genüsslicher noch als im Planschbecken badet der Parsifal des beeindruckend stimmschönen, indes nicht mühelosen Andreas Schager in jener mehr seelenvollen als dramatischen Flut. Seit drei Jahren – und, im letzten Bayreuth-Jahr, am Dienstag vor hörbar zufriedenem Premierenpublikum – hat Wagners „reiner Tor“ die Erlösung in den krisenreichen Nordirak der Gegenwart zu bringen. Allerdings sind ihm dabei eine Überlast von Symbolen und Anspielungen, dazu viel Fragwürdiges in Laufenbergs unstimmiger Werkdeutung wenig hilfreich. Wer hier welchem Glauben angehört, weiß keiner mehr so recht, schon gar nicht Klingsor: Als vermeintlicher Moslem treibt der bezwingende Derek Welton Obszönes mit einem Kreuz, bevor er, sich geißelnd, vor einer Wand mit Kruzifixen in die Knie bricht.

     Am utopischen Ende legen Christen, Moslems, Juden (der grandiose Chor, von Statisten begleitet) die Requisiten ihrer Religionen ab und treten aus der Enge der Gralskapelle ins Weite, Freie ein. Schön wär’s. Wär’s so, es wäre eine Art von Paradies auf Erden.

Autor

Michael Thumser
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
31. 07. 2019
14:37 Uhr

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Autor

Michael Thumser

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Veröffentlicht am:
31. 07. 2019
14:37 Uhr



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