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Neue Branchensprecherin: Bücher als Impfstoff gegen platte Parolen

Karin Schmidt-Friderichs schwärmt für den Lese-Flow in Romanen. Die künftige Vorsteherin im Börsenverein des Deutschen Buchhandels geht die neue Aufgabe mit einem Plädoyer für kulturelle Vielfalt an. Die Mainzer Verlegerin freut sich, künftig auch häufiger in Frankfurt zu sein.



Karin Schmidt-Friderichs Mainz
29.08.2019, Rheinland-Pfalz, Mainz: Karin Schmidt-Friderichs, Verlegerin beim Verlag Hermann Schmidt, sitzt im Verlagsgebäude. Schmidt-Friderichs ist die neue Vorsteherin des Börsenvereins. Foto: Andreas Arnold/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit   Foto: Andreas Arnold

Mainz (dpa) - Mehr Selbstbewusstsein in der Buchbranche wünscht sich Karin Schmidt-Friderichs. Die Mainzer Verlegerin übernimmt nach der Frankfurter Buchmesse den Vorsitz im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und löst den bisherigen Vorsteher Heinrich Riethmüller ab. «Ich wäre glücklich, wenn ich dazu beitragen könnte, den Reichtum und die kulturelle Vielfalt unserer Branche stärker ins Bewusstsein zu bringen», sagte die 58-Jährige.

Dabei gehe es eigentlich nicht in erster Linie um die im Börsenverein zusammengeschlossenen Verleger, Buchhändler und Zwischenhändler. «Viel wichtiger sind Leserinnen und Leser.» Ihnen sagt Schmidt-Friderichs: «Je mehr Sie lesen, umso differenzierter und pluralistischer wird Ihr Weltbild. Und jedes Sachbuch, das Sie lesen, macht Sie weniger empfänglich für populistische Äußerungen.»

Zum Auftakt der Buchmesse steht zunächst der aktuelle Roman im Blickpunkt, wenn der Deutsche Buchpreis vergeben wird. Der 2005 eingeführte Preis findet von Jahr zu Jahr mehr Beachtung. «Da das Lesen etwas anstrengender ist als das Streamen von Netflix und Co. müssen wir die Menschen motivieren, diese Hürde zu nehmen und das Tor für Entdeckungen aufzustoßen», sagt Schmidt-Friderichs der Deutschen Presse-Agentur.

Dabei fängt sie gleich zu schwärmen an für den Lese-Flow in Romanen, die ihre Leser in eine andere Welt entführen, «so dass ich ganz in diese eintauche und Zeit und Raum vergessen kann». So sei es ihr etwa im Urlaub mit dem Roman «Miroloi» der Hamburger Autorin Karen Köhler ergangen. Um schnell eine Vorstellung zu Stil und Inhalten der 20 für den Buchpreis nominierten Romane zu erhalten, empfiehlt Schmidt-Friderichs die vom «Börsenblatt» herausgegebenen und kostenlos in Buchhandlungen erhältlichen Leseproben.

Im nächsten Jahr, am 16. Juni, wird der Börsenverein dann zum ersten Mal auch den Deutschen Sachbuchpreis vergeben, für Sachbücher, die Impulse für die gesellschaftliche Auseinandersetzung geben. Ab 23. September können sich Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz dafür bewerben, am 5. November wird die Jury bekanntgegeben. Die Zeit sei reif für einen solchen Preis, sagt die künftige Branchensprecherin. In der Flut der Neuerscheinungen sei es die Branche den Lesern schuldig, Impulse und Orientierung zu geben, Lust zu wecken, sie mit Buchbegeisterung anzustecken.

Für den Börsenverein engagiert sich Schmidt-Friderichs seit 2003, zuerst in der Nachwuchsarbeit, von 2011 bis 2016 dann in der zeitweise von Schließung bedrohten Stiftung Buchkunst. Der Wahl zur Börsenvereinsvorsteherin ging ein richtiger Wahlkampf mit dem Zwischenbuchhändler Stefan Könemann voraus; bei der Abstimmung erhielt sie 500 von 943 Stimmen. Jetzt ist sie auf einer «Tour der offenen Ohren» durch Deutschland unterwegs und spricht mit Händlern und Verlegern über deren Perspektiven auf die Buchwelt. «Das ergibt ein Puzzle, von dem ich noch nicht weiß, ob es rechteckig ist oder rund - aber ich habe jetzt langsam die Randteile.»

In der Arbeit für die Stiftung Buchkunst prägte Schmidt-Friderichs den Satz «Die Zukunft des Buches ist schön». Das könnte auch das Programm des Verlags Hermann Schmidt sein, den sie zusammen mit ihrem Mann führt. Schwerpunkte sind Schriftkunst, die Typographie, daneben auch Grafikdesign und Kommunikation. Sich selbst ganz der Arbeit im Verlag zu widmen, habe sie bei einem Glas Wein beschlossen, nach dem Studium der Architektur in Stuttgart.

Geboren wurde Schmidt-Friderichs in Bad Kreuznach, lebte dann in Bingen, Bonn und Mainz, ehe sie im Anschluss ans Abitur nach Hamburg ging, um Fotografin zu werden - «das war und ist fast die Stadt meiner Träume». Die Architektur habe sie dann als Vernunftstudium gewählt - das habe immerhin auch eine kreative Seite. Noch im Studium kamen ihre beiden Töchter zur Welt. Für die Balance zu Lesen und Schreibtischarbeit braucht sie die Bewegung: «Beim Wandern in der Natur, beim Gehen und Joggen kann ich meinen Arbeitsspeicher leeren - der ist üblicherweise sehr voll.»

«Ich mag Mainz sehr und bin gern hier zu Hause», sagt die 58-Jährige. «Ich freue mich aber auch darauf, jetzt öfter in Frankfurt zu sein», wo der Börsenverein seinen Sitz hat. «In Frankfurt passiert dauernd etwas Neues, dieses Brodelnde von Frankfurt ist sehr vitalisierend.» Mit den Orten ist das nicht anders wie mit Büchern: «Ich mag Diversität - es ist ein echter Reichtum, wenn wir Vielfalt haben.»

Von Peter Zschunke, dpa

Veröffentlicht am:
03. 09. 2019
15:15 Uhr

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03. 09. 2019
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