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Stresstest für die Toleranz

Hochaktuell, bitterböse und brüllend komisch: Eine politisch korrekte "Extrawurst" bringt in der Reithalle gutbürgerliche Fassaden zum Einsturz.



Teamgeist mit beschränkter Haftung: Boris Stark, Nils Liebscher, Thomas Straus, Solvejg Schomers und Florian Graf (von links) in der satirischen Komödie "Extrawurst". Foto: Henning Rosenbusch
Teamgeist mit beschränkter Haftung: Boris Stark, Nils Liebscher, Thomas Straus, Solvejg Schomers und Florian Graf (von links) in der satirischen Komödie "Extrawurst". Foto: Henning Rosenbusch  

Coburg - Freud hätte seine Freud‘ an diesem Seelenstriptease, und auch wir Nicht-Psychiater kommen aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Obwohl es sich um jene Sorte Lachen handelt, der gerne nachgesagt wird, im Hals steckenzubleiben - denn unter den Hüllen, die hier spektakulär fallen, findet jeder eine, die ihm passt. Sie sind aus Vernunft und Moral gewoben, beim einen grob, beim anderen fein - und drunter bibbert das blanke Ego, die nackte Angst, Neid, Missgunst, Ressentiments.

Wie wenig es heutzutage bedarf, um die zivilisatorische Fassade ehrbarer Bürger zum Einsturz zu bringen, das führt diese böse Komödie brüllend komisch vor, die kurz nach ihrer Uraufführung am Hamburger Ohnsorg-Theater das Coburger Publikum handstreichartig erobern dürfte: Die titelgebende "Extrawurst" für den türkischen Sportsfreund Erol gerät zum Stresstest für den Tennisclub Langeheide e.V., und seine Mitglieder setzen ihn mit Karacho in den Streusand.

Teamgeist und Fairplay gehen flöten, wunde Punkte entzünden sich, Wutbürger detonieren, Moralisten implodieren, die Grenzen zwischen gutwillig und bösartig, bemüht und ignorant, Täter und Opfer verschwimmen. Und wir sitzen mittendrin im Tumult, vergnügt vom brillanten Wortwitz, von der Schärfe der Dialoge, der Prägnanz der Figuren und der Wucht der Komödianten. Und beunruhigt, denn diese Theatersatire aus der Feder zweier TV-Comedyprofis (Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob) ist brutal real - und dieser Verein kein Zerrbild unserer Gesellschaft. Sondern ihr Abbild.

Darum haben uns der Regisseur André Rößler und seine Ausstatterin Simone Graßmann ja auch zu Komparsen gemacht in diesem Schlamassel: Die ganze Reithalle ist Bühne, auf Bierbänken nehmen wir unter bunten Lichtgirlanden Platz, vorne im Partyzelt wartet schon das kalte Büfett. Nur ein paar Formalien sind vor dem gemütlichen Teil der Mitgliederversammlung noch abzuwickeln, und die will der soeben einstimmig im Amt bestätigte Vorsitzende mit der Routine eines perfekt verfilzten Vereinsautokraten rasch durchziehen. Sein Demokratieverständnis prangt als Vereinslosung unübersehbar an der Wand: "In Frieden und Krieg erringt Einigkeit den Sieg".

Doch die militante Harmoniedoktrin des Dr. Heribert Bräsemann (den Thomas Straus mit listigem Witz spielt) scheitert - an einem Grill. Genauer gesagt an der ethischen Sensibilität und missionarischen Hartnäckigkeit von Melanie (furios: Solveig Schomers), die anlässlich der geplanten Anschaffung des Hochleistungsgrills XQ 3010 dafür plädiert, ein zweites Bratgerät für die Würste des türkischen Tenniskameraden Erol zu kaufen. Der möchte das zwar gar nicht, doch der Zündfunke ist schon übergesprungen und alsbald steht die ganze scheinheilige Eintracht in Flammen und mit ihr die labile Akzeptanz für alles "Fremde" auf dem Grill und in den Köpfen.

Wortgeplänkel schaukeln sich hoch zur Schimpftiraden, und mit jedem Affront wird das dünne Eis der Toleranz brüchiger, bis alle baden gehen. Rechte Verblendungen und linke Verklemmungen brechen auf, ein sprachgewaltiges Hauen und Stechen beginnt, in dem letztlich jeder gegen jeden giftet: Christ, Moslem, Atheist, Veganer, Flexitarier, Fleischesser, Weltbürger, Patriot, Macho, Softie, Mann und Frau.

Die ganze Palette haben die Autoren in nur fünf Figuren gepackt, und die mischen den Laden mit voller Energie und Emotion 90 Minuten lang auf, während der sechste im Bunde, Boris Stark als Protokollführer, in stiller Verzweiflung vom Hochsitz aus das Spektakel verfolgt. Den 2. Vorsitzenden Matthias (Frerk Brockmeyer) bringen die "Türkenwürste" zusehends aus der jovialen Fassung, bis ihm vor lauter Überfremdungspanik der Wutbürgerkragen platzt: "Ich bekenne mich zu unserer Grilltradition und Jesus Christus!". Klar dass sein Antipode Torsten (Nils Liebscher als sarkastisch-sensibler Idealist und veganer Freigeist) zur Nazi-Keule greift, allerdings am Ende vom eigenen Anspruch niedergestreckt wird - und von seinen Bauchgefühlen, namentlich der Eifersucht. Krachend birst infolge auch noch die Allianz mit seiner Gattin Melanie, die Torstens linksalternativer Fundamentalismus zusehends nervt.

Wer inmitten des kollektiven Nervenzusammenbruchs alle Hoffnung in die Integrität des schuldlos umstrittenen Erol setzt, liegt allerdings böse daneben: Der smarte Anwalt mit den türkischen Wurzeln, den Florian Graf souverän gibt, erweist sich selbst als krasser Rassist. Am Ende hat nur einer gut lachen - mal abgesehen vom Publikum im ausverkauften Haus, das am Ende eines fabelhaften Theaterabends das hinreißend spielende Ensemble mit begeistertem Applaus honoriert.

—————

Weitere Aufführungen: 14., 15., 28., 29., 31. Dezember, 15., 18., 19., 24., 26. Januar. Karten bei der Neuen Presse

Autor

Dieter Ungelenk
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
23. 11. 2019
19:24 Uhr

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Autor

Dieter Ungelenk

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Veröffentlicht am:
23. 11. 2019
19:24 Uhr



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