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Strandgut

Vorfahrt für die Freiheit

Eines der großen Mysterien der Menschheit ist gelöst. Nach intensiver Fahndung gelang es in dieser Woche, ein Phantom dingfest zu machen, das die Fachwelt seit Langem in Atem hält: den gesunden Menschenverstand.



Vorfahrt für die Freiheit
Vorfahrt für die Freiheit  

Eines der großen Mysterien der Menschheit ist gelöst. Nach intensiver Fahndung gelang es in dieser Woche, ein Phantom dingfest zu machen, das die Fachwelt seit Langem in Atem hält: den gesunden Menschenverstand. Psychologen, Soziologen und Hirnforscher waren ihm seit Jahren auf den Fersen, doch stets gelang es ihm, sich dem Zugriff zu entziehen. Mal waberte er über deutschen Stammtischen, mal troff er aus den Seiten der BILD-Zeitung, mal marschierte er montags durch ostdeutsche Straßen. Von dort aus gelang es ihm nun, ins politische Zentrum der Republik vorzudringen: in den deutschen Bundestag.

Eingeschleust hatte ihn offenbar Verkehrsminister Andreas Scheuer, der unter dem Decknamen "IM Vollgas" die Interessen der deutschen Automobilindustrie im Klimakabinett vertritt. Folgerichtig sieht er in einer zügigen Fahrweise den natürlichen Garant für Freiheit, Fortschritt und Wohlstand, dessen Beschränkung "gegen den gesunden Menschenverstand" verstoße.

Das ist insofern nicht überraschend, als der gesunde Menschenverstand in aller Regel in der Bauchregion angesiedelt ist, bei Männern häufig etwas tiefer und bei Scheuer ganz unten, im rechten Fuß. Dass es ihm gelang, für seine faktenresistente Haltung eine überwältigende Parlamentsmehrheit zu mobilisieren, bestätigt alle, die das Hohe Haus für eine vernunftfreie Zone halten: Eine 500-köpfige schwarzrotgelbbraune Koalition fegte ein Tempolimit von 130 mit der rhetorischen Lichthupe vom grünen Tisch. Sie sicherte damit das europaweit einmalige Grundrecht auf unbegrenzte Selbstverwirklichung am Steuer, das sich neben Deutschland nur noch ein Handvoll freiheitsliebender Staaten gönnen, darunter Afghanistan und Nordkorea.

Der Rest der Welt schüttelt den Kopf, ist aber ist auch ganz froh, dass die Deutschen sich mittlerweile damit begnügen, ihre Präpotenz auf einem befahrbaren Führer-Denkmal auszuleben. Ein bisschen schade ist es ums Klima, das so noch schneller unter die Räder kommt. Und um die 140 Menschen, die pro Jahr nicht auf Bundesautobahnen sterben müssten, wenn die Raserei ein Ende fände. Aber die Freiheit hat halt ihren Preis - sagt uns der gesunde Menschenverstand.

Autor

Dieter Ungelenk
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
19. 10. 2019
00:00 Uhr

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Autor

Dieter Ungelenk

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Veröffentlicht am:
19. 10. 2019
00:00 Uhr



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