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Alter Ritus, aktuelle Brisanz

Dr. Antje Yael Deusel ist Oberärztin der Urologie und gleichzeitig die erste fränkische Rabbinerin. In Ebern referiert sie in einer lebhaften Veranstaltung über die religiöse Beschneidung bei Juden.



Am achten Tag nach der Geburt werden im Judentum Jungen beschnitten; gleichzeitig wird an diesem Tag auch der Name des Kindes bekannt gegeben. Die Gemeinschaft feiert dies mit einem großen Fest.	Foto: dpa
Am achten Tag nach der Geburt werden im Judentum Jungen beschnitten; gleichzeitig wird an diesem Tag auch der Name des Kindes bekannt gegeben. Die Gemeinschaft feiert dies mit einem großen Fest. Foto: dpa   » zu den Bildern

Ebern - Zu einem ungewöhnlichen Vortrag hatten die evangelische Kirchengemeinde und die vhs Ebern am Donnerstag ins Gemeindehaus eingeladen, und ungewöhnlich war auch die Referentin: Dr. Antje Yael Deusel, Oberärztin der Urologie am Klinikum Bamberg und Rabbinerin, informierte über die religiöse Beschneidung. "Mein Bund, den ihr bewahren sollt", hieß das Thema ihrer Masterarbeit am Rabbiner-Kolleg in Potsdam. Es ging darin um Beschneidung als eine der zentralen Säulen des Judentums.

Schon im 2. Buch Mose gebe es einen ersten Hinweis, so Deusel, die in Haßfurt geboren wurde und am dortigen Regiomontanus-Gymnasium ihr Abitur ablegte. Damals, bei diesem ältesten Schriftstück über jüdische Beschneidung, hätte sogar eine Frau die Handlung vornehmen dürfen. Ungewöhnlich war ein solcher Brauch in der Zeit der ägyptischen Großreiche nicht. Viele Volksgruppen hatten im Nahen Osten ähnliche Rituale und Kennzeichnungen ihrer männlichen Mitglieder. Selbst ägyptische Adelige und Herrscher wurden in einer ganz speziellen Weise beschnitten.

Erst zur Zeitenwende, als die römische Großmacht fast den ganzen Mittelmeer-Raum beherrschte und auch Israel besetzte, änderte sich manches. Die Beschneidung wurde zum ersten Mal richtig thematisiert. Das kam so: Die Römer erkannten, dass die Israeli eine hochstehende Kultur hatten und wollten davon profitieren. Sie merkten aber auch schnell, dass sich die jüdischen Männer mit ihrer Beschneidung von anderen unterschieden, denn in den Nachbarvölkern waren ähnliche Rituale inzwischen untergegangen. Die Römer wollte diese Kennzeichnung nicht und begannen deshalb, die Beschneidung lächerlich zu machen.

Für die jüdischen Familien war das jedoch ein wichtiger Akt ihrer Individualität und ihrer Beziehung zu Gott, "dem Ewigen", so Dr. Deusel. Sie erinnerte auch an die allgemein bekannte und geschätzte Blutsbrüderschaft in Karl Mays "Winnetou". Dann stellte sie für Urologen heute noch moderne Vorschriften, wie die Arbeit ausgeführt zu werden hat, vor. Sie nannte die wichtigen Quellen und betonte, dass das Ritual für die Religion immer bedeutender wurde. "Die Beschneidung war inzwischen so wichtig, dass sie sogar den Sabbat brach. Wenn der achte Tag nach der Geburt also auf einen Sabbat fiel, wurde die Beschneidung dennoch durchgeführt", unterstrich die Ärztin. Auch seinen Namen erhielt das Kind danach.

Im Mittelalter stieg die Bedeutung noch weiter an, weil das jüdische Volk ja jetzt überall verstreut war und nur noch durch wenige Riten zusammenhalten konnte. Die Beschneidung wurde so schließlich zu dem wichtigsten und sichtbarsten Kennzeichnen und stand im Rang praktisch christlichen Sakramenten gleich. Erst nach der Französischen Revolution, als der allgemeine Gleichheitscharakter aufkam, diskutierte man wieder über das Thema. Am Ende blieb es dann bis heute die alles umspannende Klammer für die jüdische Religion.

Doch gerade jetzt kommt nach einem Urteil des Landgerichts Köln im Sommer neuer heftiger Wind auf - auch in Ebern. Der Saal im evangelischen Gemeindehaus war bestens besucht, darunter waren auch mehrere Ärzte. Skeptiker und starke Gegner der Beschneidung gab es ebenso wie neutrale Einstellungen. "Eine Körperverletzung Wehrloser", sah etwa Jörg Röder, dem wie Sabine Klüpfel die Darstellungsart der Rabbinerin missfiel. Antje Deusel blieb ruhig: Sie sei Angriffe schon gewöhnt.

Aus Sicht der Urologin erläuterte sie den Nutzen der kleinen Operation, die sich positiv auf die Sauberkeit und dadurch auch auf die Gesundheit auswirke.

Die Beschneidung steht seit über 2000 Jahren für den Zusammenhalt der Juden.

Dr. Antje Deusel,

Rabbinerin und Urologin


Wissenschaftliche Arbeit, kein Polarisieren

Das Buch "Mein Bund, den ihr bewahren sollt", ist die Masterarbeit der Medizinerin Dr. Antje Yael Deusel. Damit schloss sie ihr Studium am Rabbiner-Kolleg in Postdam ab.

Deusel ist die erste nach 1945 geborene Frau, die an einem deutschen Rabbiner-Kolleg ausgebildet wurde.

Neben ihrer Arbeit als Gemeinderabbinerin in der israelitischen Gemeinde in Bamberg ist sie als Oberärztin in der Klinik für Urologie und Kinderurologie in Bamberg tätig; außerdem hat sie einen Lehrauftrag im Fach Judaistik an der Universität Bamberg inne.

Die Masterarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Beschneidung. Das Thema wurde jedoch nicht wegen der aktuellen Diskussion nach dem Kölner Urteil gewählt, sondern viel früher auf Vorschlag ihrer Lehrer.

Ihr Werk war fertig, bevor das Urteil stand. Lediglich Finanzierung und Druck haben sich etwas hingezogen, so dass die Masterthese erst 14 Tage nach dem Urteil im Sommer dieses Jahres erschien.

Von der anschließenden Aufmerksamkeit in den Medien sei sie völlig überrascht worden, so Deusel. Sie habe nicht das Ziel gehabt, zu polarisieren, sondern eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben. cp

Dr. Antje Deusel: Mein Bund, den ihr bewahren sollt. Religionsgesetzliche und medizinische Aspekte der Beschneidung Taschenbuch, 170 Seiten. Verlag Herder; Auflage: 1 (5. Juni 2012). 19,95 Euro.


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Von Claudia Baumgärtner
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Veröffentlicht am:
14. 11. 2012
00:00 Uhr

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