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Berufsalltag statt Klassenzimmer

Beim "Sozialen Tag" probieren Eberner Realschüler die Arbeitswelt aus - und spenden ihren Lohn für benachteiligte Gleichaltrige.



Da Hanna Sperber über eine Ausbildung zur Friseurin nachdenkt, verbrachte sie den Schultag im "Friseursalon Tomi" in Ebern. Nachdem Heike Werner der Kundin Luise Feldmann die Haare geschnitten hatte, konnte sich die Sechstklässlerin nützlich machen und die Haare zusammen kehren. In Zeiten raren Nachwuchses an Mitarbeitern freute sich Inhaber Tomislav Gaspic (rechts) über die Aktion (linkes Bild). Luisa Hetzel (links) und Leonie Fritsch nutzen den "Sozialen Tag", um bei der Schreinerei May in einen typischen Männerberuf kennen zu lernen. Hier bringen die beiden Zwölfjährigen Werkzeugkoffern für den nächsten Einsatz beim Kunden zum Bus, die dann von Inhaber Sebastian May verstaut werden (rechtes Bild). Fotos. Knauth
Da Hanna Sperber über eine Ausbildung zur Friseurin nachdenkt, verbrachte sie den Schultag im "Friseursalon Tomi" in Ebern. Nachdem Heike Werner der Kundin Luise Feldmann die Haare geschnitten hatte, konnte sich die Sechstklässlerin nützlich machen und die Haare zusammen kehren. In Zeiten raren Nachwuchses an Mitarbeitern freute sich Inhaber Tomislav Gaspic (rechts) über die Aktion (linkes Bild). Luisa Hetzel (links) und Leonie Fritsch nutzen den "Sozialen Tag", um bei der Schreinerei May in einen typischen Männerberuf kennen zu lernen. Hier bringen die beiden Zwölfjährigen Werkzeugkoffern für den nächsten Einsatz beim Kunden zum Bus, die dann von Inhaber Sebastian May verstaut werden (rechtes Bild). Fotos. Knauth  

Ebern - Arbeiten für einen guten Zweck statt Schulbank zu drücken: Diese Möglichkeit nutzen am gestrigen Freitag viele Schüler der Dr.-Ernst-Schmidt Realschule Ebern beim "Sozialen Tag 2019". Zum vierten Mal beteiligte sich diese an der Initiative von "Schüler Helfen Leben" (SHL) und half mit den erarbeiteten Geldern u.a. Projekte gegen Rassismus und für Kinderrechte in Serbien bzw. Jordanien zu unterstützen.

Es waren teilweise sehr junge "Arbeitskräfte", die gestern in Ebern und Umgebung unterwegs waren: Fünftklässlerinnen schauten sich beispielsweise im Verkauf der Firma Batzner um. Schülerinnen der neunten Jahrgangsstufe lernten im Sonnenhof in Wüstenwelsberg die Filzerei oder im Sozialpsychiatrischen Zentrum in Ebern die Heilerziehungspflege kennen. Auch Ursula Gräbe von der Eberner "Leseinsel" bot zwei Schülern die Gelegenheit in den Buchhandel reinzuschnuppern.

Gefragt war auch der genauere Blick auf das Berufsbild Friseurin, wie etwa bei den "Stadtschönheiten Ebern" oder im "Friseursalon Tomi", wo Hanna Sperber den Vormittag verbrachte. Die 13-Jährige kann sich durchaus vorstellen, einmal selber zur Schere zu greifen: "Friseurin oder Kindergärtnerin habe ich schon früher in Freundebüchern immer als Berufswunsch angegeben", erzählte sie. Auch das Flechten von Zöpfen hat ihr "schon immer Spaß gemacht", fügte sie hinzu. Interessiert schaute Sperber dem siebenköpfigen Team beim Waschen, Färben und Schneiden zu oder kehrte Haare zusammen. "Es hat mir Spaß gemacht neue Dinge zu lernen", lautete kurz vor "Dienstschluss" ihre positive Bilanz, "das ist doch etwas anderes als Schule". Auch dass die Einnahmen gespendet werden, begrüßte die Siebtklässlerin, die sich selbst um ihr Engagement bei "Tomi" gekümmert hatte. Inhaber Tomislav Gaspic, dessen Tochter Luzia mit Hanna Handball spielt, freute sich über den Zuwachs auf Zeit: "Es wird ja immer schwerer gute Leute zu finden", hoffte er Hannas Interesse geweckt zu haben. "Ja, immer weniger wollen den Beruf erlernen", pflichtete ihm seine Frau Anna bei. Sie freute sich daher über "die schöne Aktion, die auch noch gute Zwecke unterstützt".

Bei Luisa Hetzel und ihrer Busenfreundin Leonie Fritsch waren es weniger die Suche nach dem Traumberuf als verwandtschaftliche Beziehungen, die sie den Schultag in der "Maysterschreinerei" von Sebastian May in der Kasernenstraße verbringen ließen. "Luisa ist die Tochter meines Cousins", informiert der Schreinermeister. Den beiden Mädels wollte er am "Sozialen Tag" ebenso eine Chance geben wie dem Achtklässler, der ein halbjähriges Berufspraktikum bei ihm absolviert. Auch im Beruflichen Fortbildungszentrum bfz Ebern engagiert sich May. Frühmorgens konnte Luisa ihren Verwandten auf Montage begleiten, während Luisa in der Werkstatt aufräumte. Zu sehen, wie eine Haustür ausgebaut, vor Ort repariert und wieder eingebaut wurde, fand die Zwölfjährige "schon interessant". Anschließend wurde getauscht. "Jetzt musst Du arbeiten", frohlockte Leonie. "Wir haben sonst kaum Zeit zum Saubermachen", gestand May. Sein Vater Werner, der ebenfalls im Betrieb mitarbeitet, lobte die Bauerstochter Leonie: "Man merkt ihr an, dass sie mitanpackt!" Das konnte die Gelobte gleich wieder unter Beweis stellen, galt es doch Werkzeugkoffer für den nächsten Einsatz in die Bus einzuladen. Dazu fügte May mit Bedauern an: "Weil wir morgen ein großes Vorhaus aus Aluminium aufbauen, fallen heute leider keine Maschinenarbeiten an, bei denen die Mädchen zuschauen könnten."

Alle Arbeitgeber hatten mit den Schülern eine Arbeitsvereinbarung ausgefüllt und überweisen den Lohn als Betriebsausgabe direkt an SHL. Als Richtlinie gibt SHL einen Stundenlohn von sieben bis zehn Euro vor. Dass die Aktion ihm potentielle Auszubildende oder Mitarbeiter einbringen könnte, beurteilte May kritischer als Gaspic. Derzeit bildet der Schreinermeister nicht aus. "Mit dem Nachwuchs sieht es mau aus", meint er, schon beim Vorstellungsgespräch ließen die Interessenten durchblicken nach der Ausbildung in die Industrie wechseln zu wollen: "Somit würde ich für Andere ausbilden." Seit dem Schuljahr 2016/17 macht die Realschule beim "Sozialen Tag" mit. Gleichaltrigen, aber benachteiligen Kindern und Jugendlichen zu helfen, in den Traumberuf reinzuschnuppern und früh Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern zu knüpfen: Diese Möglichkeit gleich drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, überzeugte auch die Verantwortlichen in Ebern. In diesem Jahr nahmen 392 Schüler von der fünften bis zur neunten Jahrgangsstufe teil. Nur die zehnten Klassen fehlten, weil sie derzeit ihre Abschlussprüfungen absolvieren. Von Arbeitgeberseite beteiligten sich rund 150 Unternehmen, Verwaltungen und Kindertagesstätten. Einigen Kindern bot sich die Möglichkeit an den Arbeitsstellen ihrer Eltern mitzuarbeiten oder soziale Dienste bei Verwandten oder Nachbarn zu leisten. An Spenden sollen für die gesamte Arbeitsleistung der Eberner Realschüler über 10.000 Euro an SHL fließen. "Den Schülern wurden insgesamt 10164 Euro an Spenden zugesichert", informierte Studienrätin Miriam Siedler, die Summe habe sich seit der ersten Teilnahme kaum verändert. "Als Schule mit einem sozialen Profil und Fairtrade-Schule ist es uns ein besonderes Anliegen soziale Projekte zu unterstützen", erläuterte Siedler die Motivation der Schule, mit Verweis auf den sozialen Zweig mit der Wahlpflichtfächergruppe Sozialwesen.

Dazu handele es sich bei SHL um "die größte jugendliche Hilfsorganisation in Deutschland", die sich mit ihren Projekten in der genannten Region den Themenschwerpunkten Antidiskriminierung, Jugendengagement und Unterstützung von Geflüchteten widme. Für die unabhängige Organisation engagierten sich "junge Menschen verschiedener politischer und weltanschaulicher Hintergründe". Die Studienrätin hob auch hervor, dass SHL finanziell nachhaltig, transparent und mit lokalen Partnern arbeite und unter anderem unter der Schirmherrschaft der Kanzlerin stehe. Die Verwendung der Gelder werde zudem kontrolliert. "Es ist sichergestellt, dass die Gelder auch wirklich dort ankommen, wo sie gebraucht werden", betonte Siedler, "das ist uns wichtig". Selbst die Schülersprecher der Realschule hätten in den letzten drei Jahren mitbestimmen können, welche Projekte jeweils im Folgejahr unterstützt werden sollen.

Und so paukten die Eberner Realschüler gestern weder Deutsch noch Englisch, weder Mathematik noch Biologie, Geschichte oder Erdkunde. Stattdessen lernten sie bei ihrer eintägigen Auszeit vom Schulalltag sich für Jugendliche in schwierigen Lebenslagen einzusetzen und ein Zeichen für Demokratie, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu setzen. Auch soziale Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Eigeninitiative und Selbstorganisation wurden gestärkt. Alles Fähigkeiten, die den Jungen und Mädchen auch im Unterricht zugute kommen. Als Dank fürs gezeigte Engagement erhält jeder Schüler eine Teilnahme-Urkunde. Und wer weiß, vielleicht hat der eine oder die andere gestern schon den zukünftigen Berufswunsch gefunden?

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Bettina Knauth
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Veröffentlicht am:
12. 07. 2019
20:04 Uhr

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Bettina Knauth

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Veröffentlicht am:
12. 07. 2019
20:04 Uhr



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