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Hassberge

Dealerin muss hinter Gitter

Eine 39-Jährige muss wegen bewaffneten Drogenhandels und -besitzes für zwei Jahre und neun Monate in Haft. Ihr eigene Drogenkarriere begann mit 13 Jahren.



Dealerin muss hinter Gitter
Dealerin muss hinter Gitter  

Bamberg/Sand - Seit längerer Zeit galt eine unscheinbare Lagerhalle in Sand am Main als Schauplatz von Drogenpartys und als Umschlagplatz von Drogen aller Art. Doch seit dem 16. Dezember vergangenen Jahres ist damit Schluss. Dank des Hinweises einer Vertrauensmannes konnte die Kriminalpolizei Schweinfurt an diesem Tag ein Rauschgiftgeschäft verhindern und drei Personen festnehmen - darunter auch eine 39-Jährige, die sich am Montag vor dem Landgericht verantworten musste. Die dritte Strafkammer verurteilte die zweifache Mutter aus dem Landkreis Haßberge wegen bewaffneten Drogenhandels und -besitzes zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten.

Den Hinweis des anonymen Vertrauensmanns erhielt die Kripo Schweinfurt erst am späten Nachmittag des 16. Dezembers des vergangenen Jahres. Der Anklage zufolge sollte die Angeklagte noch am selben Abend eine Lieferung der Droge Crystal von einem Dealer aus dem Raum Gotha erhalten. Die Übergabe sollte in der Lagerhalle in Sand stattfinden, in der die Angeklagte zum Teil auch lebte. Die Beamten leiteten daraufhin eine Überwachung des Tatorts und der Zufahrtswege ein. Gegen 20 Uhr fuhr tatsächlich ein Fahrzeug mit Gothaer Kennzeichen an der Lagerhalle vor. Die Angeklagte stieg in das Fahrzeug ein, das anschließend ins Gewerbegebiet in Knetzgau fuhr. Dort erfolgte die Festnahme der drei Fahrzeuginsassen, zwei Männer und die Angeklagte.

Die Beamten fanden in dem Fahrzeug rund zehn Gramm Amphetamin sowie 2200 Euro Bargeld in kleinen Scheinen, das in den Seitenverkleidungen und im Radkasten versteckt war. In der Lagerhalle fanden die Ermittler 30 Gramm Crystal, knapp 80 Gramm Amphetamin, 140 Ecstasy-Tabletten sowie eine geringe Menge Cannabis und eine Machete, die griffbereit auf einem Tisch in einem Nebenraum der Lagerhalle lag.

Die Angeklagte gab vor Gericht an, sie sei nur der Anlaufpunkt für zwei weitere Drogenhändler gewesen und habe die Geschäfte nur vermittelt. Dafür habe sie pro Lieferung ein bis drei Gramm Crystal für den Eigenkonsum erhalten. An jenem verhängnisvollen Abend im Dezember habe der Lieferant aus Thüringen 30 Gramm Crystal liefern wollen, das für 70 Euro pro Gramm weiterverkauft werden sollte. Die Machete habe sie für Gartenarbeiten benutzt. Sie habe nie die Absicht gehabt, jemanden damit zu schädigen, gab sie zu Protokoll. "Es ist gut so, wie es passiert ist. Ich habe mich selbst kaputt gemacht mit den Drogen", sagte die Angeklagte, die bereits zwei Therapien absolviert hat.

Laut Aussage eines Beamten der Kripo Schweinfurt sei es durchaus möglich, dass die Angeklagte nur Drogen für andere aufbewahrt habe, da bei der Auswertung ihres Handys keine verdächtigen Hinweise gefunden worden seien. Drogenbestellungen wurden dem Zeugen zufolge im üblichen Drogen-Slang der Szene aufgegeben, die mit "20 Liter Farbe" für 20 Gramm Crystal oder "30 Eintrittskarten" verschlüsselt wurden.

Mit ihrer Einschätzung, dass die Drogen ihr Leben ruiniert haben, liegt die Angeklagte wohl richtig: 22 Eintragungen stehen in ihrem Bundeszentralregisterauszug, die meisten davon sind Diebstähle zur Finanzierung ihres Drogenkonsums sowie Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Dabei verliefen die ersten Jahre ihres Lebens durchaus in geordneten Bahnen. Sie wuchs in einem intakten Elternhaus in Thüringen auf, schloss die Realschule ab und begann eine Lehre zur Krankenschwester, die sie jedoch wegen ihrer Drogenprobleme abbrach. Eine weitere Ausbildung zur Lagerlogistikerin absolvierte sie mit dem besten Prüfungsergebnis. Auch sportlich lief es bei der Angeklagten. Sie spielte in der Zweiten Bundesliga Volleyball, obwohl sie nach eigener Aussage "nicht nüchtern zum Training erschien." Sie bekam zwei Töchter von zwei verschiedenen Männern. Die ältere der beiden ist bereits volljährig, die jüngere lebt in einer Pflegefamilie.

Mit 13 Jahren begann die Drogenkarriere der zweifachen Mutter. In der "gesetzesfreien Zone im Osten" habe es damals alles gegeben, erklärte sie - und sie nahm es auch, vom Cannabis bis zu Ecstasy, Amphetamin, Kokain bis hin zu Heroin und Methamphetamin. Es folgen Haftaufenthalte, zwei Therapien und immer wieder Rückfälle. Die Beziehungen zu den Vätern ihrer Töchter zerbrechen. In der Sander Lagerhalle habe sie einem anderen Drogenabhängigen beim Aufräumen geholfen, der im letzten Jahr verstorben sei.

Dass sie irgendwann durch eine weitere Therapie von den Drogen loskommt, glaubt Gutachter Dr. Christoph Matern aus Bayreuth nicht. Eine erneute Therapie sei "aussichtslos", lautete seine ernüchternde Diagnose vor Gericht. Die Angeklagte sei seit 20 Jahren körperlich und seelisch abhängig. Ihre Steuerungsfähigkeit sei eingeschränkt, weshalb ein minder schwerer Fall im Sinne des Strafrechts vorliege.

Davon ging auch die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer aus. Dennoch habe die Angeklagte Handel mit dem 3,7-fachen der nicht geringen Menge an Rauschgift getrieben. Die griffbereit liegende Machete wertete sie als Waffe. "Dies ist nachvollziehbar beim Handel mit Männern", sagte die Anklagevertreterin und forderte eine Haftstrafe von sechseinhalb Jahren. Weit davon abweichend lautete der Antrag von Verteidiger Jens Urban, der eineinhalb Jahre Haft für ausreichend erachtete. Die Strafkammer blieb in ihrem Urteil am unteren Rand der beiden Anträge. Richter Markus Reznik bezeichnete die Verurteilte als "bedauernswerte Person", die "ihren Lebensweg kaputt gemacht" habe. Die Angeklagte nahm das Urteil an. Die Staatsanwältin gab keine Erklärung ab. Foto: Dedert/dpa

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Martin Schweiger
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Veröffentlicht am:
07. 07. 2020
17:08 Uhr

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Martin Schweiger

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07. 07. 2020
17:08 Uhr



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