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Hassberge

Der Mensch rückt in den Hintergrund

Politiker, Pfleger und Bürger sprechen in Haßfurt über Missstände in der Pflege. Die ist teuer aber auch ein Dschungel aus Bürokratie und wachsender Kontrolle.



Auf Einladung von Peter Werner (rechts, stehend) von den Knetzgauer Grünen kamen (hinten von links) Ulrike Hahn (AWO), Landtagsabgeordneter Andreas Krahl, MdB Manuela Rottmann (beide Grüne), Heike Ehlert (Caritas), Carina Küfner (BRK-Sozialstation) und Ulrike Rüth (Bayernstift) mit Bürgern im Mehrgenerationenhaus in Haßfurt zusammen, um über Missstände im Pflegesektor zu sprechen.	Foto: Schuster
Auf Einladung von Peter Werner (rechts, stehend) von den Knetzgauer Grünen kamen (hinten von links) Ulrike Hahn (AWO), Landtagsabgeordneter Andreas Krahl, MdB Manuela Rottmann (beide Grüne), Heike Ehlert (Caritas), Carina Küfner (BRK-Sozialstation) und Ulrike Rüth (Bayernstift) mit Bürgern im Mehrgenerationenhaus in Haßfurt zusammen, um über Missstände im Pflegesektor zu sprechen. Foto: Schuster   » zu den Bildern

Haßfurt - Ein Platz im Pflegeheim kostet im Monat einen Eigenbeitrag von 2000 bis 2500 Euro. Einen entsprechenden Pflegegrad vorausgesetzt. Wenn nicht, dann kann es teurer werden, betont Heike Ehlert, Leiterin des Alten- und Pflegeheims St. Bruno in Haßfurt. Das lässt einige der rund zwei Dutzend Bürger, die sich am Dienstagabend im Mehrgenerationenhaus (MGH) in Haßfurt eingefunden haben, schwer schlucken. Andere schütteln den Kopf. Eine Frau aus der Runde spricht aus, was viele denken. "Wer kann denn das bezahlen?", raunt sie - und eröffnet damit treffend eine Podiumsdiskussion zum Thema Pflege.

Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatten die Grünen Pflegeeinrichtungen im Landkreis besucht, um den Missständen im Pflegesektor näher zu kommen. Dabei war unter anderem deutlich geworden: Besonders im Kreis Haßberge herrscht ein akuter Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen. Zusammen mit der finanziellen Belastung treibe dies Menschen, die Angehörigen zu Hause pflegen, "an den Rand ihrer Kräfte".

An diesem Dienstag bekamen Bürger die Gelegenheit, direkt mit Vertretern von Pflegeeinrichtungen im Landkreis zu sprechen. Abgesandte von AWO, Caritas, Bayernstift sowie der BRK-Sozialstation folgten der Einladung der Grünen. mit von der Partie waren Dr. Manuela Rottmann, Abgeordnete der Grünen im Bundestag, und Andreas Krahl, pflegepolitischer Sprecher der Grünen im Landtag. Der Vorsitzende der Knetzgauer Grünen Peter Werner führte als Moderator durch den Abend. Das erklärte Ziel: Es sollte gemeinsam nach Lösungen gesucht werden, wie man die Situation von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen verbessern könne.

Dass von den hohen Kosten viele der Anwesenden vor den Kopf gestoßen sind, dafür zeigen die Vertreter der Pflegeeinrichtungen durchaus Verständnis und starten zunächst Erklärungsversuche. "Die Kosten für den Heimaufenthalt hängen von den Investitionen beim Bau der Einrichtungen ab", legt Ulrike Hahn dar. Hahn ist Bereichsleiterin der AWO Unterfranken im Bereich Senioren und Reha und überblickt im Bezirk mehr als 30 Einrichtungen.

Früher habe der Freistaat Bayern den Bau von Senioreneinrichtungen gefördert. Inzwischen sei dies jedoch nicht mehr der Fall, führt Hahn weiter aus. Die Kosten müssten also letztlich auf die Bewohner umgelegt werden. Der Pflegeaufwand an sich würde von den Kassen bezahlt und sei von Einrichtung zu Einrichtung ähnlich.

Eine Praxis, die für reichlich Unverständnis sorgt. "Ich habe einen guten Job und verdiene nicht schlecht", sagt eine jüngere Frau aus dem Plenum. "Trotzdem könnte ich mir das nicht leisten." In solchen Fällen, entgegnet Heimleiterin Heike Ehlert, würde der Bezirk in die Bresche springen und Kosten übernehmen. Allerdings würde zuerst auch das Vermögen der Betroffenen herangezogen.

"Wer sein Geld zu Lebzeiten verjubelt, hat es später also gut. Wer gespart hat, der verliert alles", schlussfolgert eine andere Bürgerin. Moderator Peter Werner pflichtet dem bei. "Es darf nicht sein, dass die Betroffenen die finanzielle Belastung in einem nicht funktionierendem System tragen." Ein guter Anfang sei der Vorstoß einiger Länder im Bundesrat, den Eigenanteil deckeln zu wollen. Im Gespräch waren dabei etwas mehr als 600 Euro. Werner wisse jedoch auch: Im Gegensatz zu Kranken- und Pflegekassen hätten die Betroffenen keine Lobby und würden daher auch "nicht bedient".

"In Berlin herrscht eine massive Fehlvorstellung, was in der Pflege los ist", sagt auch Manuela Rottmann. Die Bundestagsabgeordnete ist zwar derzeit im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz aktiv, hat sich aber in früheren Jahren als Dezernentin für Umwelt und Gesundheit für die Grünen in Frankfurt auch das Thema Pflege zu eigen gemacht. Verwundert sei sie von Aussagen Spahns wie: "Wenn die Familien ein bisschen mithelfen, dann geht das schon", zitiert sie den Bundesgesundheitsminister. Zudem sei auch immer wieder der Vorwurf in bestimmten Kreisen zu hören, dass das Problem daran liege, dass Frauen sich selbst verwirklichen wollten und arbeiten gingen.

Auf die veränderten Gegebenheiten gehe man dagegen kaum ein. So gebe es immer weniger Kinder in den Familien, die die Pflege ihrer Eltern stemmen könnten. Zudem würden junge Menschen immer häufiger dort hin ziehen, wo sie Arbeit fänden. Und in der Pflegesituation würden Betroffene ihre Angehörigen nicht mehr nur ein halbes Jahr auf dem Sterbebett pflegen, sondern wegen der steigenden Lebenserwartung teils Jahrzehnte lang. Externe Faktoren, wie den Finanzen, würden Menschen immer wieder dazu zwingen, Angehörige zu Hause zu pflegen.

Dabei bringt eine kurze Nachfrage von Rottmann zutage: Kaum einer der Anwesenden weiß, welche Leistungen dabei in Anspruch genommen werden könnten. Wo bekomme ich einen Rollstuhl oder finanzielle Mittel für einen Umbau her? Was bezahlt die Krankenkasse, was die Pflegekasse und welche Bescheinigungen benötige ich dafür? Es gebe viele Möglichkeiten, sagte Peter Werner, der bürokratische Aufwand sei aber schwer zu überblicken. Werner riet den Anwesenden daher, sich schon bevor ein Angehöriger zum Pflegefall werde bei der Pflegeberatung im Landratsamt zu informieren.

Doch selbst wenn man das nötige Geld aufbringen könne, sei es nahezu unmöglich derzeit im Landkreis einen Platz für Kurzzeitpflege zu ergattern, fährt Werner fort. Er selbst pflege seine Mutter und habe nach einer Einrichtung gesucht, in der man sich für einen kurzen Zeitraum um sie kümmere, während er ein paar Tage Urlaub mit seiner Frau mache. Erst im Landkreis Bamberg habe er einen Platz bekommen aber auch den erst für September 2020.

Alle Einrichtungen hätten damit zu kämpfen, dass schlicht zu wenige Mitarbeiter vorhanden seien, schildert AWO-Frau Ulrike Hahn. Außerdem sei der Personalschlüssel generell eng gestrickt, fügt Heike Ehlert von der Caritas hinzu. Man arbeite noch immer mit der selben Menge an Personal, wie noch vor 20 Jahren. Das Arbeitsprofil habe sich aber maßgeblich geändert. Kliniken würden Patienten viel zu schnell entlassen, weil sie selbst keine Kapazitäten hätten. Patienten müssten dann in Kurzzeitpflege oder gar ambulant versorgt werden - Aufgaben, die Kassen allerdings nur mit geringen Vergütungen versehen, obwohl der pflegerische Aufwand groß sei.

Gerade bei Kurzzeitbewohnern sei der bürokratische Aufwand bei Aufnahme und Entlassung zudem enorm. Gleichzeitig könnten offene Stellen oft nicht besetzt werden, weil es keine Bewerber gebe. "Fällt ein Mitarbeiter krankheitsbedingt aus, müssen wir Betten leer stehen lassen, um keine Probleme mit der Heimaufsicht zu bekommen", so Ehlert.

Was die Qualitätskontrolle und die damit einhergehende Dokumentation angehe, nehme der Pflegesektor inzwischen groteske Züge an, führt Ulrike Hahn fort. Sie selbst stelle jetzt inzwischen Mitarbeiter ausschließlich für die Dokumentation ein, berichtet die AWO-Bereichsleiterin. Notwendig sei dies, weil nicht nur die Heimaufsicht von behördlicher Seite, sondern auch der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen (MDK) und der Prüfdienst des Verbandes der Privaten Krankenversicherungen (PKV) ständige Rechenschaft verlangen. "80 Prozent der Dokumentation ist für Menschen, die nichts mit dem Patienten zu tun haben", schimpft Hahn. "Da hakt es bei mir aus." Zudem seien tausende Stellen geschaffen worden, um die Qualität in Pflegeheimen zu kontrollieren. Diese würden natürlich mit Pflegekräften besetzt, die wiederum in den Einrichtungen fehlen.

Das Gesamtproblem Personalmangel löse man nur, schaltete sich Landtagsabgeordneter Krahl ein, wenn man das Berufsbild in der Pflege stärke, um mehr junge Menschen dazu zu bringen, den Beruf zu ergreifen.

Bisher bemühte Reformen seien dabei jedoch zu kurz gegriffen, hakt Ulrike Hahn ein. Die Generalisierung von Arbeitskräften in Pflegeberufen beispielsweise halte sie für eine "Katastrophe". Laut dem am 1. Januar in Kraft getretenen Pflegeberufegesetz von Jens Spahn sollen ab Anfang 2020 Lehrlinge in Kranken- und Altenpflege größtenteils gemeinsam ausgebildet werden.

Grundsätzlich sei es gut, so Hahn, wenn Altenpfleger besser wüssten, wie sie mit Verletzungen umgehen müssen, Pfleger im Umkehrschluss in Krankenhäusern auch den Umgang mit älteren Menschen erlernen. Die Folge sei aber: Menschen, die lediglich einen Hauptschulabschluss hätten, könnten den Beruf nicht mehr erlernen und würden vom Arbeitsmarkt genommen. An ihre Mitbewerber richtet sie sich mit ehrlichem Bedauern in der Stimme: "Wir werden uns in Zukunft die Mitarbeiter gegenseitig abwerben."

Ulrike Hahn schließt mit einem düsteren Ausblick: Wenn an Bürokratie und den "Gängeleien" von Kranken- und Pflegekassen nichts geändert werde, würden ambulante Dienste in den nächsten Jahren weiter sterben. Eine Einrichtung des BRK in Würzburg habe bereits wegen Personalmangels schließen müssen. Pflegende Angehörige könnten dann noch weniger entlastet werden.

Um dennoch Positives anzustoßen, baten Manuela Rottmann und Andreas Krahl die Verantwortlichen der Einrichtungen aber auch die anwesenden Bürger darum, ihnen Listen mit möglichen Verbesserungen zukommen zu lassen.

—————

Betroffenen finden Informationen zur Pflege unter www.pflegelotse.de oder im Pflegestützpunkt des Landkreises.

Kontakt per Mail an psp@hassberge.de oder 09521/27 -495 oder -395.

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Christian Schuster
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Veröffentlicht am:
27. 03. 2019
21:22 Uhr

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Christian Schuster

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27. 03. 2019
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