Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Hassberge

Vom Hitlerjungen zum Missionar

Der 85-jährige Fritz Pawelzik ist einer der letzten Zeitzeugen des NS-Regimes. An der Dr. Ernst-Schmidt-Realschule in Ebern berichtet er vom Schrecken des Krieges und was die Schüler heute daraus lernen können.



Lange gibt es sie nicht mehr, die Zeitzeugen des Nazi-Regimes. Umso wichtiger sind Menschen wie Fritz Pawelzik, die ihre Geschichte erzählen. Am Donnerstag beeindruckte der 85-Jährige Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen an der eberner Realschule.	Foto: Kaufmann
Lange gibt es sie nicht mehr, die Zeitzeugen des Nazi-Regimes. Umso wichtiger sind Menschen wie Fritz Pawelzik, die ihre Geschichte erzählen. Am Donnerstag beeindruckte der 85-Jährige Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen an der eberner Realschule. Foto: Kaufmann  

Ebern - Es sind nicht mehr viele Menschen, die den Jugendlichen und jungen Erwachsenen heute aus eigener Erfahrung von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Herrschaft erzählen können. Und davon wiederum sind es nur wenige, die das so schonungslos und gleichzeitig reflektiert tun, wie Fritz Pawelzik. Der heute 85-Jährige war sechs Jahre alt, als Adolf Hitler an die Macht kam, mit 16 wurde er Soldat: Beinahe im gleichen Alter sind die jungen Zuhörer der neunten Klassen an der Dr. Ernst-Schmidt-Realschule in Ebern, denen der gebürtige Ruhrpottler am Donnerstag freizügigen Einblick in sein bewegtes Leben gab.

Organisiert hatte die "Zeitzeugen-Stunde" der CVJM Altenstein, dessen Ehrenmitglied Fritz Pawelzik ist. Ihm gelang nämlich sozusagen der Wandel vom Saulus zum Paulus - Pawelzik zog nach dem Krieg zusammen mit seiner Frau als Sozialarbeiter und Missionar nach Ghana. Dort wurde er nicht nur Fußballtrainer, sondern obendrein zum Häuptling "Nana Kofi Marfo II" der Ashanti gemacht. Vom Hitlerjungen zum Missionar und Häuptling - nicht nur wegen seines außergewöhnlichen Werdeganges ist Fritz Pawelzik ein Mann, dem man einfach zuhören muss.

Er findet den richtigen Ton und die Sprache der Jugend, wenn er ihnen versucht zu erklären, wie er damals zum glühenden Hitler-Verehrer und bedingungslosen Soldaten geworden ist. Wie es sein konnte, dass er, Sohn eines überzeugten "Roten" aus dem Ruhrgebiet, der selbst Hitlers Schergen zum Opfer fiel und im KZ Dachau misshandelt wurde, den Krieg nicht nur mitmachte, sondern im Innersten verteidigte. Er wollte mitmarschieren, Vaterlandslieder singen und in den Krieg ziehen, glaubte an die Versprechungen von einem besseren Deutschland und der Propaganda von bösen Juden und "Kanacken". "Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg waren wir ein bettelarmes Volk", erzählt er Schülerinnen und Schülern, die gebannt lauschen. "Und dann kam ein Mann, der hat den Deutschen alles versprochen." Der Mann hieß Hitler. "Wie der das geschafft hat, an die Macht zu kommen, weiß ich bis heute nicht", sagt Pawelzik ratlos. Denn auch er erlag der Faszination des "Führers".

Selbst als er die Brutalität des Regimes direkt vor seinen Augen zu spüren bekommt. Sechs Jahre war er alt, als morgens um 4 Uhr die heimische Schlafzimmertür eingetreten wurde, und Gestapo und SS seinen Vater aus dem Bett gezerrt und zusammen geschlagen haben: "Und nur, weil er eine andere Meinung hatte!" Zwei Jahre war der Vater weg, im Konzentrationslager Dachau muss er Furchtbares erlebt haben. Nach zwei Jahren kommt er kommt zurück, Narben am ganzen Körper, die Zähne ausgeschlagen. Und doch ist sich der junge Fritz sicher: Hitler hätte das nie gewollt. Mit zehn Jahren freut er sich, das Schießen zu lernen: "Wir waren kleine Jungs, die auf den krieg vorbereitet wurden." Die Lieder tun ein Übriges, so Pawelzik heute: "So bin ich Nazi geworden. Weil ich mitmarschieren durfte."

Dafür schämt sich Fritz Pawelzik heute, noch mehr darüber, was auch er selbst anderen Menschen angetan hat. Als junger Soldat lernt auch er, zu töten. Und auch wenn sich das Schießen mit der Zeit zu einer automatischen Handlung abklären lässt - "wir sagten nie töten, sondern nur umlegen, das klang neutraler" - und der 17-Jährige an der Front an der russischen grenze versucht, die Augen geschlossen zu halten: An die Schreie der Sterbenden erinnert er sich noch heute. Auch an die eigene Todesangst, in der er, "irrational", nach seiner Mutter rief, oder den schrecklichen Tag, als er einem anderen Menschen die Kehle durchschneiden musste.

"Der Mensch ist zu Unerhörtem fähig, sowohl im Guten, als auch im Schlechten", sinniert Pawelzik und berichtet von den Vergewaltigungen der Russen an deutschen Frauen und Mädchen, und dem Moment, als ihm ein Soldat gesteht: "Fritz, wir haben das Gleiche in Russland gemacht." Dass die Jugendlichen heute diese Geschichten kennen, ist Fritz Pawelzik ein großes Anliegen. "Viele eurer Opas und Uropas verdrängen den Krieg und reden nicht darüber", sagt er: "Ich meine aber, es ist richtig, dass ich euch das heute erzähle."

So bin ich Nazi geworden. Weil ich mitmarschieren durfte.

Fritz Pawelzik


"Damit so etwas nie wieder passiert"

Fritz Pawelzik wurde 1927 geboren. Mit 16 wurde er dann Soldat und kämpfte an der Russischen Grenze. Erst in einem Straflager bei Leningrad wurde ihm klar, "was wir Deutsche der Welt angetan haben". Damals beschloss er, sein Leben zu ändern.Seine Vergangenheit bereut er zutiefst. Der Zeitzeuge hält deshalb regelmäßig Vorträge in Schulen und gibt seine Erfahrungen an die Kinder und Jugendlichen weiter - als Warnung, "damit so etwas nie wieder passiert". tnk


Autor

Von Tanja Kaufmann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
13. 04. 2013
00:00 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Adolf Hitler CVJM Gestapo Häuptlinge KZ Dachau Missionare Schüler Soldaten
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Bürgermeister Helmut Dietz (von links), Iris Wild, Vorsitzende des Träger- und Fördervereins Synagoge Memmelsdorf, und Grundschulleiterin Anja Schmidt waren sich bei der Ausstellungseröffnung einig, wie wichtig die Erinnerung an historische Ereignisse und Vorbilder ist.

28.10.2019

Dem Gewissen treu über den Tod hinaus

Als einziger katholischer Priester verweigert Pallottiner-Pater Franz Reinisch den Fahneneid auf Hitler. Dafür bezahlt er 1942 mit dem Leben. In Untermerzbach absolvierte er sein Noviziat. » mehr

Abschied von einer iranischen Familie, bei der die Wagners zum Essen und Übernachten eingeladen waren.

24.05.2019

Kein gewöhnlicher Urlaub

Inge und Manfred Wagner sind im Herbst des letzten Jahres mit dem Rad durch den Iran gefahren. Davon berichteten sie nun beim CVJM-Männerabend. » mehr

Dieses Gebäude, das einem privaten Hausbau weichen musste, war die einzige festgebaute Laubhütte in Unterfranken. Die meisten jüdischen Laubhütten wurden aus Zweige und Laub gebaut - als Andenken an die provisorische Bleibe der Israeliten bei ihrem Auszug aus Ägypten. Fotos:

15.02.2020

Als die "Schmuser" noch aktiv waren

In Ermershausen lebten einst Juden und Christen friedlich zusammen. Der ehemalige amerikanische US-Außenminister Henry Kissinger hat Vorfahren in dem kleinen Ort. » mehr

Bürgermeister Wolfram Thein (links) vereidigte fünf Ortssprecher, die künftig am Ratstisch Platz nehmen dürfen. Dies sind (vorne von links): Michael Bätz, Todtenweisach, Ralf Weisbrod, Gresselgrund, Christian Vogel, Wasmuthhausen, Kerstin Brückner, Marbach und Sven Scheidler, Gückelhirn. Foto: Helmut Will

08.07.2020

Ortssprecher sind bereit

Der Maroldsweisacher Gemeinderat hat beschlossen, dem Zweckverband Klärschlammtrocknung Haßberge beizutreten. Ebenso diskutiert wurde die Fotovoltaikanlage. » mehr

Dieses Porträt von Bertha Keyser hat der Maler Hans E. Petersen an ihrem 25. Todestag geschaffen. Der Maler hat sie in ihrer Schwesterntracht mit ihren "Sperlingen" vor der Glitzerfassade Hamburgs und dem Turm von St. Michaelis dargestellt. In der bekannten Hauptkirche der Stadt hängt es in der Gruft. Repro: Gemeinde St. Michaelis

22.12.2019

Der Engel von St. Pauli

Bertha Keyser hat sich in Hamburg um Menschen gekümmert, die die Gesellschaft nicht wollte. Gebürtig stammte die vor 55 Jahren gestorbene Frau aus Maroldsweisach. » mehr

Zeitzeuge: Ottomar Welz.	Fotos (4): jf

07.04.2020

Am "Weißen Sonntag" kam der Tod

Am 8. April 1945 fielen Bomben auf Maroldsweisach. 75 Jahre nach Kriegsende erzählt Altbürgermeister Ottomar Welz der Neuen Presse von seinen persönlichen Erlebnissen in den letzten Kriegstagen - er war damals zehn Jahre... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

ICE kollidiert mit Schafherde Sonneberg

ICE kollidiert mit Schafherde | 23.09.2020 Sonneberg
» 23 Bilder ansehen

Parking Day in Coburg

Parking Day in Coburg | 18.09.2020 Coburg
» 23 Bilder ansehen

Schaeffler Aktionstag in Eltmann Eltmann

Schaeffler Aktionstag in Eltmann | 16.09.2020 Eltmann
» 7 Bilder ansehen

Autor

Von Tanja Kaufmann

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
13. 04. 2013
00:00 Uhr



^