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Hassberge

Wie eine einzige große Familie

Die Eltern der Lebenshilfe-Kinder zeigen sich geschockt vom drohenden Ende in Ebern: Sie würden hier ein Paradies verlieren, sagen sie.



In Ebern voll dabei und unterstützt: Die Lebenshilfe-Kinder bei einer der jüngsten Pfand-Aktionen der "I have a dream group" im Eberner Edeka.
In Ebern voll dabei und unterstützt: Die Lebenshilfe-Kinder bei einer der jüngsten Pfand-Aktionen der "I have a dream group" im Eberner Edeka.  

Ebern - Für die Eltern der Lebenshilfe-Kinder war es ein Schock: Ende Mai erfuhren sie, dass es zum nächsten Schuljahr in Ebern keine Klasse mehr für die Kinder mit Behinderung in der Mittelschulstufe geben wird. Die Kinder werden ab September, so stand es im Schreiben der Lebenshilfe, im Haßfurter Stadtteil Sylbach beschult. Eine beschlossene Sache, so kam es den Eltern vor, auch wenn der Geschäftsführer der Lebenshilfe Haßberge, Olaf Haase, kurz darauf auf Anfrage der Neuen Presse versicherte: "Wenn es wirtschaftlich tragbar wäre, würden wir die Klasse in Ebern gerne weiterlaufen lassen." Dass dadurch auch der gesamte Standort Ebern mit Grundschulstufe und Tagesstätte auf der Kippe steht ( die NP berichtete ), haben die betroffenen Eltern offiziell bislang nicht erfahren - das betrifft nun den Verein der Eberner Lebenshilfe e.V., der die Tagesstätte betreibt. Da dies aber finanziell nur mit einer Mittelschulstufe zu stemmen ist, ist nun die Sorge um die gesamte Existenz groß - und schlägt mittlerweile zusammen mit der Empörung hohe Wellen.

"Wir wollen hier bleiben", steht auf den Bannern geschrieben, die ringsum das Gelände der Eberner Lebenshilfe in der Mozartstraße an den Zäunen prangen. Und auch für viele Eberner, die sich seit der NP-Berichterstattung in den sozialen Netzwerken äußern, ist klar: Die Lebenshilfe gehört zu Ebern. "Die Integration findet mitten in Ebern statt", formuliert es Silke Jeschek. Auch ihr Sohn Paul hat in der Eberner Lebenshilfe ein zweites Zuhause gefunden - und das meint Silke Jeschek sogar wörtlich. "Das hat etwas Familiäres hier", schwärmt die Mutter, die über die Einrichtung, die Ergotherapie, Physio,- und Logopädie im Haus anbietet, nur Gutes berichten kann. "Ich sehe, wie die Kinder immer auf die Erzieher zukommen, nicht umgekehrt", berichtet sie: "Das ist ein gutes Zeichen."

Denn nicht alle Kinder können sich mit Worten gut verständigen, eine feste Bezugsperson sei hier noch viel wichtiger, als bei anderen Kindern. Dass nun auch den "Kleinen" der Grundschulstufe der Weggang aus Ebern droht, ist für viele Eltern eine Katastrophe. Abgesehen von den längeren Fahrzeiten und der schwierigen Umgewöhnung befürchten sie vor allem den Wegfall eines sozialen Umfelds, dass auch ihren Kindern Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht hatte. "Wenn ich mit Paul durch Ebern laufe, grüßen ihn Kinder, die ich gar nicht kenne", erzählt Silke Jeschek. Die Lebenshilfe-Kinder haben in Ebern vielerlei Kontakt mit Altersgenossen, ob im gemeinsamen Schwimmunterricht mit Realschülern oder bei der Ferienbetreuung. Die Begegnung mit den Altersgenossen und deren freundliche Reaktion auf ihr Kind bewegen Pauls Mutter tief. "Das tut so gut", sagt sie. "Für mich ist das gelebte Inklusion", fasst es Ralph Bremicker zusammen, dessen Tochter Angelina im familiären Rahmen der Eberner Lebenshilfe nach einem anderen Schulbesuch richtig aufgeblüht sei. "Man merkt das den Kindern einfach an, dass es ihnen hier gut geht", ergänzt Peggy Porzner.

Wie essenziell wichtig das ist, werden alle Eltern mit einem Kind verstehen, das "anders" ist als die anderen. Nicht verstanden in ihrer besonderen Lage fühlen sich die Eltern dagegen von der Leitung. Und auch sonst können sie die Entscheidung in einigen Punkten nicht nachvollziehen. "Wir sind regelrecht verstört und geschockt, was jetzt aktuell das große Haus Haßfurt mit seinem kleinen Haus, dem Ableger in Ebern unternimmt", fasst Ralph Bremicker die Elternsicht zusammen. Aktuell gehen zehn Schüler in die Mittelschulstufe Ebern. Mit acht bis neun Schülern habe die Lebenshilfe Ebern für das kommende Jahr auch wieder gerechnet, und zwar bis zum 22. Mai. Dann habe die Lebenshilfe Haßfurt auf einer Sitzung plötzlich eine ganz andere Rechnung aufgemacht: Es würde kurzfristig eine Partnerklasse in Haßfurt gebildet, in die auch voraussichtlich zwei Schüler aus Ebern wechseln werden, hieß es.

Dass es die so kurzfristig, zudem in Haßfurt und nicht an einer vielleicht genauso möglichen Partnerschule in Ebern gibt, kommt dem Vater spanisch vor. Zwei weitere Kinder gäbe es obendrein, wenn nicht zwei Anträge auf Schulverlängerung abgelehnt worden wären. "Darunter ein Kind, das beispielsweise das ganze Jahr krankheitsbedingt kaum am Unterricht teilnehmen konnte", berichtet Ralph Bremicker. Somit seien es nun schon vier Kinder weniger, als in Ebern eingerechnet.

Es wurmt die betroffenen Eltern, dass ihnen nun kaum noch Zeit bleibt, etwas zu bewegen oder auch nach Alternativen jenseits von Haßfurt zu suchen. Und dass man seitens der Leitung, wie in der Neuen Presse vom Freitag zu lesen war, "Kinder aus den Übergangsbereichen wie z. B. Hofheim nicht umschulen würde, dies aber durch seine Planungen gleichwohl von den Eberner Kindern erzwingt und damit gleichzeitig zudem den Niedergang der fast 50-jährigen Institution in Ebern", wie es Ralph Bremicker formuliert.

Ein Gespräch mit den Verantwortlichen, Eltern und Landrat am kommenden Freitag, 7. Juli, sowie ein Tag der offenen Tür bei der Eberner Lebenshilfe am 8. Juli - offen für alle interessierten Bürger, aber auch für Eltern von Kindern mit Behinderung, die sich vorstellen könnten, ihr Kind in Ebern beschulen zu lassen - sind für die Eltern nun kleine Hoffnungstreifen am Horizont; auch eine Interessengemeinschaft und Unterschriftenlisten sind im Gespräch.

Denn, so sind sich die Eltern einig: "Man sollte sich in Haßfurt mal wieder über die Ziele des gemeinnützigen Vereines klar werden." So finde sich auf der Internetseite der Lebenshilfe Bayern beispielsweise folgendes Zitat: "Die Lebenshilfe setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch mit Behinderung selbst wählen kann, wie er lebt - also wo und mit wem er wohnen, arbeiten, lernen oder seine Freizeit verbringen will."

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Tanja Kaufmann

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Veröffentlicht am:
30. 06. 2017
18:39 Uhr

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Tanja Kaufmann

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30. 06. 2017
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