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Kronach

Anlesen gegen den braunen Sumpf

Sieben Autoren zeigen Kante gegen Neonazis, Rassisten und Extremisten. Dabei appellieren sie an die Bürgerschaft, genau hinzuschauen - und sich mutig für mehr Toleranz einzusetzen.



Fanden klare Worte gegen Rechts, die Autoren (vorne von links) Nicole Eick und Martin Droschke; (hinten von links) Christian Göller, Dieter Ungelenk, Karl-Heinrich Heppt, Isabel Firsching und Manfred Kern. Foto: Sabine Raithel  

Kronach - "Sie sind überall. Manche von ihnen setzen schon äußerlich ein Statement: mit Springerstiefeln, Pullis mit germanischen Motiven und exakt gezogenen Seitenscheiteln. Andere kommen in Anzügen und niemand sieht ihnen ihre brandgefährliche Gesinnung an", so die Warnung der Coburger Autorin Isabel Firsching. Der Aufmarsch der Intoleranten, der Neonazis, der Rassisten und Fanatiker sei oft laut, aber gleichzeitig schleichend und subtil. Politik sollte zwar Privatsache sein - aber das Wegschauen, Abducken, Hinnehmen habe Deutschland und die Welt bereits vor 81 Jahren ins braune Verderben gestürzt. "Eine Haltung gegen den braunen Sumpf ist deshalb absolut alternativlos", so die klare Ansage. Es geht um das Hinschauen, sich Einmischen, das Nein-Sagen. Dazu braucht es Zivilcourage, so Firsching.

Schweigemarsch

Am Samstag, 9. November, lädt der Aktionskreis Kronacher Synagoge um 19.30 Uhr zu einer Gedenkstunde an die Reichspogromnacht in die Synagoge ein. Im Anschluss findet, im Andenken an die Opfer des Anschlags in Halle ein Schweigemarsch mit Kerzen zum Marienplatz satt.


Isabel Firsching gehört mit Nicole Eick, Christian Göller, Martin Droschke, Dieter Ungelenk und Manfred Kern zu einem Kreis von Coburger Autoren, Literaten und Journalisten, die gemeinsam gegen Rechts anlesen. Der Marktrodacher Dichter Karl-Heinrich Heppt ergänzte das Autorenteam, das in den Kronacher Kunstverein eingeladen hatte. "Niemand sollte die Augen verschließen und zulassen, dass Toleranz und Mitmenschlichkeit gegenüber Ausländern und Minderheiten beständig abnehmen. Sich einzumischen und ein deutliches Nein zu sagen, wenn Faschismus und Fremdenhass immer größeren Raum in unserer Gesellschaft einnehmen, sollte für jeden selbstverständlich sein", so das einmütige Credo.

"Der Kunstverein ist aus gutem Grund Gastgeber dieser Veranstaltung", erläuterte der erste Vorsitzende Karol Hurec. "Schließlich hat die ‚blaue Partei‘ dazu aufgerufen, keine ‚linksliberale‘ Kunst mehr zu fördern, sondern nur noch deutsche Kunst. Es ist höchste Zeit zu reagieren. Und das müssen wir alle tun. Jeder einzelne von uns."

Wo beginnt das fremd sein? Beim Ausländer mit anderer Hautfarbe - oder schon beim Nachbarn? Martin Droschke hat sich in seinem jüngst erschienenen Buch "Von Hundefressern und Zwiebeltretern" mit Vorurteilen und den Schatten der Vergangenheit beschäftigt, die sich hinter alten Spottnamen verbergen. Darin erzählt er unter anderem , wie die Bewohner von Zell am Main zu "Tellerleckern", oder die von Redwitz an der Rodach zu "Saubeschlagern" wurden. Es sind dunkle Kapitel der Judenverfolgung in Franken.

In die Vergangenheit blickte auch Nicole Eick. Sie erzählte die bewegende Geschichte der Kinder Annerl und Siggi am Tag der Reichspogromnacht am 9. November 1938 in Coburg. Der Vater von Annerl, ein überzeugter Nazi, hat seiner Tochter den Umgang mit Siggi, einem Jungen jüdischer Abstammung, bei Strafe verboten. Seine Frau lässt ihre Tochter trotzdem zu dem Buben. Im Hofgarten spielen die Kinder, als die Aufmärsche in der Stadt beginnen. Angsterfüllt von dem Gegröle der Masse werden die beiden Augenzeugen, wie die Nazis brutal und hemmungslos auf jüdische Männer und Frauen eindreschen und sie voneinander trennen. Die Männer werden auf Lkw verfrachtet. Darunter auch Siggis Vater. Annerl hält ihren Freund fest an der Hand. Sie schenkt ihm ihren Schal, der nicht nur wärmt, sondern die Kette mit dem Judenstern verdeckt. Es war das letzte Mal, dass sich die Kinder gesehen haben.

Christian Göller richtete seine Beobachtungen auf die Jetztzeit. Er berichtet, dass er in seiner Schulzeit nicht sehr viel über die Wirren des Zweiten Weltkriegs erfahren habe. Als Schüler kam er über ein Austauschprogramm in die USA und verliebte sich dort in ein hübsches Mädchen: Karen Stern. Karen Stern ist Jüdin. Ihr Großvater ist ein Überlebender des Holocaust. Plötzlich wird das, was bisher abstrakt und "weit weg" war, für den Autoren zu einer persönlichen Begegnung. Das Unfassbare wird greifbar. In einer weiteren Erzählung, einer "kritischen Ode" an seine Heimatstadt Coburg beobachtet Göller, wie die Erinnerungskultur in manchen Bevölkerungsgruppen seiner Heimatstadt verblasst und damit Intoleranz Tür und Tor öffnet.

Dass Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit kein rein deutsches, sondern ein Problem in vielen Ländern der Welt ist, darauf wies Dieter Ungelenk hin, der das Programm mit politischen Liedern begleitete. Er beleuchtete das "hochsensible Immunsystem gegen alles Fremde" bei unseren Schweizer Nachbarn. "Insbesondere der Deutsche ist dort ein Problem." Der Autor resümiert ironisch: "Die Schweiz bietet sich an für Schnupperpraktika für deutsche AfDler." Ungelenk forderte dazu auf, die "braune Gesinnung" durch Dialog zu demaskieren und appellierte: "Null Toleranz für rechte Propheten!"

Im Rechtspopulismus ist Sprache eine Waffe. Autoren und Schriftsteller sind deshalb prädestiniert dafür, sich damit auseinanderzusetzen. Sie tun dies seit Generationen - man denke an Erich Kästner, Thomas Mann oder Bertold Brecht. Karl-Heinrich Heppt begann seine Ausführungen mit dem Zitat aus dem Gedicht eines weiteren historischen Streiters gegen Rechts: Heinrich Heine (1797 - 1856). Mit einem eigenen dichterischen Glossar gab Heppt Auskunft über die Bedeutung von Worten: "Vielfalt - ist mehr als die Multiplikation von Einfalt" oder "Widerhall - rechte Parolen sind mir zuwider".

Der Schrecken weicht, wenn man seine selbst geschaffene Lächerlichkeit blank legt. Davon handeln Geschichten des Mundart-Literaten Manfred Kern. Da ging es zum Beispiel um den "letzten Nazi", der, geschlagen von Demenz, im Altenheim, Hakenkreuz-Nudeln aus der Suppe löffelt, Nazi-Aufmärsche für Faschingsveranstaltungen und Adolf Hitler für einen Clown hält.

Autor

Sabine Raithel
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
27. 10. 2019
15:46 Uhr

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Autor

Sabine Raithel

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Veröffentlicht am:
27. 10. 2019
15:46 Uhr



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