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Kronach

Das Geheimnis um den toten Großvater

Werner Hempflings Opa ist von den Nazis ermordet worden. Warum, darüber sprach die Familie nicht. Der Zeyerner hat nun nach langen Recherchen Licht ins Dunkel gebracht.



Werner Hempfling arbeitete die Lebens- und Leidensgeschichte seines Großvaters auf.   Foto: Maria Löffler

Zeyern - Jeder verarbeitet Familiengeheimnisse auf seine ganz eigene Art. Aber nicht jeder möchte sie überhaupt aufdecken. Werner Hempfling schon. Der Zeyerner hat vor Kurzem den Schleier der Vergessenheit um den Tod seines Großvaters Georg Richter gelüftet. So erwuchs aus "Mutmaßungen, Andeutungen, Verdrängung und Totschweigen" Gewissheit: Am Ende stand der gewaltsame Tod.

Mehr als 70.000 Opfer

Aktion T4 ist eine nach 1945 gebräuchlich gewordene Bezeichnung für die systematische Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in Deutschland von 1940 bis 1941 unter Leitung der Zentraldienststelle T4. Diese Ermordungen waren Teil der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus, denen bis 1945 über 200.000 Menschen zum Opfer fielen. T4 ist die Abkürzung für die Adresse der damaligen Zentraldienststelle T4 in Berlin: Tiergartenstraße 4. Zu Beginn der Aktion befand sich die Dienststelle im Columbushaus. Quelle: Wikipedia

Das ist eine Tatsache, die den heute 71-jährigen Enkel sichtlich erschüttert, denn sein Opa war nicht etwa sanft entschlafen oder einer Krankheit zum Opfer gefallen. Nein, sein Leben endete am 26. März 1941 in einer Gaskammer in Pirna-Sonnenstein. Und das, obwohl seine Sterbeurkunde aus Hadamar stammt und als Todestag den 7. April 1941 ausweist.

Wie diese Lüge aufgedeckt werden konnte, erzählt Werner Hempfling sichtlich erschüttert. Er hatte nicht nachgegeben, bevor nicht die ganze Wahrheit aufgedeckt wurde. Denn Georg Richter war nicht etwa Jude, wie man vielleicht vermuten könnte. "Nein, aber er galt als ‚Irrer‘ und ‚Narr‘, das war in der Nazi-Zeit leider genauso tödlich. Heute würde man seine Krankheit als ‚posttraumatische Belastungsstörung‘ diagnostizieren, die er aus dem Ersten Weltkrieg mit nach Hause brachte." Hier nämlich habe sein Großvater an der Westfront gegen die Franzosen kämpfen müssen. "Als er dann wieder nach Hause kam, schien wohl erst einmal alles in Ordnung zu sein. Er lernte seine zukünftige Frau, meine Großmutter, kennen, die ihm fünf Kinder schenkte." Bei diesen Worten blättert Werner Hempfling in seinen Unterlagen, denn er hat das Leben seines Opas fein säuberlich dokumentiert und mit Bildern und Schriftstücken ergänzt.

Und hier steht es schwarz auf weiß, das Leben des Steinbrucharbeiters und Holzhauers Georg Richter. Hier steht auch, dass er seiner Familie ein Haus am Ludwigsland gebaut hat, dass er sehr fleißig war, aber dass dieses bescheidene, glückliche Leben nicht sehr lange angedauert habe. "Es zeigten sich immer öfter Ausraster und Wutanfälle. Mein Großvater rannte wohl durchs Haus und war auf der Flucht vor den Franzosen. Mehrmals sprang er deshalb sogar panisch aus dem ersten Stock." Übergriffig sei er nach einiger Zeit auch gegen seine Frau und seine Kinder geworden. "Einmal hatte er sich am Wasserleitungshahn festgeklammert und ihn am Ende schließlich mitsamt der Leitung aus der Wand gerissen." Der Hausarzt schließlich sei es gewesen, der Georg in die Kreis-, Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg einweisen ließ. Und hier habe auch der wirkliche Niedergang seinen Lauf genommen. "Er war ein Irrer, der ins Irrenhaus kam. Darüber hat man in der Familie kaum gesprochen. Hätte man ihn entsprechend betreut und behandelt, wäre vielleicht doch noch alles gut geworden. Aber damals hat man die betroffenen Soldaten einfach umgebracht."

Ein bitterer Unterton schleicht sich in die Worte von Werner Hempfling. Tränen treten in seine Augen. Im Geiste verfolgt er den Weg, den sein Großvater damals gegangen ist. "Die Nationalsozialisten waren an die Macht gekommen und am 14. Juli 1933 wurde das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erlassen. Anfangs wurde die Klinik angewiesen, die Patienten durch Nahrungsentzug zu schwächen und ein frühes Ableben zu forcieren. Doch der damalige Anstaltsleiter leistete Widerstand und zögerte durch die anstaltseigene Landwirtschaft diesen Prozess so lange wie möglich hinaus." Von April 1932 bis zum März 1941 sei sein Großvater hier untergebracht worden und habe als "in sich zurückgezogen" gegolten. "Dann wurde er verlegt, aber die neue Anschrift wurde nicht bekannt gegeben. Seine Krankenakte ist heute nicht mehr auffindbar, aber meine Nachforschungen haben ergeben, dass er am 1. März 1941 in die Pflegeanstalt Arnsdorf verlegt wurde. Das liegt in der Nähe von Dresden und diente als Sammelstelle für die Vernichtung von Kranken in Pirna-Sonnenstein." Als Beleg für den körperlichen Verfall seines Großvaters hat Werner Hempfling die Gewichtstabelle aus Kutzenberg angehängt, die man noch habe retten können. "Er wog 1941 nur noch 51,5 Kilogramm bei einer Körpergröße von 167 Zentimetern."

 

Lesen Sie dazu auch: Der heimliche Massenmord: Die "Aktion T4" kostete mehrere hundert Betroffene in Oberfranken das Leben >>>

 

Aus dem Bamberger Staatsarchiv stammt ein Schreiben aus Kutzenberg an das Staatliche Gesundheitsamt in Kronach mit folgendem Wortlaut: "Nach Vorgeschichte und bisheriger Anstaltsbeobachtung leidet Richter an Schizophrenie. Anhaltspunkte für die Entstehung der geistigen Erkrankung durch äussere Schädlichkeiten sind nicht vorhanden. Eine Tante väterlicherseits, Margarete Richter aus Zeyern, war wegen geistiger Erkrankung (Involutionspsychose) in hiesiger Anstalt, wo sie auch verstarb. Richter ist also erbkrank im Sinne des Gesetzes. Heilung des Leidens ist nach dem bisherigen Verlauf so gut wie ausgeschlossen." Das sei wohl das Todesurteil gewesen, meint Werner Hempfling und senkt den Blick. Und zwar auf das Bild eines sogenannten "grauen Busses", mit dem die Patienten in die Tötungsanstalten gebracht wurden. Eine Gedenktafel in Pirna-Sonnenstein verweist unter anderem auf 13.720 geistig behinderte und psychisch kranke Menschen, die in den Jahren 1940/41 hier vergast worden seien. Und was den Enkel heute noch erschüttert, ist die Art, wie mit den menschlichen Überresten dieser Gräueltaten umgegangen worden sei: "Die Nazis haben alle Spuren verwischt und alles einfach auf dem Schutthang der Tötungsanstalt entsorgt. Da lagen Leichen neben Rohren aus der Gaskammer und alles wurde einfach zugeschüttet."

Seit den 1990er-Jahren erforsche die Gedenkstätte die Spuren der nationalsozialistischen Tötungsanstalt. Ein Gedenkraum im Keller nennt die Namen der ermordeten Menschen. Hier stand auch Werner Hempfling mit seiner Frau Sonja und machte letztendlich seinen Frieden mit den Todesumständen des Großvaters. "Vergessen werde ich ihn nie und ich werde auch nie lernen, das Grauen, die Unmenschlichkeit und die Verachtung menschlichen Lebens zu verstehen, dass die Nazis zu solchen Taten getrieben hat. So etwas darf niemals wieder passieren."

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Maria Löffler
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Veröffentlicht am:
15. 11. 2019
18:26 Uhr

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Maria Löffler

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Veröffentlicht am:
15. 11. 2019
18:26 Uhr



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