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Den Speicher im Kopf wieder nutzen

NP-Autorin Janike Dombrowsky verzichtet auf ihr Smartphone. Ihr Leben hat sich seither positiv verändert. Es gibt jedoch Nebenwirkungen.



Smartphone? Nein danke. Janike Dombrowsky verzichtet vorerst auf ihr Wischkistla. Die 18-jährige Schülerin hat es bisher nicht bereut. Foto: privat  

Kronach - Ohne Smartphone leben? Wie soll das gehen? Das denken die meisten Menschen zumindest. Es gibt Millionen von Whatsapp-Nutzern. Kinder, die schon in der Grundschule über den Bildschirmen sitzen. Geräte, die einem das Leben erleichtern. Wie ist das Wetter? Wie viele Kalorien habe ich verbrannt? Welches Sternzeichen passt zu mir? Für alles gibt es mehr oder weniger sinnvolle Programme (Apps). Ein Alltag ohne Snapchat- Filter ist vor allem für Jugendliche heutzutage nicht mehr denkbar. Es geht ihnen darum, wer die meisten Flammen hat oder wer die meisten Instagram-Follower besitzt. Wer nicht auf Facebook ist, wird eben nicht zu den coolen Events eingeladen.

Natürlich hat so ein Smartphone auch Vorteile. Es ist eine praktische Kommunikationszentrale. Jeder hat ein Smartphone und jeder braucht es. Dazu gehörte auch ich - zumindest bis vor Kurzem. Vor einigen Wochen wurde mir bewusst, wie viel Lebensqualität doch verloren geht, wenn ich nur über Whatsapp kommuniziere. Was bedeutet schon ein rotes Herz von meinem Freund, wenn wir uns auch in der Realität sagen können, wie wichtig uns der andere ist? Warum sollten wir zwei Stunden lang hin- und herschreiben, wann wir uns wo treffen, wenn das mit einem Gespräch am Telefon in fünf Minuten geklärt ist?

Genau diese Fragen habe ich mir gestellt und beschlossen, mein Smartphone vorerst abzuschaffen. Dies ist der Punkt, an dem ich überlege, was ich in diesen Monaten alles ohne Handy machen kann: Ich würde meine Umgebung wahrnehmen, wenn ich durch die Stadt laufe. Ich würde sogar jemanden nach dem Weg fragen, wenn ich die Orientierung verloren habe. Dann wäre wieder Zeit für intensive Gespräche im Restaurant - und man könnte seinen Burger essen, bevor er kalt geworden ist -, weil man ihn nicht noch auf Snapchat oder Instagram hochladen musste. Und ich könnte auf einem Konzert endlich einmal die Stimmung genießen, ohne jeden Augenblick im Smartphone festhalten zu wollen.

Der Fachbegriff dafür lautet "digital detox", sozusagen Handy-Fasten. Ich bin natürlich nicht ohne Zweifel an die Sache herangegangen und war mir bewusst, dass dieses Experiment Schwierigkeiten mit sich bringen wird. Dennoch habe ich mich getraut, mein Handy auszuschalten und jemandem zu geben, bei dem ich mir sicher bin, dass er es mir erst wiedergibt, wenn ich das möchte. Was ich mir davon erhofft habe? Ich wollte wieder Zeit für die wichtigen Dinge im Leben haben. Für meine Familie, für meine Freunde, und auch für mich selbst. Wer denkt, dass eine Freundschaft ohne Whatsapp und Snapchat nicht funktionieren kann, der hat sich getäuscht. Denn in den vergangenen Wochen habe ich gemerkt, wem ich wirklich etwas bedeute. Ich bin ja nicht aus der Welt, auch wenn ich mich die ersten Tage wirklich abgeschottet gefühlt habe. Über jeden Anruf und über jede E-Mail habe ich mich sehr gefreut und gesehen, wer meine Entscheidung akzeptiert und sich nun eben anders bei mir meldet.

Natürlich habe ich auch viel Kritik und verständnislose Blicke geerntet. Dafür schaffe ich nun mehr, kann mich besser auf etwas konzentrieren und werde ohne Smartphone sicherlich leichter für mein Abitur lernen können. Das ständige Piepsen lenkt mich nicht mehr ab. Ohne diese Ablenkung kann ich Aufgaben viel entspannter angehen und ich muss zugeben, dass ich diese neu gewonnene Ruhe schätze. Vor ein paar Wochen war ich noch abhängig von meinem Smartphone, jetzt gewöhne ich mich daran, offline zu sein. Meine Familie unterstützt mich dabei, meine Freunde interessieren sich trotzdem noch für mich.

Komplett ohne Internet könnte ich aber schon wegen der Schule nicht leben. Aber die sozialen Medien mal zu ignorieren, fühlt sich besser an als zunächst gedacht. Ich spare nicht nur viel Zeit, sondern lebe wieder für mich selbst und nicht für andere. Nun sehen zwar keine 120 weiteren Personen mehr, welche Pizza ich mir bestellt habe oder welches Oberteil ich gerade trage, doch müssen sie das? Ist es wirklich notwendig, jeden immer auf dem Laufenden zu halten?

Wenn ich spazieren gehe, dann speichere ich den schönen Sonnenuntergang in meinem Gedächtnis und nicht in der Handygalerie. Geräte kann man verlieren, aber Erinnerungen bleiben. Trotzdem vermisse ich es, jeden problemlos und schnell erreichen zu können. Und natürlich rutscht mir ab und zu noch ein Satz raus wie "Schick' mir doch den Link", aber daran merke ich, wie sehr die digitalen Medien mich eigentlich steuern. Was mich noch nervt: Dass ich sämtliche Geburtstage vergesse, weil Facebook mich nicht mehr daran erinnert. Doch die wichtigsten Geburtstage habe ich in meinem Kopf. Außerdem nehme ich es nun in Kauf, Hefteinträge altmodisch kopieren zu müssen, wenn ich krank war. Mir macht es auch nichts aus, Partys zu verpassen. Dafür passieren keine Missverständnisse mehr über Whatsapp und das Beste ist: Die Unterhaltungen sind viel persönlicher "Digital detox" wird sicher noch zum echten Trend. Wer also noch nicht weiß, worauf er in der Fastenzeit verzichten soll: Ich hätte da eine Idee. Denn: Offline ist das neue Online.

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Janike Dombrowsky
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Veröffentlicht am:
13. 02. 2018
16:57 Uhr

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Janike Dombrowsky

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Veröffentlicht am:
13. 02. 2018
16:57 Uhr



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