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Kronach

Der DA-Konzern, der den Menschen dient

Der AWO-Kreisverband Kronach hat Jubiläum gefeiert. Seit 100 Jahren kämpft man gegen Ungerechtigkeit. Und es zeigt sich: Das wird erst einmal nötig bleiben.



Sie freuten sich über 100 Jahre AWO (von links): Sabine Gross, Thomas Beyer und Ralf Völkl. Foto: Maria Löffler  

Kronach - Der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Kronach hat sein 100-jähriges Bestehen gefeiert und klare Kante gezeigt: "Hilfe nicht als Almosen, sondern als Menschenrecht. Gleichbehandlung der Geschlechter, Hilfe zur Selbsthilfe und soziale Gerechtigkeit", das waren nur einige Schlagworte, die während des Referates von Landesvorsitzenden Thomas Beyer genannt wurden.

Voller Leidenschaft und Enthusiasmus erinnerte er an die Anfänge des Wohlfahrtsverbandes und daran, dass es eine Frau war, die die Organisation ins Leben gerufen hatte. Aber das erwähnte Beyer nicht nur so nebenbei. Vielmehr beschrieb er anschaulich die Situation, in der sich Gründerin Marie Juchacz vor hundert Jahren befunden hatte: "Sie kam aus kleinen Verhältnissen, arbeitete als Dienstmädchen und als Fabrikarbeiterin. Sie musste Gewalt in der Ehe erdulden, doch das wollte sie nicht mehr hinnehmen. Sie trennte sich von ihrem Mann und zog mit ihren zwei kleinen Kindern nach Berlin. Allerdings war eine Scheidung zur damaligen Zeit ein singulärer Vorgang und Marie Juchacz musste einen hohen Preis für ihre Unabhängigkeit zahlen. Frauen hatten nämlich damals so gut wie überhaupt keine Rechte. In Berlin machte sie eine Ausbildung als Schneiderin."

Beyer blieb weiter auf den Spuren, die die begnadete Rednerin und Frauensekretärin für den Parteibezirk Obere Rheinprovinz genommen hinterlassen hat. "Sie kümmerte sich um die Rechte der Frauen, engagierte sich vor allem politisch, machte sich für das Wahlrecht und die Wählbarkeit von Frauen stark und wurde 1919 als erste Frau in die Nationalversammlung gewählt." Untrennbar sei Marie Juchacz mit der Gründung der AWO verbunden, wo sie auch lange Ehrenvorsitzende blieb.

Beyer beschrieb vor allem die starken Wurzeln, auf die man sich heute wieder besinnen müsse. "Marie Juchacz wollte aus der Arbeiterklasse eine eigene soziale Organisation machen. Sie sollten nicht um Hilfe nachsuchen müssen, keine Almosenempfänger mehr sein, sondern klar definierte Ansprüche geltend machen können." Eine Vordenkerin und Architektin sei sie gewesen, die den deutschen sozialen Rechtsstaat mitgeprägt habe.

Beyer tauchte aber nicht nur in die Vergangenheit ein, sondern widmete sich in seinem Referat auch der Gegenwart. Er prangerte soziale Ungerechtigkeiten an und das die, die eh schon Geld hätten, immer noch mehr verdienen würden. Aber das sei durchaus verfassungskonform, meinte er sarkastisch. Nur leider würde dieser Gewinn immer auf dem Rücken der sozial Schwächeren und weniger Verdienenden ausgetragen. In Richtung Pflege meinte er: "Fondskonzepte müssen sich rechnen. Und das tun sie nun einmal durch Lohnabsenkung. Hier muss die Politik klare Kante zeigen und wir dürfen uns von schönen Worten nicht einlullen lassen, denn die Armutsgefahr in Deutschland ist nach wie vor sehr groß." Sein Vorschlag: "Vielleicht sollten ja am Freitag Vormittag die Seniorinnen und Senioren auf die Straße gehen und demonstrieren."

Was aus der AWO bis heute geworden ist, umriss Bürgermeisterkandidatin Sabine Gross in ihrem Referat. Soziale Armenpflege sei zur freien Wohlfahrtspflege geworden und die Spitzenverbände nähmen ihren Auftrag, bei sozialpolitischen Entwicklungen mitzuarbeiten, sehr ernst. "Wir machen auf soziale Probleme aufmerksam, drängen auf politische Lösungen und bringen Fachwissen ein. Verbände wie die AWO setzen sich für Rahmenbedingungen ein, die mitbürgerliches Engagement und Selbsthilfe ermöglichen und unterstützen. Und sie helfen, soziale Notlagen zu überwinden. Diese Aufgabe dient auch dem Erhalt des gesellschaftlichen und sozialen Friedens." Auch sie verwies auf die Armut in der Bevölkerung und meinte: "Es lässt sich leider schwer vermeiden, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer, denn fünf Prozent von X sind nun mal mehr als fünf Prozent von nix." Und so wolle man der wachsenden Ungleichheit den Kampf ansagen.

Ralf Völkl, der für den Kreisvorsitzenden und den stellvertretenden Kreisvorsitzenden sprach, machte die Größe des Wohlfahrtsverbandes deutlich: "Die AWO ist einer der größten Sozialverbände Deutschlands mit rund 300 000 Mitgliedern und 200 000 Beschäftigten. Das ist die Größe eines DAX-Konzerns. "Unsere Aufgaben werden dadurch aber nicht weniger, sie wandeln sich nur. Nicht allen ist klar, dass die Wirtschaft am Ende dem Menschen dienen muss und nicht umgekehrt." Sein Streifzug über die Einrichtungen der AWO im Landkreis Kronach führte ihn über die zwei Kindertagesstätten in Ebersdorf und Lauenhain, dem Kinderhort an der Grundschule in Ludwigsstadt, dem sozial-psychiatrischen Fachdienst und das "Haus am Rosenberg" für psychisch kranke Menschen. Vollständig ehrenamtlich werden die Kleiderkammer in Ludwigsstadt, der Sozialladen ‚FinnWas‘ in Tettau und die Sommerfreizeit für Kinder im Jugendwaldheim Lauenstein.

Autor

Maria Löffler
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Veröffentlicht am:
10. 10. 2019
16:14 Uhr

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Maria Löffler

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Veröffentlicht am:
10. 10. 2019
16:14 Uhr



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