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Kronach

Die Brandstifter und ihre Opfer

1933 verbrennen Nazis Bücher in Berlin. In der Alten Synagoge gedenkt man der Aktion.



Gisela Gülpen.   » zu den Bildern

Kronach - "Nach dem Feuer die Dummheit." Mit den Worten Erich Kästners eröffnete Ingo Cesaro die Gedenkveranstaltung "Verbrannte Dichter" in der ehemaligen Kronacher Synagoge am Donnerstagabend. Die jährliche Andacht soll an die Bücherverbrennung 1933 auf dem Berliner Opernplatz durch die Nationalsozialisten erinnern.

Mit der "Aktion wider den undeutschen Geist" begann kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, im März 1933, die systematische Verfolgung jüdischer, marxistischer, kommunistischer, sozialdemokratischer, pazifistischer und anderer oppositioneller oder politisch unliebsamer Schriftsteller und Intellektueller. Und die Tat sollte zu einem systematischen Flächenbrand ausarten.

Mit der Verbrennung der Bücher sprang der symbolische Funke letztlich auch in die Köpfe der Nazis über und war das Fundament für den "Reichstagsbrand", die "Kristallnacht" und schließlich die Verbrennungsmaschinerie der Konzentrationslager.

Seit Jahren gibt es laut Cesaro keine vergleichbare Veranstaltungsreihe in ganz Oberfranken, die demokratisch "Flagge zeigt" und "Farbe bekennt". Zur Freude der Veranstalter waren in diesem Jahr sehr viel mehr Besucher als bisher üblich gekommen. Odette Eisenträger-Sarter, Armin Grötzner, Gisela Gülpen und Gisela Lang lasen für sie aus Schriften politisch diffamierter Autoren.

Odette Eisenträger-Sarter knüpfte mit ihrer Wahl des Autors an Ingo Cesaros einleitendes Zitat an und zitierte aus einem Text von Erich Kästners Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen über die Zeit gegen Kriegsende 1945. Kästner war mit dem Roman "Emil und die Detektive" ein Bestsellerautor geworden. Das Buch wurde erfolgreich verfilmt. Dennoch wurden seine Bücher wegen der politischen Haltung des Autors als Intellektueller und Kabarettist verbrannt. Er blieb aus Heimatliebe in Deutschland und musste sich als Teil von Filmteams schlecht und recht durchschlagen. Ab März 1945 schilderte er die Lebensumstände für sich und das Filmteam in Tirol sowie die Neuanfänge nach Kriegsende in München.

Armin Grötzner erinnerte an den "Rasenden Reporter", als der Egon Erwin Kisch exemplarisch für authentischen Journalismus weltweit bekannt wurde. Nur in der BRD wurde er wegen seiner antifaschistischen Gesinnung als kosmopolitischer Sozialist erst sehr spät wiederentdeckt. Seine Erzählung "Die drei Kühe" schildert den Weg junger Tiroler, die aus der Not heraus alles aufgaben, um für die "Internationale Brigade" am spanischen Bürgerkrieg teilzunehmen. Gisela Gülpen machte mit der Wiener Aktivistin Irene Harand bekannt, die aus katholischer Nächstenliebe ihr Leben lang gegen politische Missstände und für die deutsch-jüdische Versöhnung kämpfte. Seit 1929 wandte sie sich in vielen Aktionen gegen die NS-Barbarei. Nach der Bücherverbrennung musste sie nach New York emigrieren.

"Verbrennt mich" bettelte der bayrische "Sozialist in Lederhosen" Oskar Maria Graf 1933, bevor auch er in die USA auswandern musste. Von seiner klarsichtigen Zeitanalyse gab Gisela Lang mit Textauszügen aus "Geschichten aus meinem Leben" Zeugnis, die das Denunziantentum, die Legendenbildung gegen Kommunisten und Sozialdemokraten wie die Wahlfarce um Hitler beschreiben.

Zum Abschluss der Veranstaltung stellte Ingo Cesaro zwei Bücher vor, die sich mit dem "Blonden Gift", der "Greiferin" der Gestapo", Stella Goldschlag, befassen, die Juden verriet und dem sicheren Tod überantwortete. Die Anregungen der Vorträge sowie die Empfehlungen neuer Literatur zur Zeitgeschichte, resümierte Cesaro, mache diese Veranstaltung über so lange Zeit so erfolgreich und notwendig.

Autor

Peter Müller
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
10. 05. 2019
18:54 Uhr

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Peter Müller

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10. 05. 2019
18:54 Uhr



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