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Kronach

Die fabelhafte Welt des Otmar Alt

Seine bunten Fabelwesen, "Tiermenschen" und "Augentiere" machten ihn berühmt. Dennoch blieb er bodenständig. Davon konnten sich auch Kronacher Kunstliebhaber mehrfach überzeugen.



"Das Leben ist ein Versuch", so der Künstler Otmar Alt. "Wir haben nur eine Chance: mit unserer positiven Einstellung zum Leben." Ein Credo, das Alt in seinem Wirken vorlebt. Fotos: privat   » zu den Bildern

Kronach - Der Name Otmar Alt ist in der Welt der Kunst ein Begriff. Und nicht nur dort. Die Arbeiten des Malers, Bildhauers, Designers und Grafikers waren und sind nicht nur in unzähligen Museen und Galerien zu sehen. Vieles hat Eingang in öffentliche Sammlungen und ins Alltagsleben gefunden. In Oberfranken war er oft zu Gast: Seine Entwürfe für Rosenthal wie unter anderem die Uhr "Coq o’clock" gelten heute als legendär; er hat Bühnenbilder und Kostüme für mehrere Inszenierungen am Theater Hof sowie zwei große Skulpturen geschaffen und beim Kronacher Kunstverein war er gleich dreimal zu Gast - unter anderem im Jahr 2010, anlässlich seines 70. Geburtstags, mit einer großen Jubiläumsausstellung auf der Festung Rosenberg.

"Ich erinnere mich sehr gerne an Kronach", sagt Otmar Alt. Der freundschaftliche Draht zu den Vorsitzenden des Kunstvereins, Karol Hurec und Willi Karl, sei nie abgerissen. Ob er nochmal nach Kronach käme? Er würde ja gerne. "Aber wissen Sie, ich heiße nicht nur Alt…". Otmar Alt, der umtriebige Künstler, der die Szene über Jahrzehnte mit seiner Experimentierfreude überrascht und der den schmalen Grat zwischen Kunst und Kommerz geschickt ausbalanciert hat; dessen Oeuvre nicht nur quantitativ beeindruckt, sondern auch durch Vielschichtigkeit und der nie müde wurde, in seinen Bildern immer neue, faszinierende - lustige, alltägliche, groteske und auch tragische - Geschichten zu erzählen - er wird in diesem Jahr 80 Jahre alt.

Am 17. Juli 1940 wurde er in Wernigerode geboren. Ein Kriegskind. Er ergreift zunächst den Beruf des Dekorateurs und Plakatmalers. Im Jahr 1959 beschließt er, Modezeichner zu werden und beginnt ein Studium an der Berliner Meisterschule für Kunsthandwerk. 1960 wechselt er an die Hochschule für Bildendende Künste zu Berlin. 1964 wird er Meisterschüler bei Hermann Bachmann. Alt ist einer der wenigen deutschen Maler, dem bereits in jungen Jahren der Sprung in die vordersten Reihen der Kunstszene gelingt. Auf seine viel beachtete und auch kommerziell aus dem Stand erfolgreiche Ausstellung im Jahr 1966 in der renommierten Berliner Galerie Katz - seine erste Einzelausstellung überhaupt - folgt 1967 eine Reihe viel beachteter Ausstellungen im Inland und bereits 1969 ein Vorstoß "nach Übersee". Im Jahr 1969 beginnt seine künstlerische Auseinandersetzung mit der Plastik. Es entstehen erste Skulpturen aus Keramik. Wenig später gestaltet er das Kinderbuch "Luderbär". 1972 entwirft Alt ein Plakat für die Edition "Olympia 1972".

Früh bricht er jedoch aus dem "elitären" Kunstbetrieb aus und arbeitet hochproduktiv darauf hin, seinem Schaffen ein neues Terrain zu erschließen. Er will näher am Menschen, am Betrachter sein. Er ist überzeugt: Jedermann soll jederzeit Zugang zur Kunst haben. Die Bedeutung der Werke soll vom Betrachter selbst erarbeitet werden. Er nutzt dazu nicht nur das klassische Mittel der Druckgrafik, die als vervielfältigte Kunst auch für "Otto Normalbürger" erschwinglich ist, oder die Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen wie Rigips oder ab 1978 mit Rosenthal. Er stellt - seinerzeit ungewöhnlich - in Schulen und Betrieben aus, beteiligt sich an Wohltätigkeitsveranstaltungen, unter anderem für krebskranke Kinder, und arbeitet immer wieder mit Kindern und Jugendlichen zusammen.

Otmar Alt hat von jeher ein großes Bedürfnis nach Kommunikation. "Ich male für Menschen, nicht für Museen", betont er. Das hat auch Rückwirkung auf sein Schaffen. Das Auge, das Organ für visuelle Kommunikation, findet sich nun immer häufiger in seinem Werk. Es ist das Vehikel für das Zwiegespräch zwischen Bild und Betrachter. Die Variationsbreite des Augenmotivs ist in Alts Werk enorm. Faszinierend: Alts "Augentiere". Diese Wesen sind nicht nur Mittel zum Dialog, sondern auch eine Möglichkeit für den Künstler sich mitzuteilen. Denn nicht selten stehen die Augenwesen für den Künstler selbst.

Seit den 1980er Jahren prägen Tiere sein Werk - allen voran: Katzen. Er bekommt das Etikett, ein "Katzenmaler" zu sein, das er in der Folgezeit kaum loswird - ebenso wie das Klischee des Märchenerzählers und des kindlich verträumten Fabulierers. Doch Alts scheinbar heitere Farb- und Fabelwelten sind stets Ergebnis eines intellektuell anspruchsvollen, künstlerischen Gestaltungswillens. Die entspannte Unbeschwertheit entsteht aus einem komplizierten Spiel mit Farben und Formen. Das Narrativ, das Erzählerische, ist Ergebnis einer systematischen Erfindung und Ausgestaltung Otmar Alts ureigenster, zum Teil grotesker Natur- und Tier-Geschichten. Alts Bilder sind niemals simpel, einfach witzig oder bierernst. So kompliziert, knorrig und kantig der Künstler ist, so ist auch sein Werk. Alts Humor ist vielschichtig; seine Arbeiten tiefgründig und hochkomplex. Und es gibt immer eine Geschichte hinter der Geschichte, die es zu entdecken lohnt.

Otmar Alt lebt im nordrhein-westfälischen Hamm, Ortsteil Norddinker, in einem Bauernhaus, umgeben von seltenen Hühnern und Wasservögeln, Nandus und Lamas. Hier hat auch seine 1991 gegründete Stiftung, inklusive Skulpturenpark und Amphitheater, ihren Sitz, mit der er den künstlerischen Nachwuchs fördert.

Hier sollte eigentlich auch eine große Feier zu seinem 80. Geburtstag stattfinden. "Die ist wegen Corona abgesagt", berichtet Otmar Alt. "Wissen Sie, das Gute an der jetzigen Situation ist, dass wir alle wieder bescheidener werden müssen. Wir haben uns und der Natur in den letzten Jahrzehnten zu viel zugemutet. Jetzt ist es Zeit, sich zu besinnen." Otmar Alt fügt hinzu: "Kunst heißt ja auch, Zeichen zu setzen. Dafür ist jetzt der richtige Augenblick. Und wir müssen Geduld lernen." Derzeit arbeitet der Westfale an einem "Corona-Zyklus". Dabei besinnt er sich auf seine Anfänge als Maler und die Stilrichtung der "art informel", die sich abkehrt von der streng rationalen, geometrischen Abstraktion, zugunsten eines freien und spontanen Schaffensprozesses. Reflektiert er damit sein eigenes Lebenswerk? Zurück, alles auf Null? Bei Alt, der zwar so heißt, der aber im Geiste geradezu unverschämt jung ist, verspricht dies eher der Anfang eines neuen künstlerischen Ausdrucks zu sein.

Autor

Sabine Raithel
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
19. 05. 2020
17:26 Uhr

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Sabine Raithel

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Veröffentlicht am:
19. 05. 2020
17:26 Uhr



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