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Kronach

Ein Risiko, das sich gelohnt hat

Für das Kronacher Kaspar-Zeuß-Gymnasium war Raphael Thoma der erste blinde Schüler. Das stellte nicht nur den jungen Mann vor Herausforderungen.



Im Musikunterricht oft dabei: Hund Jackson, der unbedingt mit aufs Pressefoto sollte, denn für Raphael Thoma war das Tier ein guter Lehrer: "Er hat mir geholfen, meine Angst vor Hunden abzulegen" - von links: Renate Leive, Raphael Thoma, Mario Götz, Ralf Rüger, Elisabeth Schmidt und Leonhard Welscher. Foto: Bianca Hennings  

Kronach - Es gibt eine Geschichte, die dem Musiklehrer vom Kaspar-Zeuß-Gymnasium Mario Götz sofort einfällt, wenn er an die Zeit mit seinem blinden Schüler Raphael Thoma denkt. Er erzählt von einem Besuch einer Oper in Erfurt - Zauberflöte. "Vor uns saß eine furchtbare Schranze. Raphael hat mich dauernd gefragt, was auf der Bühne passiert. Irgendwann hat die Frau sich umgedreht und ‚Psssst‘ gezischt. Raphael sagte dann: ‚Aber ich bin doch blind.‘ Die Frau war sichtlich schockiert und hat sich so lange entschuldigt, bis ich ‚Psssst’ gesagt habe." Solche Geschichten, aber auch viele, viele lustige können Raphael Thomas Lehrer erzählen. Der 19-Jährige hat in diesem Jahr am Kaspar-Zeuß-Gymnasium Abitur gemacht. Als die Schule vor über acht Jahren damit konfrontiert war, einen blinden Schüler bei sich aufzunehmen, war das für das Lehrerkollegium noch Neuland.

Direktorin Renate Leive berichtet, damals habe sich sehr schnell ein Team von Freiwilligen zusammengefunden, die mit Raphael arbeiten wollten. Beispielsweise habe man für das Fach Mathematik jemanden finden müssen, der sich mit Latex auskennt, einer Mathematikschrift für Blinde. Ralf Rüger hat sich in die Materie eingearbeitet.

Raphaels Schulbegleiterin Christine Müller sei ein ebensolcher Glücksfall gewesen wie der blinde Junge selbst: "Die Regierung von Oberfranken war der Meinung, dass sie nur dafür sorgen soll, dass Raphael sich im Haus auskennt. Aber das war für ihn ja bald kein Problem mehr. Sie ging auch mit ihm zum Unterricht. Und darüber waren vor allem die Lehrer anfangs froh, die Raphael neu unterrichtet haben. Da musste sich ja jeder immer wieder neu einarbeiten." Christine Müller habe im Juni übrigens auch ein Abiturzeugnis erhalten. Für Ralf Rüger ist klar: "Wenn wir uns immer strikt an die Vorgaben gehalten hätten, wäre das Projekt nicht so erfolgreich gewesen." Er ärgert sich noch heute über die Vorgaben für Raphaels Mathe-Abitur. Der 19-Jährige habe ein Modell bekommen, das die anderen Schüler nicht hätten sehen dürfen, weil sie sonst einen Vorteil gehabt hätten. Raphael musste das Mathe-Abitur also getrennt von den anderen schreiben - mit zwei Aufsichtslehrern. Dafür hatte er sechs Stunden und 45 Minuten Zeit. "Wir mussten drei Monate lang mit dem Kultusministerium diskutieren, ob es eine Übervorteilung wäre, wenn er dazwischen eine 15-minütige Pause einlegt", erklärt Ralf Rüger. Die Auseinandersetzung habe man schließlich gewonnen. Sie habe aber einfach viel Energie und Zeit gekostet.

Derweil erinnert sich Raphaels Lateinlehrer Leonhard Welscher an eine Begebenheit, die er immer wieder erzähle. Raphael habe bei Schulaufgaben oder Exen die gestellten Aufgaben immer auf einem USB-Stick bekommen. Bei der ersten Schulaufgabe in der 10. Klasse habe er aber den Stick vergessen. "Das hab‘ ich erst zehn Minuten vor Beginn der Schulaufgabe gemerkt. Ich hatte schon mit der Welt abgeschlossen, da hat sich ein hilfsbereiter Kollege angeboten, die Aufgaben abzuschreiben und nach und nach in die Klasse zu Raphael zu bringen", erklärt Leonhard Welscher noch heute zerknirscht. Er sei also zu Raphael gegangen, habe ihm die Sache erklärt und gesagt: "Ich bin fix und fertig." Raphael habe geantwortet: "Bleiben Sie ruhig. Es gibt Schlimmeres."

Auch Raphaels Sport-Lehrerin Elisabeth Schmidt hat eine Geschichte auf Lager. Sie habe eigens eine Fortbildung gemacht, damit der Junge in der 8. Klasse den einwöchigen Skikurs mit begleiten konnte. Sie habe Richtungsangaben anhand der Uhr gegeben: "Die Nasenspitze stand auf 12 Uhr. Wende dich auf 3 Uhr bedeutete: Mach‘ eine Viertel-Drehung." Raphael sei Skihänge hinunter gesaust, die Sehende nicht so gut geschafft hätten. Sie habe ihm den Kurs mit dem Finger auf seinen Rücken "gezeichnet", so habe er sich die Abfolge der Kurven eingeprägt. Immer, wenn sie hopp geschrieen hätte, habe er aus dem Gedächtnis heraus eine Kurve einschlagen müssen. "Da lernt man als Lehrer, präzise Angaben zu machen. Raphael mussten wir ja alles genau beschreiben. Diese Exaktheit in der Sprache hat am Ende auch den anderen Schülern genutzt", erklärt Elisabeth Schmidt.

Ralf Rüger meint grinsend, Raphael sei stets auch mit vollem körperlichen Einsatz bei der Sache gewesen. In der 7. Klasse arbeite man in Mathematik viel mit Zirkel und Lineal. Für Raphael habe es ein Brett gegeben mit einer Kunststoffauflage und darauf eine spezielle Folie. Die Punkte, die dort aufgedruckt waren, habe er mit Nadeln abgestochen. "Wenn ich meinen Finger nicht schnell genug wegbekommen hab‘, hat Raphael da auch mal eine Nadel oder einen Zirkel reingestochen", erzählt sein ehemaliger Mathelehrer. In der Oberstufe sei klar gewesen, wenn es für Raphael ein "Killerfach" gibt, an dem er scheitern könnte, dann wäre es Mathematik gewesen. Denn die Vorstellungskraft, die man dafür braucht, war für ihn natürlich schwer leistbar. Ralf Rüger: "Ich hab‘ da bis zum Schluss mitgefiebert. Aber er hat‘s souverän gemeistert."

Schöne und spannende Erfahrungen habe das Lehrerkollegium mit der Unterrichtung von Raphael gemacht, meint Mario Götz. Dennoch würden das wohl Insel-Erfahrungen bleiben, sagt Renate Leive. Denn ein Schüler, der blind sei, gymnasial geeignet und bei dem die Eltern den Mut hätten, das auszuprobieren, das sei einfach selten. "Aber warum soll ein Kind, nur weil es blind ist, auf ein Internat gehen?", fragt sie. Zudem habe ihr Kollegium großes Selbstbewusstsein durch Raphaels Anwesenheit entwickelt. Es sei irgendwann klar gewesen, dass man einen blinden Schüler gut managen könne. "Wenn das mit ihm so gut funktioniert, wieso sollte es mit anderen Schülern, die ein anderes Handicap haben, nicht gehen", sei das Credo geworden.

Und auch die anderen Schüler hätten von Raphael profitiert. Leonhard Welscher: "Sie haben in ihrer Sozialkompetenz im Umgang mit ihm dazugelernt. Es hat sich immer irgendjemand für ihn verantwortlich gefühlt." Und, das betont Welscher, Raphael habe auch seine letzten drei Jahre als Lehrer ungemein bereichert.

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Bianca Hennings
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Veröffentlicht am:
03. 08. 2019
00:00 Uhr

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Bianca Hennings

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03. 08. 2019
00:00 Uhr



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