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Kronach

Ganz Nordhalben ist ein Atelier

14 Künstler erwecken den Kunstsommer zum Leben. Die Werke sind so unterschiedlich wie die Frauen und Männer selbst. Die Resonanz in der Bevölkerung ist riesig.



Judith Franke und ihre Sitzende für die Mitfahrerbank. Fotos: Maria Löffler   Foto: Maria Löffler » zu den Bildern

Nordhalben - "Das ist ein Galgenstrick aus Glasperlen. Der ist für jemanden, der sonst schon alles hat." Wenn die Berliner Künstlerin Ramona Taterra über ihre Werke spricht, dann überlegt man erst einmal, wie ernst man Kunst denn eigentlich nehmen darf. Sie ist eine der 14 Künstler, die in Nordhalben den Kunstsommer mit Leben erfüllen. Und mit Werken, die so unterschiedlich sind, dass man sich am besten einfach in sie hineinfallen lässt.

Aber es sind nicht nur die Kunstobjekte selbst, die faszinieren, polarisieren oder provozieren. Es sind auch die Aussagen der Künstler über ihre Arbeit, die Beschreibung ihrer Werke, die das Eintauchen so unkompliziert machen. Anne Friederichsen aus Essen zum Beispiel hat einen "malerischen Farbauftrag", der sich in ihren abstrakten Werken widerspiegelt. Sie fragt auch: Veränderung, Vergänglichkeit - wann entsteht eine Vorstellung? Dabei möchte sie "Allgemeingültigkeit transportieren" und ist selbst fasziniert, was die Besucher aus ihren Bildern herauslesen: "Im Betrachter entsteht eine ganz eigene Welt."

Diese Welt entsteht vielleicht auch in der "Diskokugel der Eitelkeiten", die die Handschrift von Ramona Taterra trägt. Ihre Werke sind nicht subtil, wie sie zugibt; vielmehr hält sie augenzwinkernd der Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht. Vieles ist überzogen, aber halt auch aussagekräftig. Da zieht sich auf einem ihrer Bilder eine Frau ihr Gehirn durch die Nase und die Künstlerin meint lakonisch: "Jetzt ist sie glücklich. Doof, aber glücklich."

Bernd Engels, der das "Sinnvolle im Sinnlosen" sucht, liebt Fakes. Seine Umgebung entscheidet, was entsteht: "Die Projekte brauchen den Bezug dazu. Umgebung kann unterstützen, oder sie kann auch irritieren." Passend zu Nordhalben widmet er seine Werke der Klöppelkunst und zeigt dabei, was entstanden sein könnte, wenn es denn entstanden wäre. Im Raum nebenan (Film-Apotheke) arbeitet Dagmar Wolf an ihren Objektcollagen. Bei ihr werden Zeitungen zu "unruhigen Geistern", deren Veränderungen zur Ortschaft passen. "Ich schaffe prozessionale Gebilde aus Kartons und Papier", gibt sie zu verstehen.

Michael Hoffmann, der sich in der Scheune "Zum Christoph" niedergelassen hat, redet von "Halftone- und Multilayer-Effekten" und ist sich im gleichen Moment bewusst, dass das sicher nicht jeder versteht. Doch er erklärt geduldig die Techniken, denn dieser Mann ist tiefenentspannt bis zu den Schnürsenkeln. Seine Werke verkauft er zu moderaten Preisen, denn: "Kunst muss bezahlbar bleiben, damit sie für jedermann zugänglich ist."

"Ich hab schon mal ein Häufchen hinterlassen," lacht der Künstler Siegfried Gwosdz aus Potsdam. Dabei schiebt er die zusammengefegten Holzspäne mit dem Fuß noch etwas beiseite. Er arbeitet im Maxhaus an seinen Druckgrafiken und an der "Mitmenschlichkeit, die verloren geht." Faith (Glaube) und Truth (Wahrheit), darum dreht sich alles bei Daniela Faber. Ihre Lichtinstallationen sind effektvoll - und haben den sprichwörtlich tiefen Sinn. Bei ihr schaut man in einen Tunnel, in dem der Glaube zur Wahrheit wird - oder auch umgekehrt. "Oder vielleicht ist ja doch alles nur Illusion?", mutmaßt sie selbst.

Am alten Blumenladen empfängt den Interessierten eine Holzskulptur. Und viele, der erst nur das Kunstwerk sehen, wissen trotzdem, wessen Hände es bearbeitet haben. Es ist die Frisur der hölzernen Dame, die das verrät. Judith Frankes Markenzeichen sind mittlerweile schräge Haargebilde. "Ich baue hier eine Sitzende," beschreibt sie ihr Werk, das am Ende knallbunt werden wird. Platzieren will sie es auf einer Mitfahrbank, komplett mit Tasche und einem Schild, wo es denn hingehen soll.

Ohne ihren Zeichenblock sieht man sie kaum, die Keramikkünstlerin aus Münster. Niko Kemena liebt diesen Werkstoff, aber mehr noch liebt sie das Dekor, das sie selbst entwirft. Ihre zweite Leidenschaft sind Skizzen von Menschen in Alltagssituationen. Ein ganzes Buch hat sie allein in Nordhalben damit schon gefüllt. Sie freut sich darüber, dass sie Teil einer Gemeinschaft ist, die "die Kunst aufs Land trägt".

Dass die Häuser in Nordhalben förmlich versinken, mag dem einen oder anderen Betrachter noch gar nicht aufgefallen sein. Künstler Martin Schlenger befasst sich aber genau damit. Und mit den Straßen, die Spuren hinterlassen. Er nennt seine Arbeit aus Aluminium und Acrylfarben "Talking to Birds". Sie zeigt in Fragmenten Straßen- und Wegekreuzungen, Abzweigungen und markante Punkte in Nordhalben, die er als "Vogelsprache-Wandreliefs" präsentiert.

Volker Ullenboom aus Essen bearbeitet Baumstämme aus Esche. Ein gewohntes Bild, denn viele kennen ihn auch als "HolzArt"-Künstler. Seine Botschaft transportiert er nicht nur mit Worten, sondern auch in seinen Kunstwerken: "Es gibt nicht nur schwarz oder weiß und manchmal ist es halt kompliziert." Alles, was er erschafft, ist reine Handarbeit. Als könne er es selbst kaum glauben, meint er: "Es ist schon faszinierend, wenn aus einem abgesägten Stamm Kunst erwächst."

"Es ist der Wahnsinn bis jetzt." Organisator Kai Deckelmann, der sich unter anderem mit seiner Frau Diana um den Ablauf kümmert, kann es selbst kaum glauben, als er schon mal vorzeitig Bilanz zieht. "Mit dieser Resonanz hat doch keiner gerechnet. Es ging ein solcher Ruck durch die Bevölkerung und durch den ganzen Ort. Wir haben uns auf ein Experiment eingelassen und es wurde ein voller Erfolg."

—————

Den Nordhalbener Kunstsommer kann man noch bis Samstag, 10. August,

genießen. Mit einem Abschlussfest geht er dann am Abend zu Ende.

Autor

Maria Löffler
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Veröffentlicht am:
08. 08. 2019
00:00 Uhr

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Maria Löffler

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08. 08. 2019
00:00 Uhr



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