Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Kronach

Langfinger oder lange Leitung?

Ein 48 Jahre alter Mann steht seit Mittwoch vor Gericht. Er soll rund um Küps zahlreiche Beutezüge unternommen haben. Oder wurde er am Ende Opfer seiner Gutmütigkeit?



Unter anderem zwei Fahrräder soll der Angeklagte auf seinen Beutezügen gestohlen haben.   Foto: Symbolfoto: Sascha Willms

Kronach - Einem aufmerksamen Anwohner war es zu verdanken, dass am 2. April dieses Jahres ein mutmaßlicher Serieneinbrecher in der Marktgemeinde Küps von der Polizei auf der Flucht gestellt werden konnte. Bei einer Wohnungsdurchsuchung wurde in der Folge ein ganzes Sammelsurium an geklauten Gegenständen sichergestellt. Dieses konnte mit insgesamt 16 Einbrüchen im Raum Küps in Verbindung gebrachte werden. Seit Mittwoch wird der Fall am Amtsgericht Kronach verhandelt.

Am ersten Prozesstag unter Vorsitz von Richterin Claudia Weilmünster lag der Fokus auf den Ausführungen des Angeklagten sowie einem psychiatrischen Gutachten. Insgesamt 16 Diebstähle und Einbrüche im Zeitraum von August 2018 bis April 2019 im Raum Küps und Umgebung sowie einen Entwendungsschaden von knapp 15 900 Euro legte Staatsanwalt Harun Schütz dem 48-Jährigen zur Last. Dabei habe der Beschuldigte auf seinen Beutezügen weder vor Abstellräumen, Gartenhütten und Garagen noch vor geparkten Autos haltgemacht. Besonders dreist: Einem Postzusteller soll er aus dessen Lieferfahrzeug fünf Nachnahme-Briefe mit Waren im Wert von knapp 1200 Euro gestohlen haben. Und ein ortsansässiger Getränkemarkt vermisste nach oftmaligen Besuchen des Herrn nach einer Inventur Schnaps im Wert von 600 Euro.

Baumaterial und -maschinen sowie Werkzeuge, aber auch Unterhaltungselektronik standen augenscheinlich auf der Agenda des Herrn ganz oben. Aber auch Haushaltswaren, Waffenzubehör und Shisha-Pfeifen waren vor dem Mann nicht sicher. Auch zwei Fahrräder sowie ein Pocket-Bike listete der Anklagevertreter auf.

Der Angeschuldigte selbst bestritt in nahezu allen Anklagepunkten jedwede aktive Beteiligung an den Diebstählen und präsentierte in Form von teils recht wundersamen Geschichten einen finanziell chronisch klammen sowie drogenabhängigen Bekannten als den eigentlichen Drahtzieher. Aus Gnade und Barmherzigkeit habe er diesem von Zeit zu Zeit eine Bleibe gestellt und sei in der Folge von diesem in unregelmäßigen Abständen mit der einen oder anderen "Aufmerksamkeit" bedacht worden. Aber es sei auch vorgekommen, dass ihm die Abnahme von Waren gegen Geld vom Bekannten förmlich aufgedrängt worden sei. Und diese will der Bekannte nach Worten des 48-Jährigen stets auf legalem Wege beschafft haben. "Er hat mich verrückt gemacht", schilderte er dem Gericht seine damalige Lage. Dies alles habe er dann in seinem Garten gebunkert, denn: "Das hätte man ja alles mal brauchen können." - "Das ist Ihnen also alles sozusagen zugefallen oder wurde Ihnen aufgedrängt, oder wie? Und das sollen wir Ihnen jetzt glauben?", entgegnete die Richterin. Erst als er auf einem dieser Mitbringsel einen fremden Namen entdeckte, habe er Verdacht geschöpft, dass es sich hierbei um mutmaßliches Diebesgut handeln könnte. "Es war ein Fehler. Ich war einfach zu leichtgläubig", resümierte er vor Gericht selbstkritisch.

Etwas fantasievoll schilderte er die Begebenheiten in der Nacht, die zu seiner Festnahme führten: So habe er am Ortsausgang Oberlangenstadt einen Bollerwagen sowie einen Anhänger randvoll mit Werkzeugen und Maschinen entdeckt, die er - in der Annahme, es handle sich bei den 5500 Euro teuren Gerätschaften um Sperrmüll - mit nach Hause nehmen wollte. "Es sind jetzt alles Sachen, die wertvoll sind. Da kann man doch nicht davon ausgehen, dass das jemand wegschmeißt", wandte eine Schöffin etwas ungläubig ein. Seine seinerzeitige Flucht rechtfertigte er mit Angst vor der Polizei. Eingeräumt wurde lediglich die Mitnahme eines Einkaufswagens aus einem Verbrauchermarkt, den er schlicht vergessen habe zurückzubringen.

Die Befragung von sechs weiteren Zeugen - darunter der bestohlene Postbote sowie die Kassiererin des Getränkemarktes - lieferte dem Gericht an diesem Tag noch wenig Verwertbares. Anders das psychiatrische Gutachten, das von der Vorsitzenden auszugsweise verlesen wurde: Hiernach leidet der Mann an zahlreichen alkoholbedingten seelischen Erkrankungen, die sowohl eine verminderte Steuerungsfähigkeit im Verhalten sowie "tiefgreifende hirnorganische Veränderungen" zur Folge haben. Aber: Durch die vermeintlichen Diebstähle, bei denen ein "sinnhaftes Vorgehen" unterstellt wurde, habe er seine sozial schlechte Situation verbessern wollen. Dem Gericht wurde dennoch die Feststellung einer verminderten Schuldfähigkeit empfohlen.

"Es steht hier womöglich auch nur der Vorwurf der Hehlerei im Raum", gab Verteidiger Stefan Walder auf das Gutachten hin zu bedenken und insistierte zum Abschluss des ersten Prozesstages auf die Befragung des Psychiaters hinsichtlich der Anwendbarkeit des Gutachtens auf diesen Straftatbestand. Die Frage, ob sein Mandant aufgrund der attestierten Defizite sein Verhalten einsehen konnte und überhaupt in der Lage gewesen sei, angesichts der immer neu herbeigeschafften Diebesgüter durch den impertinenten Bekannten "Nein" zu sagen, sah er nicht beantwortet. "Wenn sich das anwenden lässt, ist das Verfahren geplatzt", war er sich sicher.

—————

Der Prozess wird am 20. November

um 9 Uhr fortgesetzt.

Autor

Jürgen Malcher
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
13. 11. 2019
17:54 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Amtsgericht Kronach Angeklagte Diebstahl Festnahmen Hehlerei Polizei Psychiater Psychiatrie Psychische Erkrankungen Richter (Beruf) Straftatbestände Zeugen
Kronach
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Justizia. Symbolfoto. Justizia. Symbolfoto.

09.08.2019

Kleptomanin erhält Bewährungsstrafe

Die Angeklagte befindet sich seit 2017 in ärztlicher Behandlung. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, erneut zu stehlen. » mehr

05.07.2019

Geliehen ist nicht geklaut

Ein Senior hortet zu Hause 16 Einkaufswagen. Vor Gericht macht er ordentlich Rabatz. » mehr

Justizia

22.08.2019

Vor Gericht: Angeklagter wittert Verschwörung und präsentiert abenteuerliche Geschichte

Ein 34-Jähriger soll im Streit zugeschlagen haben. Vor Gericht stellt er abenteuerliche Thesen auf. Verurteilt wird er dennoch. » mehr

Justizia. Symbolfoto. Justizia. Symbolfoto.

02.08.2019

Sucht lässt Mann erneut straffällig werden

Ein wegen Betrugsdelikten vorbestrafter 37-Jähriger musste sich erneut vor Gericht verantworten. Die Kammer spricht eine Gefängnisstrafe aus. » mehr

12.09.2019

Gauner-Truppe prellt Kronacher Bank

35.000 Euro gehen dem Kreditinstitut durch die Lappen. Zwei der vier mutmaßlichen Täter sind nun verurteilt worden. » mehr

22.11.2019

Teure Selbstjustiz

Ein 56-Jähriger machte einer Kollegin ein unmoralisches Angebot. Die Rache ihres Freundes: eine Prügelattacke. Nun kam die Sache vor Gericht. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Küpser Markt-Weihnacht

Küpser Markt-Weihnacht | 09.12.2019 Küps
» 20 Bilder ansehen

Kunstvolle Weihnacht Kronach

Kunstvolle Weihnacht in Kronach | 08.12.2019 Kronach
» 18 Bilder ansehen

Heim-Wettkampf SG Coburg Schützen

Heim-Wettkampf SG Coburg Schützen | 08.12.2019 Coburg
» 15 Bilder ansehen

Autor

Jürgen Malcher

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
13. 11. 2019
17:54 Uhr



^