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Kronach

Nach einer Stunde Beschuss fiel Nordhalben

Heute vor 75 Jahren nahmen die Amerikaner den Ort ein. Ihr Vorrücken an diesem Tag kostete 13 Menschen das Leben. Viele Häuser brannten.



Heute vor genau 75 Jahren verloren hier in diesem Haus an einen Samstagvormittag elf Menschen ihr Leben. Im dahinter liegenden Anwesen hat ein Granatsplitter den dreijährigen Buben der Simon-Brüder in den Armen ihrer Mutter am Kopf getroffen und getötet. Foto: Michael Wunder  

Nordhalben - Heute genau vor 75 Jahren war Nordhalben Ziel des Artillerie-Beschusses. Einen Tag vorher hatte man an den drei Ortseingängen Panzersperren errichtet. In der Nachbargemeinde Tschirn hatte man an diesem Tag bereits einige Häuser mit Panzern in Brand geschossen. Auf Nordhalben wurden insbesondere auf die Zufahrtsstraßen Warnschüsse abgegeben. Daraufhin verließ ein Teil der Bevölkerung den Ort und zog sich in die nahe gelegenen Wälder zurück.

Die Amerikaner, deren Beobachtungsflugzeug ständig über den Ort kreiste, erwarteten offensichtlich das Hissen der weißen Flagge. Da dies nicht erfolgte, begannen die Panzer am nächsten Tag (der heutige 14. April) gegen 9 Uhr mit dem Direktbeschuss des Ortes. Zwar befanden sich hier nur noch wenige deutsche Soldaten, und an eine Verteidigung war gar nicht gedacht worden, aber die Amerikaner hatten längst die Panzersperren entdeckt und wollten offenbar keinerlei Risiko eingehen. Nach etwa einstündigem Beschuss - 56 Schüsse sollen in dieser Zeit auf den Ort abgegeben worden sein - wagte es endlich eine Gruppe von beherzten Männern, geführt von einem Deutsch-Amerikaner (Schlossers Paul), den amerikanischen Panzern mit einer weißen Fahne entgegenzugehen. Damit wurde zwar weiteres Unheil verhindert, aber der Ort hatte schon schwer genug gelitten: der Tod hatte seine Opfer gefunden und aus manchem Haus schlugen die Flammen bereits hell gegen den Himmel.

Durch einen Volltreffer in das Haus Fichteraweg 23 kamen allein elf Menschen um. Der Beschuss an diesem Samstagvormittag forderte 13 Menschenleben, etwa 20 Häuser brannten ab oder waren schwer beschädigt, viele andere wiesen leichtere Schäden auf, darunter auch die Pfarrkirche, deren Turm anscheinend als Zielpunkt gedient hatte, denn in ihrer Nähe gab es die meisten Granateinschläge.

Bei einer KAB-Veranstaltung vor fünf Jahren berichtete Georg Simon als Zeitzeuge von seinen Erinnerungen: Viele Männer aus der Gemeinde waren damals mit unsicherem Aufenthalt eingezogen worden. Über Jahre verrichteten sie Dienste, ohne dass man zu Hause wusste, wo sie gerade sind. Sind Soldaten gefallen, habe die Gemeinde eine Nachricht erhalten, von dort wurde die Mitteilung an die Familien weiter getragen. "Es hat schon vorher rumort, von einer heilen Welt waren wir weit entfernt", sagte Georg Simon damals. Am Weißen Sonntag, es war der 8. April, haben nicht einmal die Glocken geläutet. Zwei Tag später sei ein Soldat zum Tode verurteilt worden. Das Standgericht Helm habe unter Anwesenheit des örtlichen Pfarrers Fiedler die Hinrichtung bei der Fichtera durchführen lassen. In den folgenden Tagen seien auch Warnschüsse abgegeben worden. Die Amis seien dann über Wilhelmsthal und Tschirn nach Nordhalben vorgestoßen. "Panzersperren" in Form von gefällten Bäumen stellten kein Hindernis dar.

Am Samstag gegen halb zehn begann dann der Beschuss auf den Kernbereich von Nordhalben. Binnen kürzester Zeit, die Bombardierung dauerte rund eine Stunde, standen Gebäude in Flammen. "Wir haben uns im Keller unserer ehemaligen Werkstatt versteckt, da fühlten wir uns am sichersten", erinnert sich Georg Simon. Dass dies nicht so war, musste man kurze Zeit später feststellen, ein Granatsplitter hatte seinen dreijährigen Bruder in den Armen seiner Mutter am Kopf getroffen und getötet. Insgesamt hat der Zweite Weltkrieg Nordhalben schwere Opfer gekostet. Der Ort hat neben diesen Toten noch 115 Gefallene und 74 Vermisste zu beklagen.

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Michael Wunder
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Veröffentlicht am:
13. 04. 2020
16:38 Uhr

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Michael Wunder

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Veröffentlicht am:
13. 04. 2020
16:38 Uhr



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