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Kronach

Remsha schafft besten "Quali" in Oberfranken

Vor dreieinhalb Jahren kam sie aus Pakistan nach Deutschland. Nun schafft sie an der Mittelschule in Windheim den besten Abschluss in Oberfranken.



Remsha Ijaz (Mitte), umringt von ihren Geschwistern Rabia, Sundas und Usman sowie ihrer Mutter Robina, zeigt voller Stolz ihr Quali-Abschlusszeugnis. Klassleiter Marco Friedrich (links) und Bürgermeister Thomas Löffler (rechts) gratulierten ihr herzlich zu diesem tollen Ergebnis. Fotos: Heike Schülein   » zu den Bildern

Steinbach am Wald - Bürgermeister Thomas Löffler würdigt sie als "Musterbeispiel für Integration", ihre Lehrer loben ihren Fleiß und Ehrgeiz und sie selbst räumt ein, sehr viel gelernt zu haben; jeden Tag und oftmals bis in den späten Abend hinein.

Der Quali

Der Qualifizierende Mittelschulabschluss (Quali) kann an einer staatlichen Mittelschule abgelegt werden und ist eine besondere Leistungsfeststellung, der sich Schüler/innen in Jahrgangsstufe 9 zusätzlich unterziehen können. Dabei müssen sie am Ende der neunten Klasse in bestimmten Fächern eine besondere Prüfung (schriftlich, praktisch und mündlich) ablegen. Wer bei der Gesamtbewertung mindestens einen Notendurchschnitt von 3,0 erreicht, erhält das Zeugnis über den Qualifizierenden Mittelschulabschluss.

 

Im Sommer 2017 kam Remsha Ijaz mit ihren drei jüngeren Geschwistern sowie ihrer Mutter nach Steinbach am Wald. Jetzt - drei Jahre später - schaffte die junge Migrantin an der Mittelschule Windheim mit dem Traum-Notendurchschnitt von 1,3 den besten qualifizierenden Mittelschulabschluss (Quali) in ganz Oberfranken - und wahrscheinlich weit darüber hinaus.

"Als wir in den Sommerferien vor drei Jahren hierher gezogen sind, konnte ich kein Wort Deutsch", erzählt die nunmehr 18-Jährige bei ihrer kleinen Feier am Samstagabend, zu der sie einige ihrer Lehrkräfte sowie Steinbachs Bürgermeister Thomas Löffler begrüßen konnte. Ihre ersten deutschen Wörter lernten die vier Geschwister durchs Fernsehschauen. So kannten sie beispielsweise eine Sendung aus ihrer Heimat Pakistan, die hier in Deutsch ausgestrahlt wurde. Nach Deutschland war die Familie circa ein halbes Jahr zuvor gekommen. Die fünf flogen mit einem Flugzeug von Pakistan nach Spanien; hier ging es weiter mit dem Taxi. Nachdem sie zunächst eine Woche in einem Flüchtlingscamp in Karlsruhe untergebracht waren, lebten sie die anschließenden vier Monate in Donauwörth.

"Dass wir aus Pakistan fliehen mussten, stand für uns schon immer fest", offenbart Remsha, dass es dort nicht mehr sicher gewesen sei und sie ständig in großer Angst gelebt hätten. Ihre Mutter hatte ihren Vater gegen den Willen ihrer Familie geheiratet, weil dieser einer anderen politischen Partei angehörte. Stattdessen hätte sie jemand anderen heiraten sollen. Ihr Vater sei eines Morgens zur Arbeit gegangen - es war der Tag, bevor ihre jüngste Schwester Sundas ein Jahr alt wurde - und nicht mehr wiedergekommen. Was aus ihm geworden ist, wissen sie nicht.

In Steinbach gefällt es der Familie sehr gut und sie würden gerne hier bleiben. Dabei war der Start in ihrer neuen Heimat für Remsha und ihre beiden Schwestern Sundas (heute elf Jahre) und Rabia (heute 17 Jahre), ihren Bruder Usman (heute 14 Jahre) wie auch für ihre Mutter Robina nicht leicht - und es habe anfangs auch Tränen gegeben. "Wir haben ja noch niemanden hier gekannt. Die ersten Wochen waren einfach nur langweilig", blickt die Einser-Absolventin zurück. Auch in der Windheimer Schule sei es anfangs zu Problemen gekommen.

Die ersten beiden Jahre besuchte die damals 15-Jährige zusammen mit Rabia und Usman die Einführungsklasse, in der Schüle mit Migrationshintergrund der unterschiedlichsten Jahrgangsstufen und Herkunftsländer unterrichtet werden. "Wir waren die einzigen aus Pakistan und wurden deshalb manchmal von den anderen geärgert und ausgelacht", blickt sie zurück. Und an noch etwas erinnert sich Remsha Ijaz in diesem Zusammenhang ganz genau: "Ich habe damals unserer Schulleiterin, Frau Paschold, von meinen Problemen erzählt. Sie sagte mir, wenn mir jemand Steine in den Weg legt, dann solle ich das ignorieren. Ich solle mich nicht ablenken lassen und meinen Weg weitergehen." Genau dies habe sie auch gemacht und so sei es in der Schule immer besser gegangen und sie habe sich bald wohl gefühlt. Das letzte Jahr bei ihrem Klassleiter Marco Friedrich sei für sie das schönste ihrer Schulzeit gewesen.

"Ich habe jeden Tag wirklich viel gelernt, auch viel auswendig. Eigentlich habe ich kaum etwas anderes gemacht außer zu lernen und manchmal zu zeichnen. Das ist ein Hobby von mir", verrät die junge Migrantin und zeigt ihre Mappe mit schönen Bildern ganz unterschiedlicher aber oftmals traurig-nachdenklicher Motive. In der Schule hätten ihr alle Fächer Spaß gemacht - vor allem Kunst, Mathematik und PCB (Physik/Chemie/Biologie). In all diesen Fächern schaffte sie in ihrem Abschlusszeugnis die Note Eins. Gleiches gilt auch für ihr Projekt. Lediglich im Fach Deutsch hatte sie die Zwei. Bei der Quali-Prüfung selbst hatte sie ebenfalls in Deutsch die Note Zwei und auch in Mathematik, wobei sie hier nur um einen Punkt an "sehr gut" vorbeigeschrammt ist, was sie schon ein wenig ärgert.

Die hervorragenden Leistungen habe sie insbesondere ihren Lehrern zu verdanken. Diese seien immer für sie da gewesen, auch wenn sie sie manchmal noch abends angerufen hat. Für sie alle fand sie viele persönliche Worte der Wertschätzung. Großen Dank zollte sie auch dem Bürgermeister, der ihrer Familie immer helfe und ein offenes Ohr habe. Gleiches gelte auch für den Flüchtlingsbeauftragten der Gemeinde, Klaus Neubauer. "Ohne sie alle hätte ich es nicht geschafft und würde ich heute nicht hier stehen", meinte sie gerührt. Aus Dankbarkeit hatte sie diese alle zu einem leckeren von ihrer Mutter zubereiteten mehrgängigen Essen mit Spezialitäten aus ihrer Heimat zu sich nach Hause eingeladen.

Die Lehrer ihrerseits zollten ihr größten Respekt für ihren Fleiß, ihre Zielstrebigkeit und ihren Ehrgeiz. Aufgabenstellungen, gerade auch in Fächern wie beispielsweise Physik, nicht in der Muttersprache vorgesetzt zu bekommen, stelle eine große Schwierigkeit dar. Das Auswendiglernen und entsprechende Anwenden sei eine große Leistung. Auch im Corona-bedingten "Home Schooling" sei sie sehr gewissenhaft gewesen und habe alle Arbeitsaufträge mehr als erfüllt. Zur Übermittlung nutzte sie einen ihr von der Windheimer Schule durch Systembetreuer Sebastian Unger zur Verfügung gestellten Laptop. "Ich weiß sicher, dass sie mit dem Notendurchschnitt mit 1,3 die Jahrgangsbeste in ganz Oberfranken ist. Ich denke, auch weit darüber hinaus, wahrscheinlich sogar ganz Bayerns", vermutet ihr Klassleiter Marco Friedrich. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist Remsha auch die erfolgreichste Absolventin in der Geschichte der Mittelschule Windheim, da sich keiner der anwesenden Lehrer an ein derart herausragendes Ergebnis erinnern konnte. "Du bist ein Musterbeispiel für gelungene Integration", würdigte auch Bürgermeister Löffler, der ihr gratulierte und ein Geschenk überreichte.

Remsha wird ab dem kommenden Schuljahr an der Mittelschule Pressig den M-Zug besuchen. Auch ihr Berufswunsch steht bereits fest; sie möchte Zahnärztin werden. Nun aber sind erst einmal Ferien angesagt, in denen sie viel zeichnen und mit ihrer Mama "quatschen" möchte, bevor sie ab September die nächste Etappe angehen wird.

Autor

Heike Schülein
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
26. 07. 2020
16:10 Uhr

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Autor

Heike Schülein

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
26. 07. 2020
16:10 Uhr



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