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Schicksalsstunde fürs Zapfenhaus

Mitwitzer Räte entscheiden am Montag, was mit dem historischen Gebäude und seiner denkmalgeschützten Mikwe passieren soll. Indes machen sich Fürsprecher leidenschaftlich für seine Revitalisierung stark.



Es gäbe eine mehrfache Nutzung für das historische "Zapfenhaus" in Mitwitz und eine einmalig hohe Förderung zur Sanierung, richten Heinz Köhler (links), Odette Eisenträger-Sarter (Arbeitskreis Synagoge) und Kreisheimatpfleger Dieter Lau einen leidenschaftlichen Appell an die Mitglieder des Mitwitzer Marktgemeinderats, sich in der kommenden Sitzung für das vorliegende Konzept zu entscheiden. Fotos: Rainer Glissnik   » zu den Bildern

Mitwitz - Der Marktgemeinderat Mitwitz wird am kommenden Montag über die Zukunft des "Zapfenhauses" in Mitwitz entscheiden. Es geht darum, ob das älteste "profane" Gebäude der Marktgemeinde zusammen mit seinem bedeutenden historischen jüdischen Erbe erhalten bleibt. Vier Nutzungen sind nach einer Sanierung möglich.

Seltenes Erbe

Das Anwesen "Am Grünen Tal 10" in Mitwitz, das sogenannte "Zapfenhaus", beherbergt in seinem Keller eine bis heute erhaltene Mikwe (jüdisches Ritualbad). Nach der Geburt galten Frauen als unrein. Durch das vollständige Untertauchen im Tauchbecken wurde die Frau rituell wieder rein. Von ursprünglich 2800 Mikwen gibt es heute in Deutschland noch rund 200. Das äußerst sanierungsbedürftige Zapfenhaus befindet sich noch weitgehend in seinem ursprünglichen Zustand und steht heute unter Denkmalschutz. Der Erhalt ist jedoch bedroht und es besteht die Gefahr, dass dieses Denkmal nicht erhalten werden kann. rg


Wird das historische "Zapfenhaus" mit seiner herausragenden jüdischen "Mikwe" unter Nutzung einer herausragenden Förderung hergerichtet oder weiter verfallen? Dr. Heinz Köhler, Odette Eisenträger-Sarter (Arbeitskreis Synagoge) und Kreisheimatpfleger Dieter Lau richten einen leidenschaftlichen Appell an die Mitglieder des Gremiums, sich für das vorliegende Konzept zu entscheiden.

"Die Revitalisierung des Zapfenhauses würde der denkmalgeschützten Mikwe sicher helfen und für Mitwitz, den Zentralort im Steinachtals, einen touristischen Mehrwert bringen", unterstreicht Kreisheimatpfleger Dieter Lau. "Wir müssen die Entscheidungsträger in Mitwitz einfach unterstützen", erklärt er.

"Wir haben hier eine Mehrfachlösung", plädiert die Vorsitzende des Arbeitskreis Synagoge Odette Eisenträger-Sarter. "Es geht uns nicht nur um den Erhalt der Mikwe, des jüdischen Lebens. Dank Dr. Heinz Köhler haben wir hier ein großartiges Nutzungskonzept." Im Zapfenhaus könnte eine "Bienenwerkstatt" entstehen. Schulklassen und Interessierte könnten hier etwas über die Bienen erfahren. Die Imker, die derzeit ihren Lehrstand im Mitwitzer Wasserschloss haben, würden ebenfalls im Zapfenhaus einziehen.

Hinter dem Haus soll eine Streuobstwiese angelegt werden. Außerdem würden die Imker im Haus einen Raum für sich erhalten. Der Zugang zur Mikwe würde separat gestaltet, damit Gästeführer dorthin kommen, ohne die anderen zu beeinträchtigen. "Mikwe, Bienenwerkstatt und Imker" wünscht sich Odette Eisenträger-Sarter als tragfähiges Dauerkonzept für den Erhalt.

Dazu würde auch die Ökologische Bildungsstätte Mitwitz das Zapfenhaus nutzen, weil dieser in der "Alten Schule" künftig Möglichkeiten wegfallen würde, so Dr. Heinz Köhler. Unmittelbar vor dem kurzfristigen Pressetermin am Zapfenhaus hatte er noch Gespräche mit der Ökologischen Bildungsstätte geführt mit Vorsitzendem Kai Frobel und Geschäftsführer Dr. Andrè Maslo.

"Das Zapfenhaus ist ein prägendes Gebäude, wohl das älteste Profangebäude in der Marktgemeinde", appelliert Dr. Heinz Köhler , die Chance zur Sanierung dieses Bauwerks zu nutzen. "Für mich als Mitwitzer hat dieses Haus einen ganz besonderen Wert." Schließlich gebe es konkrete Verwendungsmöglichkeiten, die den Markt aufwerten. Die jüdische Mikwe sei etwas Außerordentliches für die Marktgemeinde und den Fremdenverkehrsort Mitwitz. "Letztlich könnte es ein Schmuckstück für Mitwitz werden." Diese Chance böte sich nur einmal. "Das Gebäude ist über 300 Jahre alt. Unser Glück ist dazu, dass es nahezu im Originalzustand erhalten ist", betonte Odette Eisenträger-Sarter. "Es ist so einmalig." Den Befürwortern geht es nicht darum, alles abzureißen und ein kleines Dach über die Mikwe zu machen. "Wir wollen das ganze Gebäude erhalten." Mitwitz mit seinen jährlich 40 000 Übernachtungen gewinne durch auch im touristischen Bereich. Besucher der wunderschönen Kirche könnten das kurze Stück weiter zum Zapfenhaus gehen. Im gesamten deutschsprachigen Raum gebe es nur noch rund 200 Mikwen. Anders als in Mitwitz sei die Hälfte davon in schlechtem Zustand.

"Dieses Haus ist ein Schmuckstück und eine Bereicherung für die Marktgemeinde", untermauerte Dr. Heinz Köhler. "Folgekosten entstehen hier nicht, weil sich alles selbst finanziert." Die Sanierung erhält 90 Prozent Förderung durch die Nordostbayerninitiative.

"Seinen Aufstieg zum zentralen Ort verdankt der Markt auch der jüdischen Bevölkerung, die sich bis ins 19. Jahrhundert intensiv mit dem Handel beschäftigte", erinnert Kreisheimatpfleger Dieter Lau. Älteste Belege auf die jüdische Bevölkerung kenne man aus den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts, als die von Würtzburg in Mitwitz ihre Herrschaft ausbauten und sich der fränkischen Ritterschaft anschlossen. "Die Ritterschaft besaß das Judenschutzprivileg des Kaisers und konnte somit Juden in ihren Territorien aufnehmen." Insbesondere nach der Vertreibung aus den Städten der Hochstifte und der Markgrafen habe sich die jüdische Bevölkerung in den ritterschaftlichen Dörfern Frankens wie in Mitwitz, Küps, Redwitz angesiedelt, erklärt Dieter Lau. Die jüdische Kultusgemeinde Mitwitz besaß schon frühe intakte kulturelle Einrichtungen wie eine Synagoge, eine Schule und ein rituelles Tauchbad.

Bestattungen erfolgten auf dem Judenfriedhof in Küps. Im Laufe der Jahre wuchs die Größe der jüdischen Gemeinde an. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bekannte sich beinahe jeder fünfter Einwohner von Mitwitz zum jüdischen Glauben. Das Zusammenleben zwischen Christen und Juden war lange problemlos, bisweilen von inneren und äußeren Konflikten überlagert.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten die ansässigen Juden in die Städte und teilweise nach Amerika aus. Einer der bekanntesten Mitwitzer Juden war David Bamberger. Ihn zog es nach Lichtenfels. Dort baute er seinen Handel und die Produktion mit Korbwaren aus. Ludwig A. Freund und die Familie Bamberger machten mehrere Stiftungen für ihre Heimatgemeinde Mitwitz.

Autor

Rainer Glissnik
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Veröffentlicht am:
10. 10. 2019
13:08 Uhr

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Autor

Rainer Glissnik

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Veröffentlicht am:
10. 10. 2019
13:08 Uhr



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