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Kronach

Übersetzungsproblem am Strafgericht

Wie ist die Beleidigung zu werten, die ein Pole seiner Freundin hinterher rief? Das bleibt unklar. Zahlen muss der Mann dennoch.



Kronach - Sprachwissenschaftliche Detektivarbeit hat das Strafgericht des Amtsgerichts Kronach unter Vorsitz von Richter Christoph Lehmann am Donnerstag leisten müssen. Es ging um ein Beleidigungsverfahren gegen einen 65-jährigen Polen.

Dem Angeschuldigten wurde vorgeworfen, am 10. Juli dieses Jahres seine Lebensgefährtin mit einem Schimpfwort tituliert zu haben: Im Zuge eines Beziehungsstreits soll nach dem Konsum von Alkohol seitens des Beklagten vom Balkon der gemeinsamen Wohnung aus der polnische Ausdruck "Kurwa" gefallen sein - ein Begriff, der unter anderem eine im horizontalen Gewerbe tätige Dame bezeichnet. Der Beschuldigte kam angesichts dessen glimpflich davon: Nach Würdigung aller Gesamtumstände wurde das Verfahren letzten Endes gegen eine Geldauflage in Höhe von 250 Euro eingestellt.

Statt sich zum Sachverhalt zu äußern, referierte der wegen zweifacher Beleidigung einschlägig vorbestrafte Angeschuldigte zu Prozessbeginn erst einmal längere Zeit über seinen Gesundheitszustand. Besonders für seine Herzprobleme meinte er dabei mit "zwei oder drei Schnäpschen am Tag" ein Allheilmittel gefunden zu haben. "Die Beleidigung hat ja jetzt wohl nichts mit Ihrem Herz zu tun, oder?", intervenierte der Vorsitzende schließlich und hielt den 65-Jährigen zur Sachlichkeit an. Dieser bestritt die Vorwürfe der Anklagevertretung und relativierte die Anschuldigungen. Zwar habe er das Wort "Kurwa" gebraucht, als er die Beleidigte bat, den Mund zu halten; doch durch die Verwendung am Satzanfang habe dieses eine vollkommen andere Bedeutung erhalten: "Jeder Pole sagt das - wie wenn ein Deutscher ‚Scheiße‘ sagt", versuchte er zu verdeutlichen. Hinsichtlich seiner Trinkgewohnheiten räumte der 65-Jährige auf Nachfrage des Richters ein, "nicht jeden Tag, aber oft" Alkohol zu konsumieren. Und um eben dieses Problem in den Griff zu bekommen, habe er sich nun eine "kleine Auszeit" von der seit immerhin sieben Jahre andauernden Beziehung gegönnt. "Die meisten Angeklagten sagen mir, sie brauchen ihre Freundin, um vom Alkohol loszukommen. Bei Ihnen ist es ja anscheinend genau umgekehrt", bemerkte der Vorsitzende mit Unverständnis.

Die 60-jährige Lebensgefährtin und Landsfrau des Angeklagten präsentierte eine andere Darstellung der Geschehnisse: Seit zwei Jahren halte diese "Dauerbeziehungskrise" nun schon an. Am Tattag habe der Beschuldigte bereits nachmittags dem Alkohol reichlich zugesprochen und sich aufgrund von Nichtigkeiten fortwährend aufgeregt - bis zum unrühmlichen Höhepunkt.

Mehrere Male habe sie auf Nachfrage des Richters Beschimpfungen in zurückliegender Zeit über sich ergehen lassen, nun aber endlich den Mut zusammengenommen, Strafanzeige zu stellen. Den Wunsch einer Bestrafung ihres Partners bejahte die Zeugin nach längerem Zögern; nur so könne dieser nach ihrer Überzeugung sein Leben wieder in den Griff bekommen. Richter Lehmann hakte hinsichtlich der Bedeutung des Wortes "Kurwa" nach. "Es kann auch andere Bedeutungen haben, geht aber mehr in Richtung ‚Schlampe.‘

Letztendlich sah sich das Gericht außerstande, die Verwendung des Wörtchens in diesem Kontext eindeutig zu bestimmen, sodass Richter Lehmann in Tradition des biblischen Königs Salomon anregte, das Verfahren gegen eine Geldauflage einzustellen. Dem stimmten alle Verfahrensbeteiligten zu. "Wenn der Angeklagte ‚Scheiße‘ gemeint haben sollte, ist’s sehr teuer. Oder aber er kommt für den Ausdruck ‚Hure‘ billig davon", erläuterte der Vorsitzende nach dem Prozess auf Nachfrage.

Autor

Jürgen Malcher
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Veröffentlicht am:
28. 11. 2019
16:28 Uhr

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Jürgen Malcher

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Veröffentlicht am:
28. 11. 2019
16:28 Uhr



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