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Kronach

Von den Schrecken des Krieges

"Die Hölle kann auch nicht schlimmer sein" - unter diesem Titel startet am Sonntag, 18. Oktober, eine Ausstellung in Friesen. Anlass dafür ist ein Jubiläum.



Heidi Hansen zeigt eine Bildertafel mit den Portraits der Interviewpartner. Im Hintergrund findet der Aufbau der Ausstellung "Die Hölle kann auch nicht schlimmer sein" statt, die ab Sonntag, 18. Oktober, in Friesen zu sehen ist, anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Krieger- und Soldatenkameradschaft. Foto: Rainer Glissnik  

Friesen - Das Jubiläum "150 Jahre Krieger- und Soldatenkameradschaft Friesen" wird heuer begangen. Eigentlich sollte über Pfingsten ein großes Fest stattfinden mit viel Musik und einem Festzug. Wegen der Corona-Pandemie war dies jedoch nicht möglich. Aber von Sonntag, 18. Oktober, bis zum 29. November wird die Ausstellung "Die Hölle kann auch nicht schlimmer sein" in der Dorfscheune Friesen gezeigt. Außerdem wird das Buch "Denkmal heißt Denk mal" von Georg Schneider vorgestellt.

"Mein Traum war schon immer eine Ausstellung", erklärte Kassenverwalterin Heidi Hansen. Wichtig ist ihr auch das Projekt "Demokratie leben". Bei diesem vom Landkreis Kronach unterstützten Vorhaben des Bundes reichte Vorsitzender Jan Kraus einen Antrag ein und erhielt einen Förderbescheid über 3570 Euro. Der frühere Schulrat Georg Schneider recherchierte zu wichtigen Punkten wie dem Kriegerdenkmal und hatte auch darüber hinaus viele Ideen.

"Wir müssen heraus aus der rechten Ecke", erklärte Heidi Hansen mit Nachdruck. Dies sollte auch beim Jubiläumsfest deutlich werden. Oft würden Kriegervereine als Verherrlicher des Krieges und Pfleger des Militarismus dargestellt. Dabei hätten sie vor allem heimgekehrten Soldaten geholfen, auch finanziell, sowie den Witwen der Gefallenen, erläuterte Georg Schneider. Zudem ging es um die Pflege des Andenkens an die Gefallenen. Schon in der ersten Friesener Satzung ist dies enthalten.

In Friesen erfolgte bereits im August 2019 ein Aufruf, nach alten Unterlagen zu suchen, für die Chronik und die Ausstellung. Gefragt waren Fotos ab 1870 mit Bezug zu den Friesener Soldaten, Fotos aus den Weltkriegen, Feldpostbriefe und anderes. Gesucht wurden auch Bilder zu einem Theaterstück. Dabei kam einiges zusammen. Mit dem bewilligten Fördergeld konnte das Buch entstehen und damit auch die Ausstellung größer werden.

In dem Werk geht es darum, wie aus einfachen Soldaten "denkmalwürdige Helden" wurden. Schneider erklärt, in welchem geschichtlichen Rahmen die Kriegerdenkmäler entstanden. Ausgangspunkt sei König Ludwig II. gewesen, der nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 in jeder Pfarrei Gedenktafeln für die Gefallenen initiierte. Aus Friesen war allerdings nur ein Soldat gestorben, an Typhus. Letztlich seien so die "Helden" in den kirchlichen Raum eingezogen. Die Zurückgekehrten aus Friesen schlossen sich zu einem Kriegerverein zusammen. Dieser war bei der Fronleichnamsprozession und im Kirchenleben präsent.

In weiteren Kapiteln geht es darum, wie das Denkmal den sakralen Raum verließ und ein eigenes Ehrenmal entstand. In Deutschland gab es nach dem Ersten Weltkrieg eine regelrechte "Denkmal-Welle". Ein Friesener Steinmetz arbeitete dabei mit einem Künstler zusammen. In Wilhelmsthal schuf derselbe Bildhauer ein anderes Relief. Ausführlich wird die Einweihungsfeier beschrieben. Dazu gehörte auch die Aufführung des Schauspiels "Deutsch ist der Rhein, deutsch ist mein Herz".

Georg Schneider erinnert an eine Auseinandersetzung der Nazis mit dem damaligen Ortsgeistlichen. Kirche und Denkmal seien auch in den 1920er-Jahren noch eine Einheit gewesen. Pfarrer Gartloff war Ehrenmitglied der Krieger.

Die NSDAP in Friesen wollte das Gedenken trennen. Der Pfarrer sollte in der Kirche seine Messe halten, die Gläubigen zum Kriegerdenkmal führen und dann weggehen. Der Pfarrer wollte dabei jedoch nicht mitmachen und setzte sich durch. "Die NSDAP wird für eine Stunde katholisch", heißt das entsprechende Buchkapitel.

Für die Ausstellung in der Dorfscheune wurde der letzte noch lebende Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg interviewt. Dieser half einst als Marinesoldat dabei, Flüchtlinge über die Ostsee in Sicherheit zu bringen. Es kommen auch Zeitzeugen in Tonaufnahmen zu Wort, die etwa den Marsch der jüdischen Zwangsarbeiterinnen durch den Ort sahen. Auch von Schicksalsschlägen wird erzählt. Bei einer Familie gingen die Eltern nach Wallenfels, um den bereits eingezogenen Sohn heimzuholen - unter größter Gefahr, erschossen zu werden. Darüber hinaus sind Tonaufnahmen mit dem 1927 geborenen Ehrenmitglied Ludwig Lang zu hören, der als Soldat bei der Marine war. Mit 15 Jahren sollte außerdem das heutige Ehrenmitglied Heinrich Fischer-Weiß eingezogen werden. Doch dieser flüchtete.

Weitere Interviewaufnahmen mit Rita Schütz (geboren 1936), Gregor Kaiser (geboren 1937), Elsa Jakob (geboren 1930) und Walter Geigerhilk (geboren 1937) sind ebenfalls Teil der Ausstellung. Zu hören sind auch Beiträge von Georg Schneider, Jürgen Jakob, Josef Geiger sowie von den Geistlichen Thomas Teuchgräber und Sven Raube.

Sehenswert sind außerdem die weiteren Ausstellungsstücke. Etwa ein Feldpostbrief, den Adolf Geiger, Vater des Rechtsanwalts Josef Geiger, von seinem Nachbarn Fritz Fischer-Kilian erhielt. Darin steht, dass alles überhaupt keinen Sinn mehr mache. Restauriert wurde von Bernhard Geiger auch ein in Vergessenheit geratenes Kriegerdenkmal aus Holz, das in der Kirche gelegen war. Die Schau macht die Schrecken des Krieges greifbar, etwa durch die gezeigten Todesnachrichten, Schilderungen von Fliegeralarm, Hunger, Kriegsgefangenen und Flüchtlingen.

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Die Ausstellung ist von 18. Oktober bis 29. November jeden Sonntag von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Weitere Besuchszeiten auf Anfrage bei Heidi Hansen, Telefon 0176/32494244, E-Mail hansenkronach@gmail.com

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Rainer Glissnik
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Veröffentlicht am:
12. 10. 2020
15:56 Uhr

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Rainer Glissnik

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Veröffentlicht am:
12. 10. 2020
15:56 Uhr



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