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Kronach

Von einem Blinden sehen lernen

Raphael Thoma kam ohne Augen zur Welt. Er will Journalist werden. In der NP Kronach macht er sein erstes Praktikum - und das ist ganz anders als gedacht. Bianca Hennings hat ihn dabei begleitet.



Bei einem der vielen Termine, bei denen Raphael Thoma die NP-Redakteurin Bianca Hennings begleitet hat: inmitten des Hanf-Feldes von Josef Bayer in Bernsroth.   Foto: Philip Herr » zu den Bildern

Wo Raphael Thoma auftaucht, zaubert er den Menschen ein Lächeln ins Gesicht. Sehen kann er das nicht. Aber er fühlt es. Der 19-Jährige wurde ohne Augen geboren. Er ist mir bei einer Veranstaltung in Steinbach am Wald aufgefallen. Dort hat er auf der Bühne bei einer Schüler-Seminar-Abschlussgala mit seiner unkomplizierten Art die knapp 300 Gäste bezaubert. Ein paar Tage später rief ich ihn an und bat um ein Interview. "Das machen wir freilich", war er gleich Feuer und Flamme. Kurze Zeit später saß er in der NP -Redaktion in Kronach und erzählte von seinem Leben als Blinder. Und dass das schon okay sei, denn er kenne es ja nicht anders. Andere, die beispielsweise im Rollstuhl sitzen würden, hätte es da viel schlimmer getroffen. Und dann berichtete er von seinen Zukunftsplänen. Davon, dass er etwas machen möchte, bei dem er mit Menschen zu tun hat. Sein Traumberuf wäre Journalist. "Kann ich bei euch ein Praktikum machen?", fragte er. Und obwohl wir bei der NP in Kronach mit Praktikumsplätzen sehr zurückhaltend sind, haben wir sofort zugesagt. Um es vorwegzunehmen: Einen Artikel darüber zu schreiben, war anfangs nicht geplant. Es war die Idee unseres Redaktionsleiters Wolfgang Braunschmidt. Als er Raphael später kennenlernte, war er so beeindruckt von dem jungen Mann, dass er das vorschlug. "Sie sind ein Mutmacher", sagte er zu Raphael. Und der fand die Idee gut.

"Und hier sitzt Yannick."

Sein Praktikum startete Anfang Juli. Beim Rundgang durch die Redaktion erklärte ich ihm, wer wo arbeitet. "Und hier sitzt Yannick", führte ich ihn am verwaisten Stuhl des Kollegen Seiler vorbei. So, wie man das eben sagt. "Hallo Yannick", rief Raphael fröhlich in die Runde. Okay. Spätestens hier war mir klar, dass wir uns ein bisschen umstellen werden müssen: "Ich meinte, hier sitzt normalerweise Yannick. Er ist aber diese Woche nicht da."

Auch die Nutzung unserer technischen Systeme hatte ich mir - naiv - ein bisschen einfacher für ihn vorgestellt. Raphael hat einen Laptop, an den er eine Braille-Zeile anschließen kann. Das ist ein Computer-Ausgabegerät für blinde Menschen, das Zeichen in Brailleschrift, also der Blindenschrift, darstellt. Surfen im World Wide Web und vieles andere ist damit möglich. Um aber in unserem Redaktionssystem arbeiten zu können, hätte es einer speziellen Software bedurft. Für ein vierwöchiges Praktikum kam das nicht infrage. Er erhielt schließlich einen Internet-Zugang über den Account unseres Redaktionsleiters, mit dem er zumindest Wlan hatte. "Er soll aber keine Dummheiten damit machen", gab uns der Chef mit auf den Weg. "Was für Dummheiten?", wollte Raphael wissen. Eine meiner Kolleginnen meinte, Pornos anschauen, sei tabu. "Naja, das wäre für mich ein bisschen sinnlos, oder?", kicherte Raphael.

Und dann ging es an seinen ersten Artikel: Was tut sich auf der Burg Lauenstein? Wie weit sind die Planungen für die Ferienwohnungen, die dort entstehen sollen? Wir kamen schnell überein, dass er zum Telefonieren in einen extra Raum umzieht. Raphael nimmt die Gespräche mit seinem Diktiergerät auf. Mitschreiben wäre auf der Braille-Zeile zu kompliziert. Fürs Aufnehmen muss er das Telefon laut stellen. Damit er nicht sämtliche anderen im Raum stattfindenden Gespräche auf Band hat, wechselt er also jedes Mal den Schreibtisch. Mit dabei ist immer sein Laptop. Darin findet er die Telefonnummern, die er braucht. Auch die Fragen, die er stellen will, hat er sich vorher notiert. "Da muss man ganz schön viel telefonieren", stellte er gleich am Anfang fest. Bis man die Leute erreicht, die man braucht, das dauert eben manchmal. "Geschrieben ist das dann schnell", war er zuversichtlich. Ich hatte da meine Zweifel. Erfahrungsgemäß brauchen Praktikanten für ihren ersten Artikel ziemlich lange. Aber Raphaels Erstlingswerk war tatsächlich in Null- kommanichts fertig. Dass er andere Voraussetzungen als unsere bisherigen Praktikanten hatte, merkte man dem Artikel nicht an. Hier und da kleinere Korrekturen, ein paar Absätze umstellen - das war’s. Ich hab‘ übrigens während seiner Recherche dafür eine Burgführung mit ihm gemacht. Als ich berichtete, dass ich als Kind das letzte Mal in der Burg war, kam von ihm wie aus der Pistole geschossen: "Das ist dann aber schon ganz schön lange her." Nach einigen Sekunden Totenstille und verkniffenen Grinsen in einigen Gesichtern, schob er ein wenig unsicher hinterher: "War das jetzt blöd? Manchmal rede ich schneller als ich denke."

Und das ist völlig in Ordnung so. Denn egal, was er ab und an unüberlegt sagt: Er hat dabei eine so charmante Art, dass man ihm einfach nicht böse sein kann. Die Zeit mit ihm möchte in der Kronacher NP niemand missen. Er hat mir und den Kollegen einen Einblick in seine Welt erlaubt. Eine Welt, die von Geräuschen, Gerüchen und dem Tastsinn lebt. Wir waren einmal zusammen tanken, da bemerkte er hinterher trocken: "Die Tankstelle scheint nicht so gut zu laufen. Auf den Kaugummis war eine Staubschicht."

Nach einem Interview, bei dem er mich begleitet hat, überraschte er mich mit folgender Feststellung: "Die erste Frau, die geredet hat, die war so Ende 40, die zweite Mitte 50, oder?" Ich hätte das Alter beider Frauen genauso eingeschätzt. Die Stimme verrät ganz viel, hat er mich dann aufgeklärt. Später, als wir zusammen auf einer Bank saßen und jeder ein Brötchen vom Bäcker gegessen hat, fragte er mich plötzlich: "Bist du schon fertig?" Wie er das mitbekommen habe, wollte ich wissen. "Na, du hast das Papier zusammengeknüllt. Da dachte ich, du bist fertig." Dinge, denen man selbst keine Beachtung schenkt, fallen Raphael sofort auf. Als ich ihm verriet, dass mich das schon beeindruckt, was er so alles mitbekommt, erklärte er: "Ach, ich sag‘ immer: Eigentlich sieht man doch nur wirklich gut mit dem Herzen."

Apropos Sehen. Da waren wir am Anfang in der Redaktion ein bisschen gehemmt. Wie oft sagt man: Schau‘n wir mal. Guck mal. Das sehen wir später ... Doch Raphael nutzt solche Redewendungen auch ganz selbstverständlich. Eine Kollegin hat ihn früh einmal begrüßt mit den Worten: "Hallo Raphael, schön dich zu sehen!" Woraufhin er meinte: "Ja, schön dich zu sehen", mit der Betonung auf "dich". Sie stutzte und fragte dann, ob das jetzt ungeschickt von ihr gewesen sei. Da erklärte er ihr: "Warum? Das stimmt doch. Du siehst mich und ich seh‘ dich ja auch. Halt nur irgendwie anders." Was er so alles wahrnimmt, hat auch den ein oder anderen seiner Interviewpartner verblüfft. Als ich mit ihm zusammen in Steinbach am Wald bei Roland P. Rauschert war, meinte Raphael, er würde gerne einmal an einer Betriebsbesichtigung bei Rauschert teilnehmen. "Hätten Sie denn davon etwas?", fragte der Steinbacher Firmenchef freundlich. Da erklärte ihm Raphael, dass er ja die Informationen genauso hören würde wie alle anderen, und wenn es etwas Besonderes zu sehen gäbe, würde er sich das eben beschreiben lassen oder fragen, ob er es anfassen darf. Räume könne er außerdem recht gut einschätzen. Wie zum Beweis beschrieb er das Zimmer, in dem wir gerade saßen: Groß, ein Tisch, viele Stühle, sonst fast leer. Roland P. Rauschert führte ihn später noch in einen anderen Raum und fragte ihn, was er denke, wie groß der sei. "Der ist klein und es steht nicht viel drin." Exakt so war‘s.

 

Für das Kronacher Kaspar-Zeuß-Gymnasium war Raphael Thoma der erste blinde Schüler. Das stellte nicht nur den jungen Mann vor Herausforderungen >>>

 

Verräterischer Tassen-Abdruck

Im Laufe seines Praktikums wurde mir auch klar, dass Raphael einfach vieles mit den Händen erfasst. Einmal lag eine Zeitung auf seinem Schreibtisch. Da meinte er: "Das ist doch die von gestern!" Wie um alles in der Welt er das wissen könne, fragte ich. Er: "Da ist der Abdruck von meiner Kaffeetasse von gestern drauf."

Raphael wohnt in Lauenstein. Um in die Redaktion zu kommen, musste ihn von zu Hause immer jemand zum Bahnhof nach Ludwigsstadt bringen. Dort stieg er in den Zug ein. Am Bahnhof in Kronach holte ihn meistens einer von uns ab. Er hätte den Weg nach zwei Tagen wahrscheinlich auch allein absolviert, aber für einen Blinden ist das tatsächlich nicht so einfach. Und wir haben uns alle über den kurzen Gang zum Bahnhof gefreut. Weil die Gespräche mit Raphael immer bereichernd waren. Da erfuhr man zum Beispiel, dass der Zebrastreifen an der Hörings-Bratwurstbude aufgemalt ist. In größeren Städten sei das oft ein Belag, den man mithilfe des Blindenstocks spüren könne, erklärte mir Raphael. In Kronach muss er sich hingegen aufs Schrittezählen verlassen. Vom Eckhaus an der Bahnhofsbrücke sind es 40 Schritte. Nur manchmal kommt Raphael ein bisschen rechts oder links vom Eck an. Dann sind es nur 38 oder eben 42 Schritte ... "Das ist eigentlich das Einzige, was mich stört: dass ich immer auf jemand angewiesen bin, wenn ich wohin fahren will", erzählte er. Deshalb wäre ein Rufbus-System, wie es ab Mitte kommenden Jahres im Landkreis Kronach geplant ist, für ihn eine echte Erleichterung. Seine Mutter, die das jetzt liest, wird wahrscheinlich grinsen und denken: "Für mich auch."

Nach seinem Praktikum bei der Neuen Presse will Raphael noch eines im Kronacher Landratsamt absolvieren, am liebsten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Denn im Bereich Medien, das ist ihm nach seinem Praktikum in der NP klar, will er auf jeden Fall arbeiten. Im Oktober wird er dann in Bamberg studieren, wahrscheinlich Kommunikationswissenschaft, wenn er da übers Losverfahren noch reinrutscht. Sonst wird es erst einmal Geschichte, Politikwissenschaft und Medieninformatik. Und es ist jetzt schon klar: Die Uni Bamberg darf sich auf einen tollen Studenten freuen, mit einer unwahrscheinlich schnellen Auffassungsgabe. Seine Interviews, die er geführt hat, wurden von Mal zu Mal professioneller, bei seinen Artikeln brauchte er immer weniger Schützenhilfe. Raphael war jeden Tag in der Redaktion bestens gelaunt, egal, wie viel los war, egal, was er machen sollte. Es ist unmöglich, diesen jungen Mann nicht ins Herz zu schließen.

 

 

Autor

Bianca Hennings
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
02. 08. 2019
18:36 Uhr

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Bianca Hennings

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Veröffentlicht am:
02. 08. 2019
18:36 Uhr



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