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Kronach

Vor Gericht: Angeklagter wittert Verschwörung und präsentiert abenteuerliche Geschichte

Ein 34-Jähriger soll im Streit zugeschlagen haben. Vor Gericht stellt er abenteuerliche Thesen auf. Verurteilt wird er dennoch.



Justizia
Eine Statue der Justizia.   Foto: Peter Steffen/Archiv

Kronach - Eine scheinbare Lappalie zwischen zwei Autofahrern gipfelte in einer Landkreisgemeinde Ende Januar 2017 in einer körperlichen Auseinandersetzung: Weil beide Herren auf einer durch Schneerampen verengten Straße nicht aneinander vorbei kamen und auch keine Einigung darüber erzielen konnten, wer denn hier nun wem Platz zu machen habe, soll ein 34-jähriger Mann aus dem Landkreis Kronach seinem 52-jährigen Gegenüber nach einer verbalen Auseinandersetzung einen saftigen Hieb auf die Nase versetzt und ihn obendrein mit einem unflätigen Schimpfwort bedacht haben.

Vor dem Amtsgericht Kronach unter Vorsitz von Strafrichter Christoph Lehmann musste sich der Mittdreißiger dafür am Donnerstag verantworten. Doch dies war nicht der einzige Anklagepunkt gegen den Herrn: Nachdem er Mitte Juni 2018 einen Polizeibeamten mit der Begründung angezeigt hatte, ihm im Zuge einer Personenkontrolle mehrmals unsittlich in den Schritt gefasst zu haben, stand obendrein noch der Vorwurf der falschen Verdächtigung im Raum. Obwohl das Gericht diesen im Prozessverlauf fallen ließ, sprach es den Mann im ersteren Fall schuldig und verurteilte ihn wegen Körperverletzung in Tateinheit mit Beleidigung zu einer Geldstrafe von 600 Euro. Zudem muss er dem Geschädigten ein Schmerzensgeld in Höhe von 150 Euro bezahlen.

Der bis dato strafrechtlich noch nie in Erscheinung getretene 34-Jährige, der gleich zu Verfahrensbeginn seinen Pflichtverteidiger in den Zuschauerraum verbannte und die Zuständigkeit des Gerichts negierte, leugnete die von Staatsanwältin Julia Haderlein erhobenen Tatvorwürfe. Vielmehr sah er sich selbst in der Rolle des Opfers. "Mir wird hier etwas angedichtet. Er hat mich zuerst beleidigt. Er sagte, ich solle wegfahren, weil er einen Mercedes fährt", gab der 34-Jährige zu Protokoll. Einen Schlag gegen sein Pendant bestritt er. Für dessen ärztlich attestierte rote und geschwollene Nase lieferte er eine recht abenteuerlich anmutende Geschichte: Diese müsse sich der 52-Jährige selbst zugefügt haben. Dem Opfer und einem Augenzeugen unterstellte er im weiteren Verfahrensverlauf gar eine "bandenmäßige Absprache zur Falschaussage". Und auch am behandelnden Arzt des Geschädigten ließ er kein gutes Wort: Diesen präsentierte er als Komplizen der mutmaßlichen Konspirateure - mit der Empfehlung, die Zulassung des Mediziners zu überprüfen, denn es sei "unerhört, ein Attest auszustellen, das so etwas bescheinigt".

Ganz anders und ohne Belastungseifer schilderte der Geschädigte die Begebenheiten: "Ich bin weitestmöglich an den Straßenrand gefahren, ausgestiegen und habe ihn gebeten, auch an den Rand zu fahren. Dann wären wir problemlos aneinander vorbeigekommen". Auch erinnerte er sich an einen extrem aggressiven Tonfall des Beklagten. Nachdem er zwecks Dokumentation der Situation ein Foto geschossen habe, sei der Angeschuldigte, wohl in der Annahme, ohne sein Einverständnis fotografiert worden zu sein, auf ihn losgegangen und habe dem 52-Jährigen - vor den Augen dessen damals zehnjähriger Tochter - ins Gesicht geschlagen. Dies bestätigte ein anderer Autofahrer, der das Geschehen als Augenzeuge verfolgt und schließlich auch die Polizei verständigt hatte.

Ein psychiatrischer Gutachter, der dem Prozess als Beobachter beiwohnte, diagnostizierte anhand des Verhaltens des Beklagten eine paranoide Persönlichkeitsstörung. Dafür sprächen nicht nur die Einbildung 34-Jährigen, dass andere Menschen über ihn redeten, sondern auch Ideen, "die hart an der Realität vorbeiführen". Damit meinte er die offensichtlich unbegründeten Vorwürfe, wonach die Polizei ihn unsittlich berührt habe. In banalen Konfliktsituationen sei er zudem nicht in der Lage, souverän zu reagieren. Sein Fazit: "Mit ihm sollte man nicht in Streit geraten." Er empfahl dem Gericht, eine verminderte Schuldfähigkeit in Betracht zu ziehen - ein Umstand, der Richter Lehmann im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft letztendlich dazu bewog, zumindest die Teilanklage wegen falscher Verdächtigung fallen zu lassen.

Mit der verhängten Strafe blieb Richter Christoph Lehmann unter den Forderungen der Staatsanwältin. Dennoch: Noch im Gerichtssaal kündigte der Beschuldigte Rechtsmittel gegen das Urteil an.

Autor

Jürgen Malcher
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
22. 08. 2019
19:52 Uhr

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Autor

Jürgen Malcher

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Veröffentlicht am:
22. 08. 2019
19:52 Uhr



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