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Kronach

Was bedeutet Wende heute?

Eine lockere Plauderrunde sollte es werden, doch es wurde so viel mehr: Das Erzähl-Café im Café Kitsch widmete sich der Wiedervereinigung. Es wurde oftmals sehr ernst.



Im Erzähl-Café ging es um die Erfahrungen rund um den Mauerfall. Mit dabei waren auch Schülerinnen der Sigmund-Loewe-Realschule mit ihrem Lehrer Thomas Hauptmann. Fotos: Maria Löffler   » zu den Bildern

Kronach - "Ein Artikel zum Mauerfall von 1989 existiert gar nicht." Zu dieser verblüffenden Erkenntnis kamen die Schülerinnen und Schüler der Sigmund-Loewe-Realschule bei ihren Recherchen zum 9. November 1989. Die Arbeitsgruppe "Politik und Zeitgeschichte" saß im Erzähl-Café im Kronacher Café Kitsch und tauschte sich mit Zeitzeugen aus. Oder wie die Leiterin der Volkshochschule, Annegret Kestler, es nannte: "Wir sitzen hier gemütlich zusammen, kommen miteinander ins Gespräch und genießen die entspannte Atmosphäre."

Viel Nichtwissen

Im Vorfeld des Erzähl-Cafés hatte sich die Arbeitsgruppe "Politik und Zeitgeschichte" mit dem Thema Mauerfall beschäftigt und verblüffende Ergebnisse gesammelt. "Wir haben insgesamt 481 Schülerinnen und Schüler befragt, ob sie sich mit den Ereignissen von 1989 schon auseinandergesetzt haben. 30 Prozent haben das getan und 70 nicht." Ein ähnliches Ergebnis habe es auch bei der Frage zu einem Besuch in einer Gedenkstätte gegeben. "37 Prozent waren schon einmal da, 63 Prozent nicht." Was alle 481 mit dem Leben in Westdeutschland verbinden, fassten die Schülerinnen und Schüler ebenfalls zusammen: "Freiheit, Frieden, Glück, Heimatland, Schönheit, Demokratie, TÜV, Klöße, Landmaschinengeschichte, Suppen und Kindergeld."


Zum Thema "30 Jahre Mauerfall" jedenfalls hatte die vhs in Verbindung mit der Partnerschaft für Demokratie eingeladen und Annegret Kestler hatte sich den Verlauf der Veranstaltung wahrscheinlich auch ganz entspannt vorgestellt. Allerdings reichten die Emotionen von Wut, Trauer, Empörung und Resignation hin bis hin zur Hoffnung. Moderiert von Tim Pechauf von "Radio Eins" erzählten vor allem die Zeitzeugen von ihren ganz persönlichen Erlebnissen vor und hinter der Mauer. Dabei wurde auch so mancher Kloß im Hals hinuntergeschluckt und Tränen von den Wangen gewischt.

Von ihren Gefühlen überwältigt wurde zum Beispiel auch Berufsberaterin Tina Langold, die bei der Grenzöffnung 13 Jahre alt war. "Meine Großeltern stammten aus Eisfeld. Meine Tante ist vor dem Fall der Mauer schon über Ungarn geflohen. Zu dieser Zeit des Umbruchs gingen meine Mutter und meine Schwester zu den Montagsdemos und mein Vater rückte mit der Kampftruppe aus." Sie habe bis dahin nur dieses Leben gekannt, meint sie. "Freilich mussten wir uns für drei Bananen stundenlang anstellen." Wie eine frische Ananas schmeckt, das habe sie erst nach dem Mauerfall erfahren. "Hier kannte man sie nur aus der Dose und die kostete ganze zwölf Mark." Sie appellierte vor allem an junge Menschen: "Die Begriffe Ossi und Wessi sollten aus unserem Sprachschatz verschwinden, denn Grenzen existieren nur in den Köpfen."

Einer, der die Grenze tagtäglich vor Augen hatte, war Franz Löffler. Der ehemalige Grenzsoldat befasste sich unter anderem mit der nicht stattgefundenen Aufarbeitung der Wiedervereinigung. "Die schieben wir vor uns her. Die Einigung erfolgte viel zu schnell. Dazu hätte es Jahre der Vorbereitung gebraucht. Wir müssen das jetzt endlich nachholen und wir brauchen dazu enormes Feingefühl."

"Ich bin eine kommunistische Altlast", bekannte Wolfgang Künzel. Einst Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), war er nach dem Mauerfall bis 1996 Zugführer. "Und jetzt weiß ich nicht, bin ich Gewinner oder bin ich Verlierer?" Er empfahl dringend, Selbstkritik zu üben und dabei ehrlich zu sein. "Man muss Tatsachen im eigenen und nicht im fantastischen Zusammenhang sehen. Jedes Ding ist auch mit einer Gegenseite behaftet." Und mit Blick auf die ehemalige Grenze meinte er: "Die wurde mit deutscher Gründlichkeit erstellt."

Der gebürtige Saalfelder Thomas Kretschmer war mit der Bahn angereist und bezeichnete die Fahrt als "Zeitreise." Er sprach von der Ende der 80er-Jahre gegründeten Umweltgruppe, die sich unter anderem um die Probleme in der Landwirtschaft gekümmert habe. Und er sprach von den unterschiedlichen Arbeitsgruppen, die vor allem auch in der Ökologischen Bildungsstätte in Mitwitz geschult worden seien. "Jetzt hat die junge Generation eine ganz besondere Verantwortung, denn die Demokratie soll nicht ausgehöhlt werden. Ansonsten gehen wir einer sehr dunklen Zeit entgegen. Und damit das nicht passiert, müssen wir Aufklärung betreiben. Jeder muss seinen Platz in der neuen Zeit finden."

Für mehr generationsübergreifende Gespräche plädierte Martin Modes. "Ich habe zwei Wohnsitze, einmal in Saalfeld und einmal in Bayreuth, kenne also Ost und West. Leute aller Generationen sollten sich kennen lernen, um sich zu verstehen." Beide Seiten kennt auch das Ehepaar Gudrun und Wolfgang Schmidt. Sie sind in Ostdeutschland geboren und aufgewachsen und wohnen jetzt aber schon lange in Kronach. Die beiden sind heilfroh, "dass die Wende ohne Blutvergießen abgelaufen ist." Gerade Gudrun Schmidt bekam einen höchst bitteren Unterton, wenn sie über ihr Leben in der ehemaligen DDR sprach: "Wir wurden bewusst dumm gehalten, bekamen zwar eine gewisse Sicherheit, aber was uns fehlte, war die Freiheit." Ihr machte offensichtlich die "Bespitzelung" heute noch Probleme. "Alles wurde abgehört. Ich war im Gesundheitswesen tätig, wir bekamen kein Telefon. War jemand aber in der Bereitschaftsgruppe als Melder, der bekam selbstverständlich einen Anschluss. 1988 ist mein Schwager in Köln gestorben und wir wollten zur Beerdigung. Sobald wir den Antrag gestellt hatten, wurden wir wie Schwerverbrecher behandelt. Mitgebracht habe ich dann eine Karte, auf der Westdeutschland verzeichnet war. Unsere Karten hörten nämlich an der Grenze auf. Und die gab es ja nicht nur an Land, sondern auch an der See, wo in Urlaubsorten die Soldaten mit aufgepflanzten Gewehren Wache schoben."

Lehrer Thomas Hauptmann, dem die Grenzöffnung in Ludwigsstadt "Angst gemacht" habe, beschrieb in kurzen Worten seine Erfahrungen: "Wir konnten ja immer nur in eine Richtung fahren und plötzlich kamen Massen aus einer völlig falschen Richtung. Dieser Prozess war echt beängstigend und keiner wusste so recht, wohin das führen sollte."

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Maria Löffler
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Veröffentlicht am:
25. 11. 2019
17:58 Uhr

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Maria Löffler

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Veröffentlicht am:
25. 11. 2019
17:58 Uhr



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