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Gastkolumne

Eindrücke aus einem müden Land

Ein Mann trägt eine große EU-Flagge und eine britische Flagge durch die Londoner Innenstadt. Die Passanten heben kaum den Kopf. Es ist der Tag, nach dem Boris Johnson bekannt gegeben hat, das Parlament für fünf Wochen in eine Zwangspause zu schicken.



Ein Mann trägt eine große EU-Flagge und eine britische Flagge durch die Londoner Innenstadt. Die Passanten heben kaum den Kopf. Es ist der Tag, nach dem Boris Johnson bekannt gegeben hat, das Parlament für fünf Wochen in eine Zwangspause zu schicken. In London prangt sein Gesicht auf jeder Zeitung. Nur der "Daily Star", eins von vielen britischen Boulevard-Blättern, titelt mit einer Story über "Freddie Mercury in a pork Chop" und der Schlagzeile "Never mind all this fuss on Brexit" ("Ignorieren Sie die Aufregung um den Brexit"). Dazu das Foto eines Schweinekoteletts, in dessen Kruste sich das Gesicht besagten Sängers mit ein bisschen Fantasie erkennen lässt. Damit trifft der "Daily Star" ins Herz vieler Bürger. Die Leute haben genug von dem Drama, das sich seit über drei Jahren in Westminster abspielt, ohne dass irgendein Fortschritt erreicht wird. Ist es Ironie oder Tragik, dass es gerade diese Boulevardmedien waren, die damals die Stimmung für den Brexit anheizten?

Zur Person

Helena Schäfer, 22, Studentin aus Bayreuth, absolviert derzeit ein Auslandssemester in Dundee (Schottland) und schreibt bis zum 31. Oktober einmal wöchentlich über die Stimmung im Brexit-Land.


Ich reise mit Freunden durch die schottischen Highlands. Hier ist Brexit-freie Zone. Überall nur sanfte Hügel, Heidekraut, tiefgraue Seen, Meer, Wind und Regen. Im Zug Richtung Glasgow treffe ich Carol. Sie ist um die siebzig, hat kurze graue Haare und redet viel. Als junge Frau wanderte sie nach Kanada aus. Sie sah damals keine Perspektive in Schottland, es gab keine Gleichberechtigung für Frauen. "Wir hatten damals einen Premierminister, Harold Wilson, der tat diesem Land das Gleiche an, was Boris jetzt macht", sagt sie. Die Mehrheit der Bürger in Schottland (62 Prozent) stimmte gegen den Brexit. Für junge Menschen, die die Folgen des Brexits wohl am meisten spüren würden, ist das doppelt tragisch: Viele von ihnen waren beim Referendum 2016 zu jung, um abstimmen zu dürfen. Heute, drei Jahre später, dürften sie mitbestimmen. So auch meine Mitbewohnerinnen Zoe und Lucy. Sie sind beide 19, studieren Grafikdesign und sind gegen den Brexit. "Ich bin wütend darüber, dass ich nicht abstimmen durfte", sagt Zoe. Nach demografischen Auswertungen würde ein Referendum heute anders ausfallen. Zoe redet zu Hause oft über den Brexit, weil ihr Vater Wirtschaft unterrichtet. "Der Brexit verbaut unsere Zukunft", sagt sie. Ihre Familie kommt aus Neuseeland, sie möchte später die Möglichkeit haben, in anderen Ländern Europas zu arbeiten. Lucy redet selten über den Brexit. "Wir machen nur Witze über Boris." Zoes Eltern ziehen Ende Oktober, also pünktlich zum vermeintlichen Austrittsdatum, zurück nach Neuseeland. "Nicht direkt wegen des Brexits", meint Zoe. "Aber es hat unseren Plan beschleunigt."

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Veröffentlicht am:
14. 09. 2019
00:00 Uhr

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14. 09. 2019
00:00 Uhr



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