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Länderspiegel

Albtraum in der Kita

Im Kindergarten wähnen Eltern ihre Kinder in guten Händen. Umso größer ist das Entsetzen, wenn eine Pflegerin, wie jetzt in Hof, wegen Misshandlung verurteilt wird.



Fast drei Jahre lang ist es in einer Hofer Kita beim Mittagessen immer wieder zu Misshandlungen von Kleinkindern gekommen.	Symbolbild: Georg Wendt/dpa
Fast drei Jahre lang ist es in einer Hofer Kita beim Mittagessen immer wieder zu Misshandlungen von Kleinkindern gekommen. Symbolbild: Georg Wendt/dpa  

Hof – Wenn vor Gericht „Im Namen des Volkes“ ein Urteil verkündet ist und sich alle Beteiligten wieder auf ihre Plätze setzen, dann beginnt der Richter meist ohne Umschweife zu erklären, warum er entschieden hat, wie er entschieden hat. Ursula Preiß macht das in der Regel nicht anders, aber an diesem Freitagmittag liegt ihr erst einmal etwas anderes auf dem Herzen. Etwas, das raus muss. 

„Eines muss ich vorneweg schicken“, sagt die Strafrichterin, die für ihre zuweilen resolute, aber immer ehrliche Prozessführung bekannt ist. „Wir haben hier nicht nach Gefühl entschieden, sondern nach Fakten“, macht sie deutlich und die drei Ausrufezeichen hinter diesem Satz spürt jeder im Saal. 

Preiß starrt  die Blätter auf dem Richtertisch vor sich an, und doch ist jedem klar, wem die Worte gelten. Am Vormittag hatte der Verteidiger, Rechtsanwalt Karl Häring, für seine Mandantin Martina L. (Name von der Redaktion geändert) einen Freispruch gefordert. Es geht um Missbrauch von Schutzbefohlenen. Um Kleinkinder aus der katholischen Kita St. Marien in Hof, und darum, dass die Angeklagte sie zum Essen gezwungen, ihnen den ungeliebten Kartoffelbrei oder manch anderes quasi reingedrückt hat.

 Der Anwalt Häring räumt „unschöne Szenen“ ein, die sich da zwischen 2015 und 2017 abgespielt haben, aber Zwangsfütterung, das gehe zu weit. Viel zu weit. Und überhaupt will er viel Emotionen erlebt haben bei den Zeugen, aber wenig Fakten. Und ist es nicht so, dass keine Vorgesetzte die heute 42 Jahre alte Kinderpflegerin je kritisiert hat für ihre Erziehungsmethoden beim Essen, die man „barsch“ oder „ungeduldig“ nennen könne, aber eben nicht mehr? Häring fordert Freispruch. 

Ursula Preiß verurteilt die Beschuldigte zu 13 Monaten Haft auf Bewährung. Dazu kommt eine Geldauflage in Höhe von 3000 Euro für eine soziale Einrichtung des Roten Kreuzes. Als sie das Urteil begründet, wägt die Richterin jedes Wort ab. Ja, sie und ihre Schöffen hätten sehr wohl berücksichtigt, dass die Beschuldigte abseits des Essens liebevoll zu den Kinder gewesen sei und dass sie wegen der Trennung von ihrem Mann eine schwierige Phase durchgemacht habe. Oder dass sie ihr Verhalten hinterfragt hat und es an ihrer neuen Arbeitsstelle in einer anderen Kita keine Probleme gebe. Aber: „Es gibt nichts zu beschönigen.“ 

Die Richterin nennt nochmals die Namen der betroffenen fünf Kinder, von denen keines älter als zwei Jahre alt war und führt detailliert auf, welche „Qualen“ sie durchleben mussten. So hatte eine ehemalige Praktikantin vor Gericht erzählt, wie Martina L. einem Mädchen mit Drücken des Kiefers den Mund mit Gewalt öffnete. Damit sie das Essen später nicht ausspucken konnte, wurde ihr mit der flachen Hand auf den Mund gedrückt. Und um das Schlucken zu erzwingen, drückte die Pflegerin den Kopf der Kleinen in den Nacken und hielt die Nase zu. Nach solchen Fütterungen weinte es bitterlich und rief nach seiner Mutter. Kein Einzelfall. Und auch Beleidigungen wie „das kleine Miststück“ und zumindest eine Ohrfeige von Martina L. gab es. 

Aufgeflogen war alles, als eine neue Gruppenleiterin ihre Arbeit aufgenommen hatte. Mit Entsetzen protokollierte sie zahlreiche Vorfällen. Das eingeschaltete Jugendamt erstattete schließlich Anzeige.
Eine „gefühllose, gleichgültige Gesinnung“ attestierte Richterin Preiß der Angeklagten in Bezug auf die Vorfälle beim Essen. Von Erziehungsmethoden könne hier keine Rede sein, „und wenn doch, dann sind das Methoden aus den 1950er-Jahren, die Gott sein Dank überholt sind“. Allein die Ohrfeige sei eine vorsätzliche Körperverletzung und überhaupt gehe es hier um „Kleinkinder, die nicht die geringste Möglichkeit haben, sich zu wehren“. 

Übel stieß das Gericht auch der Umgang in der Krippe mit den Misshandlungen auf sowie der letztlich vergebliche Versuch, nichts nach außen dringen zu lassen. Die Richterin kritisierte, die früheren Verantwortlichen hätten auf eine vermeintliche Verschwiegenheitspflicht gepocht. „Die gibt es bei einer Straftat nicht. Das ist kompletter Unsinn“, machte sie deutlich. 

Staatsanwalt Filipov hatte erklärt, er sei „geschockt“. Seiner Ansicht nach hat der Prozess erst das wahre Ausmaß der Kindes-Misshandlungen deutlich gemacht: „Manches ist noch schlimmer gewesen als es in der Anklage steht.“ Man müsse kein Pädagoge sein, um zu erkennen, dass die Angeklagte mit ihrem Verhalten Angst bei „wehrlosen Kindern“ ausgelöst habe. Auch langfristige psychische Schäden seien denkbar. 
Die Angeklagte, die am ersten Prozesstag noch geschwiegen hatte, sagte am Freitag unter Tränen, sie habe niemals einem Kind Schaden zufügen wollen. Gewalt oder Zwangsfütterungen bestritt die Mutter zweier Kinder. Bei der Schilderung der Vorfälle durch frühere Kollegen vor Gericht habe sie nur gedacht: „Das bin doch nicht ich.“ Das Urteil vom Freitag könnte möglicherweise nicht das letzte in der Angelegenheit bleiben. Tags zuvor hatte das Gericht das Verfahren gegen eine Kollegin von Martina L. gegen 3000 Euro Geldauflage eingestellt. Gegen die frühere Gruppenleiterin läuft derzeit noch ein Ermittlungsverfahren. 

 

Autor
Alexander Wunner

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Veröffentlicht am:
06. 12. 2019
11:19 Uhr

Aktualisiert am:
06. 12. 2019
15:06 Uhr

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Alexander Wunner

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