Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Länderspiegel

Attentäter mietete Wohnung in Hof

Tobias R. kannte sich in Oberfranken aus: Er studierte in Bayreuth und wollte noch im Herbst offenbar nach Hof ziehen. Bei seiner Bluttat in Hanau starben zehn Menschen.



Im hessischen Hanau hat ein 43 Jahre alter Mann aus Hanau zehn Menschen, darunter seine Mutter, und sich selbst erschossen. Die ermittelnden Behörden gehen von einem rassistisch und rechtsextrem motivierten Verbrechen aus. Fotos: Boris Roessler/dpa, privat
Im hessischen Hanau hat ein 43 Jahre alter Mann aus Hanau zehn Menschen, darunter seine Mutter, und sich selbst erschossen. Die ermittelnden Behörden gehen von einem rassistisch und rechtsextrem motivierten Verbrechen aus. Fotos: Boris Roessler/dpa, privat   » zu den Bildern

Hof/Bayreuth/Hanau - Der Todesschütze von Hanau hat im vergangenen Herbst eine Wohnung in Hof angemietet. Demnach wollte Tobias R. am Unteren Tor in der Hofer Innenstadt einziehen. Kurze Zeit nach der Vertragsunterzeichnung soll R. den Kontrakt wieder gekündigt haben. Der Vermieter der Wohnung ist der Redaktion bekannt. Er wohnt in München und wollte sich auf Nachfrage nicht weiter äußern. Den Mietvertrag habe damals eine Firma aus Hof abgewickelt, die dem Immobilienmakler aus Südbayern zuarbeitet. Wie unsere Zeitung aus Sicherheitskreisen erfuhr, soll sich R. in Hof im Umfeld von Shisha-Bars aufgehalten haben. Damit stellt sich die Frage, ob die Region einem Terroranschlag nur knapp entkommen ist.

Bei dem offenbar rechtsradikalen und rassistischen Anschlag in Hanau hat der 43-jährige Deutsche im hessischen Hanau zehn Menschen und sich selbst erschossen.

 

Der Generalbundesanwalt zog den Fall noch in der Nacht zu Donnerstag an sich und ermittelt wegen Terrorverdachts. Tobias R. kommt Behördenangaben zufolge aus Hanau, lebte aber zeitweise auch in Bayreuth und in Oberbayern. Bei der Gewalttat am späten Mittwochabend an mindestens vier verschiedenen Tatorten in Hanau seien neun Menschen gestorben, sagte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) am Donnerstag im Landtag in Wiesbaden. Der Sportschütze habe nach der Tat in der eigenen Wohnung erst seine Mutter und dann sich selbst erschossen. Außerdem wurde ein Mensch schwer verletzt, mehrere andere verletzt. Die neun Toten hatten allesamt einen Migrationshintergrund, fünf davon sollen türkische Staatsbürger gewesen sein.

Am Tag nach der Blutnacht von Hanau steht fest: Tobias R. hat zwischen 2000 und 2007 in Bayreuth studiert und bereits hier müssen sich Anzeichen für seine schwere psychische Erkrankung gezeigt haben. Ersteres bestätigte am Donnerstag die Universität Bayreuth, Zweiteres geht aus einem 24-seitigen Manifest hervor, das unserer Zeitung im Wortlaut vorliegt. Es soll genau einen Monat vor dem Amoklauf verfasst worden sein und hinterlässt beim Leser den Eindruck eines schwer psychisch kranken Menschen mit geschlossenem rassistischen Menschenbild. Dies bestätigte am Donnerstag auch Generalbundesanwalt Peter Frank. Er spricht dem Täter eine "zutiefst rassistische Gesinnung" zu. Das habe die Auswertung von Videobotschaften und des Manifests auf dessen Internetseite ergeben, sagte Frank in Karlsruhe.

In dem Pamphlet ist ein abgrundtiefer Hass auf andere Völker, "Türken, Marokkaner, Libanesen, Kurden etc." erkennbar. Diese Völker seien "instinktiv äußerlich abzulehnen und haben sich zudem in ihrer Historie als nicht leistungsfähig erwiesen." Offen propagiert R. die komplette Vernichtung ganzer Völker als "Grob-Säuberung". Dem müsse sich allerdings eine "Fein-Säuberung" anschließen, die weitere Erdteile und natürlich "das eigene Volk" umfasst.

Dem Fremdenhass gegenüber steht eine auffallende Überheblichkeit, wenn es um die eigene Person geht. Folgt man R., dann hat er nicht nur den USA eine Überlebensstrategie als Supermacht entworfen, die das Land schon befolgt, sondern auch dem DFB den Weg zum Erfolg gewiesen. Etliche Ereignisse der Weltgeschichte und selbst der Inhalt neuerer Hollywood-Filme gingen auf seinen Willen zurück.

Wie die Uni Bayreuth am Donnerstag bestätigte, hat R. sein Studium im September 2000 aufgenommen und im März 2007 mit einem Diplom in Betriebswirtschaftslehre, Schwerpunkt Internationales Management, abgeschlossen. Er selbst gibt an, dass er zuvor in Hessen eine Banklehre absolvierte, der Schwerpunkt Internationales Management sei auf seine Anregung in Bayreuth eingerichtet worden.

Mit großer Wahrscheinlichkeit traten schon während des Studiums in Bayreuth Anzeichen einer schweren psychischen Erkrankung zutage. Wie er selbst schreibt, fühlt sich R. praktisch seit seiner Geburt von Stimmen in seinem Kopf verfolgt. Nicht genauer benannte Geheimdienste überwachten ihn rund um die Uhr. Dies sei auch ein Grund dafür, dass er noch nie eine Beziehung mit einer Frau eingegangen sei, schreibt der 43-Jährige. Eine Ahnung davon habe er schon immer gehabt, doch in Bayreuth sei dies erstmals zur Gewissheit geworden. Er sei nach Oberfranken gegangen, um "dort endlich eine attraktive Frau kennenzulernen". Zweimal, in den Jahren 2002 und 2004, habe er bei der Bayreuther Polizei Strafanzeige wegen "illegaler Überwachung" gestellt. Dies wollte das Polizeipräsidium Oberfranken auf Anfrage unserer Zeitung am Donnerstag nicht kommentieren. 2019 habe er weitere Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft in Hanau und beim Generalbundesanwalt gestellt. Vor diesem Hintergrund stellt sich vor allem die Frage, wie Tobias R. trotz seiner offensichtlichen schweren Geisteskrankheit Sportschütze sein und somit an scharfe Waffen gelangen konnte. Ungeklärt bleibt auch, wo sich R. mit diesem Fremdenhass auflud.

Der Täter studierte zeitgleich mit der späteren AfD-Politikerin Alice Weidel Betriebs- und Volkswirtschaftslehre in Bayreuth. Ob sie sich kannten oder gemeinsam Lehrveranstaltungen besuchten, ist unbekannt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel verurteilten die Tat.

Autor

Sören Göpel, Joachim Dankbar, Ann-Kristin Schmittgall
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
21. 02. 2020
00:00 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alice Weidel Attentat von Hanau Attentäter Ausländerfeindlichkeit Bundeskanzlerin Angela Merkel CDU Deutscher Fußball-Bund Frank-Walter Steinmeier Geheimdienste und Nachrichtendienste Gewaltdelikte und Gewalttaten Innenminister Kanzler Peter Beuth Polizei Staatsbürger Terrorismus Universität Bayreuth Verbrecher und Kriminelle Zeugen
Hanau Bayreuth
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema

Aktualisiert am 20.02.2020

Hanauer Attentäter mietete Wohnung in Hof

Tobias R. kannte sich in Oberfranken aus: Er studierte in Bayreuth und wollte noch im Herbst offenbar nach Hof ziehen. Bei seiner Bluttat in Hanau starben zehn Menschen. » mehr

«Combat 18»: Sichergestellte Waffen

Aktualisiert am 23.01.2020

Seehofer verbietet rechtsextreme Gruppe "Combat 18"

Das Innenministerium hat die Neonazi-Gruppe "Combat 18" verboten. Der mutmaßliche Rädelsführer hat Verbindungen in die Region, stand bereits in Hof vor Gericht. » mehr

Kein Platz für Rassisten und auch kein Platz für Rassismus; stattdessen ein Plädoyer für gegenseitigen Respekt: Ihre Meinung haben diese beiden Frauen erst am Freitag bei dem bunten Fest auf dem EKU-platz deutlich gemacht, als rund 1000 Menschen gegen eine Veranstaltung der AfD in der Stadthalle demonstriert hatten. Angst vor gewalttätigen Übergriffen aus rassistischen Motiven wurde bei diesem bunten Fest oft geäußert. Dass es bereits wenige Tage später zu einem Übergriff mit elf toten kommen würde, das hatte aber am Freitag wohl keiner der Menschen auf dem EKU-Platz für möglich gehalten. Foto: Melitta Burger

20.02.2020

Entsetzen über Bluttat

Mitglieder der türkischen Gemeinde in Kulmbach sind erschüttert über die Morde von Hanau. Verantwortlich für den wachsenden Rassismus in Deutschland sei die Hetzpolitik. » mehr

Walter Lübcke

Aktualisiert am 17.06.2019

Mordfall Lübcke: Tatverdächtiger soll aus Lichtenfels stammen

Die Bundesanwaltschaft geht von einem rechtsextremen Hintergrund aus. Der mutmaßliche Täter soll im Umfeld der NPD tätig gewesen sein. » mehr

Bayern ist sicher wie seit Jahrzehnten nicht: Die Kriminalität im Freistaat hat auf einen Wert abgenommen, den es zuletzt 1979 gab. Und auch die Aufklärungsquote der Polizei ist auf einem Höchststand. Foto: Armin Weigel/dpa

09.03.2020

So wenig Straftaten wie vor 40 Jahren

Bayern verzeichnet einen erneuten Rückgang der Kriminalität. Die Aufklärungsquote legt auf 65 Prozent zu. Innenminister Herrmann sieht keinen Grund zur Panik. » mehr

16.07.2020

Paukenschläge im Mordprozess

Eine Tat, zwei mögliche Täter, viele Unbekannte. Der Mord an dem Bayreuther Rentner Friedrich K. beschäftigt weiterhin die Gerichte. Ein neues Verfahren um den Tod des Rentners startete am Donnerstag turbulent. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

HSC Coburg: Training und Media Day

HSC Coburg: Training und Media Day | 12.08.2020 Coburg
» 25 Bilder ansehen

WG: HSC - mögliche Aufmacher

WG: HSC - mögliche Aufmacher | 12.08.2020 Coburg
» 26 Bilder ansehen

Großbrand in Tettau auf Bauernhof

Großbrand auf Tettauer Bauernhof | 09.08.2020 Tettau
» 50 Bilder ansehen

Autor

Sören Göpel, Joachim Dankbar, Ann-Kristin Schmittgall

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
21. 02. 2020
00:00 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.