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Länderspiegel

Das "Sonderangebot" aus dem Westen

Die Grenzöffnung führt eine Standesbeamtin aus Thüringen und einen Techniker aus Oberfranken zusammen. Auch die Tochter findet im Westen den Mann fürs Leben.



Sieben Jahre nach dem ersten Kennenlernen geben sich beide im Standesamt Hirschberg das Jawort: Mittlerweile sind Monika und Werner Schmidt schon seit mehr als 20 Jahren verheiratet.	Foto: risch
Sieben Jahre nach dem ersten Kennenlernen geben sich beide im Standesamt Hirschberg das Jawort: Mittlerweile sind Monika und Werner Schmidt schon seit mehr als 20 Jahren verheiratet. Foto: risch  

Hirschberg - Oktober 1991: Die Anzeige in der Wochenzeitung "Blickpunkt" ist mit "Sonderangebot" überschrieben. Und darunter steht: "Stattlicher 44er, groß, schlank, gut erhalten, umständehalber an liebe Sie abzugeben." Monika Scholz gefällt der humorvolle Text. Die 43-Jährige, die in der DDR aufgewachsen ist und seit der Geburt im Haus ihrer Eltern in Hirschberg lebt, versucht ihr Glück und antwortet auf die Chiffre-Anzeige. Wenige Tage später stellt sich der 44-jährige, große und schlanke Wessi namens Werner Schmidt aus Schwarzenbach an der Saale an der Haustür in Hirschberg mit den Worten vor: "Grüß Gott, ich bin das Sonderangebot."

Der Funke springt sofort über. Monika Scholz, geschieden und Mutter eines Sohnes und einer Tochter, ist von der freundlichen, ruhigen Art des "Bewerbers" aus Oberfranken angetan, räumt aber ein: "Wir haben uns trotzdem rangetastet, haben es langsam angehen lassen." Werner, in erster Ehe geschieden und Vater eines Sohnes, nickt zustimmend. Ein Jahr lang holt Werner seine Monika immer freitags mit dem Auto zu sich nach Schwarzenbach. Dort verbringen sie viele schöne Stunden bei seinem Hobby, dem Handballspiel im Verein in Niederlamitz. Der erste gemeinsame Urlaub führt das Paar nach Spanien, nach Calella zu einem internationalen Handball-Turnier. Jeweils sonntags bringt Werner seine Monika wieder zurück nach Hirschberg. Er arbeitet als Techniker im Konstruktionsbüro einer Maschinenfabrik in Schwarzenbach, sie ist Standesbeamtin im Rathaus der thüringischen Stadt Hirschberg.

Ein Jahr nach dem ersten Kennenlernen zieht Werner in Hirschberg bei Monika ein. "Er ist handwerklich begabt und hat im Haus renoviert, wo es nur ging", erzählt Monika und wirft Werner einen Blick zu, der vor 28 Jahren nicht verliebter gewirkt haben dürfte. Als die Firma in Schwarzenbach in Konkurs geht, wechselt Werner nach dem Wohn- auch den Arbeitsort und heuert im Hirschberger Ortsteil Ullersreuth in einem holzverarbeitenden Betrieb als Anlagenführer an.

Sieben Jahre nach dem ersten Kennenlernen geben sich beide im Standesamt Hirschberg das Jawort. Die Trauung nimmt ausnahmsweise der Bürgermeister - Rüdiger Pohl - vor, weil seine Standesbeamtin in diesem Fall als Braut verhindert ist. 2011 gehen Werner und Monika Schmidt in bestem Einvernehmen gleichzeitig in Rente - und seither genießen sie ihr Rentnerdasein und ihre Hobbys. Werner und Monika gehen gerne zum Tanzen, lieben die Musik der Beat-Ära, Rockmusik und die oberfränkische Kultband "Fellow Rovers". "Wir sind seit der Rückkehr der Band auf die Bühne seit 2005 nahezu auf jedem Konzert gewesen", erzählt Monika Schmidt. "Außerdem lieben wir das Meer und verreisen oft."

Die Eheleute Schmidt - er Jahrgang 1947, sie Jahrgang 1948 - zeichnet in frappierender Ähnlichkeit eine bewundernswerte Ausgeglichenheit und Lebensfreude aus. Ganz nebenbei erzählt Monika Schmidt, dass ihr zweiter Mann kurz vor der Wende über Ungarn in die Prager Botschaft geflüchtet ist. Und ihr Sohn, der heute als Software-Entwickler in der Schweiz lebt, flüchtete im Oktober 1988, noch zu DDR-Zeiten, mit zwei Kumpels in Hirschberg in Lebensgefahr über die Mauer. Die Männer hatten die Alarmanlagen ausgeschaltet und konnten so unentdeckt fliehen. Am nächsten Tag ermittelten die Mitarbeiter der Stasi bei ihr zu Hause. "Aber ich konnte glaubhaft versichern, dass ich von dem Fluchtplan nichts gewusst habe", erzählt Monika Schmidt.

Für eine Parallele zum Schicksal der Mutter sorgt kurz nach der Wende auch ihre Tochter. Sie lernt im Jahr 1991 - im Jahr der Bekanntschaftsanzeige mit dem "Sonderangebot" - in Hof den Mann fürs Leben kennen und ist bis heute glücklich mit ihm verheiratet. Mama Monika ordnet diesen Fall schmunzelnd mit den Worten ein: "Da hat sich die Grenzöffnung für unsere Familie gleich doppelt bezahlt gemacht."

Autor

Roland Rischawy
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Veröffentlicht am:
12. 10. 2019
00:00 Uhr

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Autor

Roland Rischawy

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Veröffentlicht am:
12. 10. 2019
00:00 Uhr



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