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Länderspiegel

Der billige Tod aus dem Internet

Der Prozess um den tragischen Drogentod eines 16-jährigen Hofers zeigt, wie leicht Jugendliche an Drogen kommen - und wie sie die Gefahren völlig unterschätzen.



Der billige Tod aus dem Internet
Der billige Tod aus dem Internet  

Hof - Die Pillen sind blau, dreieckig und sie tragen als Prägung auf der Vorderseite einen Totenkopf. Für den damals erst 16-jährigen Hofer Daniel T. ist die sarkastische Warnung im Sommer des vorigen Jahres zur Prophezeiung geworden. Am Nachmittag des 15. Juni 2018 stirbt Daniel T. in einer Wohnung in der Nähe des Hofer "Q-Bogens", einer bekannten Kreuzung, an den Folgen einer Ecstasy-Überdosis. Vor der ersten Strafkammer des Landgerichts Hof steht nun der Bruder des Wohnungsinhabers. Dem 21-jährigen Florian S. wird unter anderem vorgeworfen, als damals schon Erwachsener neben anderen Jugendlichen auch Daniel T. jene Drogen überlassen zu haben, die letztlich zu dessen Tod führten. Dafür sieht das Gesetz mehrjährige Haftstrafen vor.

Die blauen Pillen, die in der Szene den Namen "Punisher" ("Bestrafer") tragen, stammen aus dem "Darknet", einem Teil des Internets, in dem es besonders anonym zugeht und das Rauschgift-Fans gerne nutzen, um sich Drogen nach Hause zu bestellen. Im Fall der Hofer Pillen war das der 46-jährige Kevin C. , ein inzwischen verurteilter Gelegenheitsdealer, dessen Wohnung in der Hofer Liebigstraße im Frühsommer 2018 der Treffpunkt einer ganzen Clique von jungen Rauschgift-Usern war. Er hatte 50 "Punisher" für gerade einmal 56 Euro bestellt - extrastark für lange Partys. Man hätte sie je teilen können.

Die jungen Leute waren auch alle bei ihm versammelt, als Kevin C. zwei Wochen vor dem tödlichen Zwischenfall in der Wohnung verhaftet wurde. Wegen puren Leichtsinns: Weil es in jenem Rekordsommer auch am Abend nicht frischer werden wollte, hatte die Marihuana-Runde die Fenster der Erdgeschosswohnung aufgerissen, um sich ein wenig Kühlung zu verschaffen. Eine vorbeigehende Polizeistreife konnte ihnen beim Kiffen zusehen und griff sofort ein. Kevin C. wanderte als mutmaßlicher Dealer in Untersuchungshaft, seine jüngeren Bekannten blieben auf freiem Fuß.

Sie revanchierten sich schon Tage später, indem sie bei Kevin C. einbrachen und das Marihuana abholten, das die Polizei nicht gefunden hatte - um fatale Beweismittel zu vernichten, wie sie später beteuerten. Der angeklagte Florian S. war bei diesem Einbruch auch schon dabei. Die Jugendlichen wussten aber auch, dass noch eine Sendung Ecstasy-Tabletten unterwegs sein musste. Den Umschlag angelten sie Tage später mit einem Dietrich aus dem Briefkasten von Kevin C.

Nach den bisherigen Erkenntnissen der Hauptverhandlung hatte vor allem Daniel T. die Pillen völlig unterschätzt. Schon die ganze Woche vor seinem Tod sei Daniel "völlig druff" gewesen und habe von Ecstasy und seiner Wirkung geschwärmt, berichtete eine Zeugin. An jenem 15. Juni, einem Freitag, sei er jedoch völlig von der Rolle gewesen. Daniel T. sei schwitzend und mit entblößtem Oberkörper unruhig durch die Hofer Innenstadt gesprungen und sei Passanten um Zigaretten angegangen. Er sei auch schon sehr schmutzig gewesen, weil er immer wieder um- oder gegen Hauswände fiel. Weil sie sich ernste Sorgen machte, habe sie Daniel und den heutigen Angeklagten quer durch die Hofer Innenstadt zur Wohnung des Bruders von Florian S. gebracht, schilderte die Zeugin.

Ein schwieriges Unterfangen, denn Daniel T. kann sich kaum noch auf den Füßen halten. Er hatte der Zeugin gesagt, dass er mindestens "drei Teile" genommen habe. Das entspräche einer gewaltigen Überdosis, denn die "Punisher" sind ohnehin zwei- bis dreimal stärker als sonst gängige Ecstasy-Pillen. Obwohl sie ein verblüffendes Drogenwissen offenbarte, hält es die 17-jährige Gymnasiastin für ausreichend, Daniel T. zum Ausschlafen in einem Bett unterzubringen.

Dies war eine fatale Fehleinschätzung: Wenig später kollabiert der Kreislauf des 16-Jährigen, vor seinem Mund steht Schaum, seine Finger färben sich blau. Erst jetzt entschließen sich seine Freunde, den Rettungswagen zu rufen. Obwohl die Rettungsstelle noch über Telefon Anweisungen zur Ersten Hilfe gibt und die Freunde Mund-zu-Mund-Beatmung probieren, stirbt Daniel, noch bevor die Retter eintreffen. Dass sie nicht eher gerufen wurden, kann Vorsitzender Richter Carsten Sellnow ebenso wenig verstehen wie der Erlanger Rechtsmediziner, Professor Peter Betz, der die Hauptverhandlung als Sachverständiger begleitet.

Gut acht Monate nach dem Drama offenbaren die einstigen Freunde von Daniel T. als Zeugen im Gerichtssaal große Erinnerungslücken. Vor allem, wer die Pillen damals in Verwaltung hatte und wer sie an Daniel T. weitergab, wollen sie heute nicht mehr wissen. Eine 17-Jährige gibt sogar an, überhaupt nichts vom Drogenkonsum der Freunde mitbekommen zu haben - obwohl sie durchgehend eine Woche in der besagten Einzimmer-Wohnung verbracht hatte.

Die letzte Zeugin dieses zweiten Verhandlungstages ist die Mutter von Daniel T. Sie sagt, dass sie allenfalls geargwöhnt habe, dass ihr Sohn ab und an kiffe. Dies habe er jedoch bestritten. Von härteren Drogen habe sie nichts geahnt. Vom Tod ihres Sohnes erfährt sie am 15. Juni durch die SMS eines Bekannten. Zu diesem Zeitpunkt kursieren auf Facebook schon die ersten Gerüchte vom Tod Daniels. Die Mutter zieht los, um ihren Sohn zu suchen. Sie kommt gerade noch rechtzeitig, um zuzusehen, wie der Sarg mit der Leiche aus dem Hochhaus am Q-Bogen getragen wird.

Der Prozess wird am 4. April fortgesetzt.

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Joachim Dankbar

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Veröffentlicht am:
25. 03. 2019
20:44 Uhr

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Joachim Dankbar

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25. 03. 2019
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