Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Länderspiegel

Die Frage nach der Schuld

Bei einem Badeunfall stirbt ein Mädchen. Nun stehen von nächster Woche an der damalige Bademeister und eine Betreuerin vor dem Kulmbacher Amtsgericht.



Vanessa wurde nur acht Jahre alt. Sie starb 2014 im Himmelkroner Freibad. Ab der kommenden Woche stehen die Aufsichtspersonen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung vor dem Kulmbacher Amtsgericht. Foto: privat
Vanessa wurde nur acht Jahre alt. Sie starb 2014 im Himmelkroner Freibad. Ab der kommenden Woche stehen die Aufsichtspersonen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung vor dem Kulmbacher Amtsgericht. Foto: privat  

Bayreuth/Himmelkron - "Die Eltern haben ihre Tochter verloren. Das ist selbst schon tragisch genug." Dennoch hält der Rechtsanwalt Oliver Heinekamp seinen Mandanten Reinhard S. für unschuldig. Am kommenden Donnerstag beginnt der Prozess, in dem sich der ehemalige Bademeister des Himmelkroner Freibades wegen fahrlässiger Tötung verantworten muss.

Der Bayreuther Rechtsanwalt wandte sich am Freitag in einer Erklärung an die Presse. Diese verfasste er auch im Namen von Ralph Pittroff, dem Kulmbacher Verteidiger der zweiten Angeklagten, der Betreuerin Gabriele B. "Wegen der gültigen Rechtslage und wegen der Besonderheiten des Sachverhalts kann es aus Sicht der Verteidiger nur ein Ergebnis in diesem Prozess geben: Freispruch", schreibt Heinekamp.

Bereits in einem Gespräch mit dieser Zeitung im Frühjahr vergangenen Jahres hatte Heinekamp kritisiert, in den Medien würde der Badeunfall nur aus Sicht der betroffenen Mutter geschildert. Der Tod des Mädchens sei schlimm. Aber es sei nicht bewiesen, dass eine strafrechtlich relevante Verletzung der Aufsichtspflicht vorliege.

Auch damals berief sich Heinekamp auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs. In einem Urteil vom 19. Januar 1988 sei festgestellt worden, eine pflichtwidrige Unterlassung liege nur dann vor, "wenn der strafrechtlich relevante Erfolg bei pflichtgemäßem Handeln mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert worden wäre". Das bedeute, so Heinekamp: Nur wenn das Kind bei einer ordnungsgemäßen Aufgabenerfüllung der beiden Angeklagten mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht verunglückt wäre, könnten sie verurteilt werden.

Die Umstände des Ertrinkens werden in dem Strafverfahren untersucht werden. Das Mädchen könne für Außenstehende mehr oder weniger unbemerkt untergegangen sein, argumentiert der Anwalt. Selbst wenn beide Aufsichtspersonen am Beckenrand gestanden hätten, sei es nahezu ausgeschlossen, dass sie einen Unglücksfall bemerkt hätten. Das Mädchen habe eine Schwimmbrille getragen und habe so ausgesehen, als würde es "eine normale Tauchübung" machen. Bislang haben weder Reinhard S. noch Gabriele B. mit Medienvertretern gesprochen. Der Bademeister ist inzwischen Rentner und hat nach Angaben seines Rechtsanwalts mit den psychischen Folgen des Erlebten schwer zu kämpfen. Weil seine Verhandlungsfähigkeit infrage stand, wurde der Prozessauftakt immer wieder verschoben. Die Betreuerin ist weiterhin als solche beim Kinderturnen im Einsatz. Eltern hätten sie dazu ermuntert, weil sie ihr vertrauten, so Heinekamp. "Beide Angeklagte meinen, sie sind unschuldig und für den tragischen Tod nicht verantwortlich." Anwalt Heinekamp führt außerdem die Richtlinien für Aufsichtspersonen in öffentlichen Bädern an, die von der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen herausgegeben werden. Aus diesen gehe hervor, dass von keiner Aufsicht eine "permanente Beobachtung" erwartet werden könne. "Wo keine Pflicht besteht, kann auch keine Pflichtverletzung vorliegen", folgert Heinekamp.

Der Bademeister habe über 35 Jahre lang seinen Dienst unfallfrei ausgeübt. An jenem Unglückstag war er "der einzige Bedienstete der Gemeinde Himmelkron im Freibad". Er habe sich um das ganze Gelände kümmern müssen, die Technik gewartet und den Kassendienst gemacht. Beide Angeklagte hätte sofort Erste Hilfe geleistet, als sie auf Vanessa aufmerksam wurden. Die Betreuerin sei umgehend ins Wasser gesprungen, der Bademeister habe einen Notruf abgesetzt und später eine Herzdruckmassage versucht. Der Defibrilator sei auf der nassen Haut des Kindes abgerutscht. "Alle nötigen Rettungsschritte wurden unternommen. Was hätten sie noch tun sollen?", fragt der Verteidiger.

Dass dabei nicht alles ordnungsgemäß zuging, nehmen aber die Eltern der ertrunkenen Achtjährigen an. Beide treten in dem Prozess als Nebenkläger auf. Die Mutter kämpfte mit ihrem Anwalt Gert Lowack darum, dass weiter ermittelt wird und es zu einer Anklage kommt.

Autor

Ute Eschenbacher
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
02. 02. 2018
19:33 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Amtsgerichte Angeklagte Aufsichtspflicht Ertrinken FP Tödlicher Badeunfall Himmelkron Mädchen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte
Bayreuth Himmelkron
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Mordfall Peggy

Aktualisiert am 02.12.2019

Fall Peggy: Verteidiger sieht "keinen einzigen belastbaren Beweis"

Im "Fall Peggy" wendete sich der Rechtsanwalt des derzeit einzigen Beschuldigten gegen Presseberichte. Diese sprechen von einer "erdrückenden Indizienkette". » mehr

Nach dem Unfall blieben die Tore zum Himmelkroner Freibad erst einmal zu. Fotos: Andreas Harbach

08.02.2018

Tränen nicht nur auf der Anklagebank

Der Tod der achtjährigen Vanessa im Himmelkroner Freibad hat nicht nur das Leben ihrer Eltern für immer verändert. Auch die Angeklagten sind durch den Unfall gezeichnet. » mehr

Der tödliche Badeunfall der kleinen Vanessa wird derzeit vor dem Kulmbacher Amtsgericht noch einmal aufgerollt.

25.06.2018

Vanessas Eltern ziehen Rechtsmittel zurück

Der Fall Vanessa ist endgültig abgeschlossen: Stefan Grawe, Pressesprecher des Amtsgerichts Kulmbach, teilt mit, dass die beiden Nebenkläger ihre Rechtsmittel zurückgenommen haben. Somit ist das Urteil rechtskräftig. » mehr

Für viele Geschädigte war der Angeklagte die letzte Hoffnung in auswegloser Lage. Er versprach ihnen, dass sie auch nach der Zwangsversteigerung in ihrem Haus weiterleben können. Foto: Ralf Kalytta/stock.adobe.com

20.11.2019

Wie man Nackten in die Tasche greift

Ein Betrüger verspricht seinen von einer Zwangsversteigerung betroffenen Kunden, sie könnten in ihren Häusern bleiben. Die Masche mit der "letzten Hoffnung" gelingt. » mehr

Der Fall Peggy beschäftigte am Mittwoch auch den Landtag.

14.04.2019

Eine völlig wertlose Aufnahme?

Der Hofer Rechtsanwalt Jörg Meringer verweist auf das sprunghafte Verhalten von Ulvi K. Nach der bekannten Tonband-Aufnahme habe dieser erneut seinen Vater beschuldigt. » mehr

Braun statt Schwarz: Ein Kaminkehrer-Lehrer aus dem Landkreis Hof hat gemeinsam mit seinen Schülern Nazi-Parolen gegrölt. Foto: David Ebener/dpa

04.11.2019

Kaminkehrer ist seinen Bezirk los

Ein 50-jähriger Meister hat vor Lehrlingen Nazi-Parolen gerufen. Die Regierung entzog ihm daraufhin die Bestellung. Eine Klage bleibt erfolglos. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

VfL Lübeck-Schwartau - HSC 2000 Coburg

VfL Lübeck-Schwartau - HSC 2000 Coburg | 06.12.2019 Lübeck
» 65 Bilder ansehen

Frankenwald-Advent in Nordhalben

Frankenwald-Advent in Nordhalben | 04.12.2019 Nordhalben
» 18 Bilder ansehen

Weihnachtsmarkt in Mitwitz

Weihnachtsmarkt in Mitwitz | 30.11.2019 Mitwitz
» 33 Bilder ansehen

Autor

Ute Eschenbacher

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
02. 02. 2018
19:33 Uhr



^