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Länderspiegel

Ein Museum für die bayerische Seele

Franken und Bayern pflegen eine komplizierte Beziehung. Da muss das neue Haus der Bayerischen Geschichte fast zwingend Skepsis hervorrufen. Doch ist die berechtigt?



Bayern und Bier - ein Dauerthema in der Dauerausstellung.
Bayern und Bier - ein Dauerthema in der Dauerausstellung.   » zu den Bildern

Regensburg - So schön wie hier ist selbst das prächtige Bayern selten. Auf der einen Seite fließt die Donau träge Richtung Wien, auf der anderen wartet der Dom und bis zur Steinernen Brücke, jenem Weltwunder des Mittelalters, das noch jedes Hochwasser überlebt hat, sind es kaum mehr als eine Handvoll Schritte. Welch ein Idyll.

Landesausstellung

Im Foyer des neuen Hauses der Bayerischen Geschichte ist in der Zeit vom 27. September bis 8. März 2020 die nächste Landesausstellung zu sehen. Sie trägt den Titel "Hundert Schätze aus tausend Jahren". Dafür werden herausragende Objekte aus ganz Europa, etwa aus dem Pariser Louvre und aus der Sankt Petersburger Eremitage, nach Regensburg geholt.

 

Und welch ein Klotz.

 

Weltkulturerbe ist die Altstadt Regensburgs und so hat es einer Sondergenehmigung bedurft, dass hier überhaupt etwas Modernes gebaut werden durfte. Aber gleich so modern? Das Netz schäumte schon, als die Pläne vorlagen, und es schäumt noch immer. Trutzburg, Dunkelkammer, Fremdling - all diese Begriffe drücken die Empörung über das neue Haus der Bayerischen Geschichte aus, sodass Architekt Stefan Traxler nur die Hoffnung bleibt: "Ich wünsche mir schon, dass es den Menschen irgendwann gefallen wird."

Grau und kühl ist‘s geworden, eine "skulpturale Großform als Kontrast zur historischen Altstadt", das war der Plan. Zumindest das mit dem Kontrast ist gelungen. Und vielleicht hat ja auch Turit Fröbe, Berliner Architektur-Historikerin und Autorin des Bestsellers "Die Kunst der Bausünde", recht, wenn sie wie jüngst im "Stern" sagt, nichts sei schlimmer als unauffällige Bauten, an denen das Auge abrutsche: "Die Leute sollen froh sein, dass es wenigstens eine gute Bausünde geworden ist."

Museumschef Richard Loibl nennt den tristen Betonbau listig derweil das "neue "Wahrzeichen" Regensburgs, schließlich kämen unzählige Touristen, um Fotos zu schießen. Der 53-Jährige verantwortet die Landesausstellungen, die manchem ein wenig glatt daherkommen, aber jedes Jahr eine Menge Besucher anlocken - mehr als 200 000 waren es zum Beispiel vor zwei Jahren in Coburg bei der Ausstellung "Ritter, Bauern, Lutheraner". Sein Konzept? "Wir erzählen mit Humor", sagt Loibl und scheint damit auch diesmal Erfolg zu haben. Die Besucherzahlen - 150 000 allein in den ersten drei Wochen - dürften ihn ruhig schlafen lassen. Und der Humor kann wegen der aufreibenden letzten Jahre nicht schaden. Das Auftaktfest 2012 fiel einem Hochwasser zum Opfer, die geplante Eröffnung fünf Jahre später platzte dann wegen eines Großbrands.

Das enorme Interesse mögen zum einen die moderaten Eintrittspreise beflügeln. Erwachsene zahlen fünf Euro, Kinder und Jugendliche gar nichts. Zum anderen aber hat der fast 100 Millionen Euro teure Bau tatsächlich eine Menge zu bieten. Zwar keinen Putzraum (den hatten die Planer vergessen einzuplanen), aber dafür auf 2500 Quadratmetern ein Geschichtstheater mit 30 Bühnen und vielen prägenden Episoden und Schätzen der bayerischen Geschichte: vom Prunkschlitten Ludwigs II. über eine original weiße Fahne, die die Einwohner von Unterdettelsau 1945 beim Einmarsch der Amerikaner als Zeichen der Kapitulation an den Kirchturm hängten, bis hin zum berühmten Fluchtballon, mit dem die DDR-Familien Wetzel und Strelzyk 1979 in die Freiheit flogen und der eine Leihgabe der Stadt Naila ist.

Der Ballon ist nicht nur das Lieblingsobjekt von Museumsleiter Loibl ("er hat uns von Anfang an begleitet und war unsere erste Leih-Anfrage"), sondern auch eines der wichtigsten aus Oberfranken. Zugutekommt der Ausstellung dabei, dass sie sich auf das moderne Bayern der vergangenen 200 Jahre beschränkt, zu dem Franken bekanntlich seit 1806 gehört. So wird die wenig ruhmreiche Rolle Coburgs als frühe NS-Hochburg ebenso gestreift wie die Ankunft der Prager Flüchtlingszüge in Hof. Freilich, ein Schwerpunkt ist Franken nicht, was Prof. Wolfgang Wüst, den Vorsitzenden der Fränkischen Arbeitsgemeinschaft, auch nicht wundert, wenn er etwas pikiert anmerkt: "Personell ist das Haus in den Führungspositionen mit Leuten aus Ober- und Niederbayern besetzt, insofern muss man sich nicht wundern. Aus fränkischer Sicht ist das keine gute Lösung."

Der Historiker Wüst setzt auf ein Pendant, ein "Museum für Franken". Ein solches gibt es bereits in Würzburg, es ist aber noch stark auf die dortige Region konzentriert. Das müsste sich ändern, wenn es als echtes Franken-Museum gelten will, sagt Wolfgang Hoderlein vom Fränkischen Bund. Der frühere Landes-Chef der SPD ärgert sich seit jeher, wenn alles, was in den vergangenen 1000 Jahren auf dem heutigen Gebiet Bayerns geschah als bayerisch bezeichnet wird. "Hier wird gezielt der Versuch unternommen, von einer kontinuierlichen bayerischen Kultur und Geschichte zu sprechen, die es so nie gegeben hat", klagt er.

Brav ist derweil der Aufbau der Regensburger Ausstellung, die in neun 25-Jahr-Abschnitte aufgeteilt ist, in denen ohne echte Schwerpunkte der Aufstieg Bayerns und dessen Eigenständigkeit betont wird. Man schlendert durch oft sehr, sehr dunkle Räume und ärgert sich als fränkischer Fußballfan, weil die ruhmreiche Vergangenheit des "Clubs" neben den alles überstrahlenden Münchner Bayern untergeht, der Historiker dürfte die Schattenseiten vermissen, die die bayerische Geschichte auch zu bieten hat und überhaupt wird ein bisschen viel Wert auf Bier und Bauerntheater gelegt.

Gleichwohl, und das betonen selbst die fränkischen Stimmen Wüst und Hoderlein, ist das neue Museum allemal einen Besuch wert. Dafür sorgt schon Kabarettist Christoph Süß, der in einem 360-Grad-Filmchen unterhaltsam erzählt, was Bayern und Regensburg seit den Römern bis ins Jahr 1800 mitgemacht haben.

Dazu kommt, dass die Bürger das Museum prägen. Fast alle 1000 Ausstellungsstücke sind Leihgaben oder Schenkungen aus der Bevölkerung, wie ein Schild mit der Aufschrift: "Hier starb ein Saboteur". Die Szene ist ergreifend, denn das Schild musste der Regensburger Dompfarrer Johann Maier sich um den Hals hängen, bevor ihn die Nazi-Schergen wegen Unterstützung des Widerstandes aufgehängt haben. Wahrlich nicht alles ist also zum Lachen.

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Alexander Wunner

Alexander Wunner

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Veröffentlicht am:
13. 07. 2019
00:00 Uhr

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Alexander Wunner

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Veröffentlicht am:
13. 07. 2019
00:00 Uhr



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