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Länderspiegel

Einfach überleben

Die Währung - in freiem Fall. Die Politik - unfähig, die Krise im Land zu lösen. Die Menschen - auf der Straße. In Venezuela herrscht der Notstand. Nahrungsmittel sind knapp, Medikamente Mangelware, Gewalt an der Tagesordnung.



Interview: Nelson Tepedino, Professor für zeitgenössische Philosophie
Interview: Nelson Tepedino, Professor für zeitgenössische Philosophie  

Die Währung - in freiem Fall. Die Politik - unfähig, die Krise im Land zu lösen. Die Menschen - auf der Straße. In Venezuela herrscht der Notstand. Nahrungsmittel sind knapp, Medikamente Mangelware, Gewalt an der Tagesordnung. Können Menschen unter diesen Bedingungen leben, ohne zu verzweifeln? Ein Gespräch mit Nelson Tepedino (50), Professor für zeitgenössische Philosophie an der Simón Bolívar Universität in Caracas.

 

Herr Prof. Tepedino, wie empfinden Sie die aktuelle Situation in Ihrer Heimat?

Die Lage ist sehr ernst, sehr kompliziert. Die erste Herausforderung eines jeden Tages besteht darin, sich gegen die Hoffnungslosigkeit zu wehren, um den Tag irgendwie zu überstehen. Seit einigen Monaten sehe ich erschütternde Szenen auf den Straßen: Leute, die Essen in den Mülleimern suchen, um zu überleben. Es sterben Menschen, weil es kaum noch Medikamente gibt. Es gibt jede Menge politische Gefangene, vor allem Studenten.

 

Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus?

Ein 'typischer Tag' ist nicht mehr selbstverständlich. Alles wird von dem akuten Mangel an praktisch allen Dingen bestimmt. Wenn man etwas braucht, sagen wir Milch, Zucker, wichtige Medikamente, verbringt man viel Zeit damit, in Apotheken, Supermärkten oder Läden danach zu suchen. Wenn man Glück hat, steht man dann in einer langen Schlange dafür an. Wenn man Pech hat, findet man in keinem Laden das Gesuchte.

 

Wie steht es mit der öffentlichen Sicherheit?

Die Kriminalität in Caracas blüht. Die Mordrate hier ist eine der höchsten weltweit. Autos werden gestohlen, Nahrungsmittel zu hohen Preisen auf dem Schwarzmarkt verkauft. Es ist nicht so, dass man hier nicht leben kann. Aber jeder muss sehr aufmerksam sein, um nicht das nächste Opfer eines Kriminellen zu sein. Dazu gehört es zum Beispiel, bestimmte Gebiete der Stadt zu meiden, das Auto nicht unbeaufsichtigt zu parken. Niemand ist hier irgendwo sicher. Ich gehe nachts nicht auf die Straße.

 

Sind die Universitäten von den schlimmen Zuständen verschont geblieben?

Die Lage der Universitäten ist leider dramatisch. Sie versuchen einfach, zu überleben. Die Simón Bolívar Universität, wo ich tätig bin, ist finanziell fast ausschließlich von staatlichen Mitteln abhängig. In den vergangenen Jahren sind die Haushaltskürzungen so brutal gewesen, dass die Uni um ihr Überleben kämpft. Die Löhne der Mitarbeiter sind mit einer Inflation von etwa 800 Prozent lächerlich niedrig. Sie haben so gut wie keine Kaufkraft mehr. Den akademischen Betrieb unter diesen chaotischen Bedingungen am Leben zu erhalten, ist eine Art Widerstand. Viele Professoren, Dozenten und Forscher haben die Uni und manchmal sogar das Land verlassen. Mehr als eine Million Venezolaner sind schon in die USA, nach Kanada, Spanien oder andere südamerikanische Länder ausgewandert. Viele von ihnen sind sehr gut ausgebildete Fachkräfte, die eigentlich das Land nicht verlassen wollten, aber keine andere Wahl hatten. Venezuela ist nie ein Auswanderungsland gewesen. Im Gegenteil, es war immer ein Land von Einwanderern. Das ist eine ganz neue Entwicklung in unserer Geschichte.

 

Wie arbeiten Sie hier wissenschaftlich?

Als Geisteswissenschaftler brauche ich hauptsächlich Bücher. Aber die Bibliothek hat kein Geld, um neue Werke anzuschaffen. Ich selbst kann mir kaum Bücher und wissenschaftliche Zeitschriften leisten. Und natürlich sind Bücher hier knapp. In Caracas haben nur wenige Buchhändler überlebt. Es ist fast unmöglich geworden, Bücher zu importieren. Das heißt für uns, dass wir mit den Exemplaren, die wir noch aus besseren Zeiten haben, forschen und lehren müssen. Gott sei Dank gibt es das Internet. Es erlaubt uns, in Verbindung mit der internationalen akademischen Gemeinschaft zu bleiben.

 

Not macht erfinderisch...

Definitiv. Die Kollegen aus den technischen und wissenschaftlichen Fachgebieten, die Laboratorien mit hoch entwickelter Ausrüstung und Zubehör für Forschung und Lehre brauchen, arbeiten natürlich auch unter schwierigen Bedingungen. Die Unis sind tatsächlich erfinderisch, um all diese Schwierigkeiten zu bewältigen. Wir alle arbeiten hier so lange das überhaupt möglich ist, um die akademische Freiheit von Lehre und Forschung am Leben zu halten. An Motivation fehlt uns jedenfalls nicht.

 

Gibt es Hilfe von außen?

Meiner Universität wird von einem Alumni-Netzwerk geholfen. Das sind ehemalige Studenten, die jetzt im Ausland leben und die Geld für die Uni sammeln, damit bestimmte Projekte realisiert werden oder technische Geräte für Forschungszwecke gekauft werden können. Das ist eine sehr wichtige Unterstützung für uns.

 

Was tun die Intellektuellen in Venezuela in dieser Situation?

Die Intellektuellen sind hier schon immer aktiv gewesen. Trotz der strengen Kontrolle der Regierung über die Zeitungen, Radio- und Fernsehsender hat Venezuela eine sehr lebendige öffentliche Meinung, die sich kritisch mit der Lage des Landes auseinandersetzt. Das Internet spielt eine wichtige Rolle. Hier sind viele unabhängige Zeitungen, Zeitschriften, sogar Radio- und Fernsehsender entstanden, um der eisernen Zensur der Regierung zu widerstehen. In diesem virtuellen Raum ergreifen viele Intellektuelle das Wort, um über die Situation des Landes zu diskutieren. Das Problem ist, dass die Regierung sie als politische Feinde betrachtet, die nicht ernst genommen und einfach ignoriert werden. So ist der Einfluss der Gebildeten auf die Art und Weise, wie das Land regiert wird, eher gering.

 

Äußern sich auch Theologen und Philosophen?

Ja, ich kann einige von ihnen auch exemplarisch nennen. Prof. Rafael Tomás Calder, ein Spezialist für mittelalterliche Philosophie, und Mitglied der Päpstlichen Akademie des hl. Thomas von Aquin, hat sich zum Beispiel zur Lage des Landes geäußert. Fernando Rodríguez, Philosophieprofessor an der Zentralen Universität Venezuelas (UCV), schreibt als Kolumnist für verschiedene unabhängige Zeitungen. Die Meinung jüngerer Kollegen, wie die von Professorin Collete Capriles und Professor José Rafael Herrera, ist aktuell in Radio- und Fernsehsendungen sehr gefragt.

Bei den Theologen sind P. Pedro Trigo SJ sowie die Professoren Rafael Luciani und Félix Palazzi zu nennen. Trigo schreibt regelmäßig für die Zeitschrift der venezolanischen Jesuiten, die sich mit sozialen und politischen Themen des Landes beschäftigt und gibt der unabhängigen Presse Interviews zur Lage des Landes. Es gibt auch Bischöfe und Priester, die sich für die Medien engagieren. Das sind zum Beispiel die Kardinäle und Erzbischöfe von Caracas und Mérida, Mons. Jorge Urosa und Mons. Baltazar Porras der Rektor der katholischen Universität von Caracas, P. José Virtuoso SJ; der P. Alejandro Moreno SDB. Letzterer ist nicht nur Theologe, sondern einer der wichtigsten Experten für das Problem der Gewalt in Venezuela.

 

Schweißt die gegenwärtige Situation die Menschen in Venezuela zusammen?

Die Solidarität unter den Menschen ist groß, aber damit kann man nicht den Bedarf eines ganzen Landes decken. Trotzdem helfen sich die Leute untereinander. Es hat sich zum Beispiel eine Art Netzwerk gebildet, in dem Menschen, die bestimmte Medikamente haben und nicht mehr brauchen, diese für die benötigte Arznei eintauschen. Auch Familienmitglieder und Freunde im Ausland helfen ihren Angehörigen in Venezuela. Die Kirche hat eine Armenspeisung gestartet. Aber das Wichtigste ist, dass eine unsichtbare und stille Mehrheit von Venezolanern weiter ihre Arbeit so gut wie möglich macht und so das Land auf ihren Schultern trägt. Die Menschen wollen das Land am Leben erhalten. Ich bin jeden Tag in meiner Uni davon Zeuge und das gibt mir Hoffnung.

 

Wie konnte die politische und soziale Lage so eskalieren?

Alles, was hier geschieht, ist die Folge des Sozialismus, den der frühere Präsident Hugo Chávez erschaffen hat. Das System ist primitiv: Um die Macht auf sich zu konzentrieren, hat er die private Wirtschaft des Landes zerstört. Mit dem gigantischen Einkommen, das das Land in den Jahren der hohen Erdölpreise bekommen hat, konnte er das Land mit Konsumgütern aus dem Ausland versorgen. Er konnte auch die breite Masse der Bevölkerung direkt subventionieren, ohne eine echte produktive Wirtschaft aufzubauen.

 

Das schien ja lange gut zu gehen...

Ja, aber dann sind die Preise zur Beginn der Amtszeit des jetzigen Präsidenten Nicolás Maduro eingebrochen. Aus ideologischen Gründen, aber auch wegen der verbreiteten Korruption hat die Regierung Maduro keine vernünftigen Gegenmaßnahmen getroffen. Im Gegenteil: Sie hat nur die Lage verschärft. So kommen die realen Folgen dieses politischen Systems jetzt ans Licht: Wir haben bisher über unsere wirklichen Verhältnisse gelebt und jetzt reicht das Geld nicht mehr, um die Fantasie des 'Sozialismus im 21. Jahrhundert' zu finanzieren. Deshalb herrschen hier Armut und Not. Und deshalb gibt es hier soziale Unruhen. Um an der Macht zu bleiben, unterdrückt die Regierung das Volk. Das ist es, was wir gegenwärtig erleben. Es ist die tragische, aber logische Folge jedes sozialistischen Experiments.

 

Was bewahrt Sie in Zeiten wie diesen vor der Verzweiflung?

Die Unterstützung von Familienangehörigen und Freunden. Mir persönlich gibt der katholische Glaube einen sehr konkreten und starken Halt. In einer solch chaotischen Situation gewinnt die Frohe Botschaft Jesu eine geheimnisvolle Aktualität. Immerhin glauben wir als Christen an einen Gott, der sich nichts vom Leiden eines Menschen erspart hat, es also kennt. In diesen Zeiten muss man lernen, in der Hoffnung zu leben, um nicht zu verzweifeln. Nicht in der Erwartung auf eine baldige 'Lösung' der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umstände, sondern im tiefen Glauben daran, dass wir in jeder Situation von der Liebe Gottes getragen werden.

 

Was bedeutet das konkret?

Ich versuche, mich nicht von Not und Mangel bestimmen zu lassen. Gebet, Arbeit, Sport, der Austausch mit Freunden und mit meiner Familie sind mir sehr wichtig. Abgesehen davon bin ich dankbar, dass ich meine Berufung als Hochschullehrer und Forscher an einer Universität leben kann. Sicherlich nicht unter idealen Bedingungen, aber gerade jetzt ist diese Tätigkeit sinnvoller denn je: Irgendwie haben wir ja den Auftrag, das akademische Leben Venezuelas zu schützen und für bessere Zeiten zu bewahren.

 

Wie soll Venezuela in Zukunft aussehen?

Ich hoffe auf eine echte politische und friedliche Lösung für die Probleme meines Landes. Ich träume von einem Venezuela, das die Utopie des Sozialismus, die uns so viel unnötiges Leid gebracht hat, begräbt und endlich beginnt, eine demokratische Gesellschaft aufzubauen. Mein persönlicher Wunsch ist es, dass ich an meinem Platz zum geistigen Wiederaufbau des Landes beitragen kann.

Die Fragen stellte Gertrud Pechmann

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Veröffentlicht am:
05. 05. 2017
00:00 Uhr

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