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Länderspiegel

Fall Sophia: Eine GPS-Spur durch halb Europa

Im Prozess um die getötete Studentin Sophia berichtet der Chefermittler über den Weg des Angeklagten. Die Kripo kann genau nachvollziehen, wo der Lastwagen wann war.



Der Parkplatz Sperbes an der A 9. Hier soll der marokkanische Lasterfahrer die Studentin Sophia Lösche getötet haben. Foto: Manfred Scherer
Der Parkplatz Sperbes an der A 9. Hier soll der marokkanische Lasterfahrer die Studentin Sophia Lösche getötet haben. Foto: Manfred Scherer  

Bayreuth - Fast 2000 Kilometer befand sich Sophia Lösche im Juni 2018 in einem blauen Renault-Lastwagen. Nur auf einer Strecke von 234 Kilometern blieb sie am Leben. Die Polizei konnte den Weg des 40-Tonners, den der wegen Mordes angeklagte Boujeema L. steuerte, aufgrund von GPS-Satellitendaten lückenlos nachvollziehen.

Der Hauptsachbearbeiter der Ermittlungsgruppe "Rastplatz" sagte am zweiten Prozesstag am Mittwoch als Zeuge aus. Die Behörden in Bayreuth hatten am 27. Juni per Beschluss des Bundesgerichtshofs den Fall übernommen. Da war die getötete Studentin bereits gefunden: Am 21. Juni von Angestellten einer Tankstelle nahe der Stadt Vitoria-Gasteiz in Nordspanien.

Der Chefermittler berichtete vom Weg des Lasters: Von Leipzig kam er am 14. Juni um 17.45 Uhr in den Autohof Schkeuditz. Bilder aus einer Überwachungskamera zeigen den Angeklagten Boujeema L. fünf Minuten danach auf dem Weg zum Tankshop. Am Eingang steht Sophia Lösche mit kurzen schwarzen Hosen, einem kurzen schwarzen T-Shirt. Vier Minuten später kommt der marokkanische Trucker mit Zigaretten aus dem Shop und spricht sie an.

In der Folge kontaktiert Sophia Lösche mehrere Autofahrer - offenbar auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit. Was wäre gewesen, wenn sie eine gefunden hätte? Sie wäre vermutlich wohlbehalten in Amberg angekommen, wo sie an der Geburtstagsfeier ihres Vaters teilnehmen wollte.

Doch niemand außer Boujeema L. wollte die junge Frau mitnehmen. Um 18.10 Uhr zeigt ein Überwachungsfoto den Trucker und die Tramperin in einem freundlichen, gelösten Gespräch. Sophia Lösche steigt in den blauen Laster, der um 18.15 Uhr losfährt.

Der Chefermittler erläuterte, warum der Bundesgerichtshof den Bayreuther Behörden den Fall zuwies: 234 Kilometer südlich vom Autohof Schkeuditz liegt im südlichsten Zipfel des Landkreises Bayreuth der Parkplatz Sperbes. Auf diesem Parkplatz stand der 40-Tonner am 14. Juni von 21 Uhr bis gegen Mitternacht. Ein ungewöhnlicher Halt, sagt der Ermittler, denn 29 Kilometer weiter war die nächste Beladestation bei einer Firma für Elektrozubehör in Lauf.

Wie berichtet, hat die Staatsanwaltschaft Boujeema L. angeklagt, die Anhalterin wahrscheinlich bei dem Drei-Stunden-Halt in Sperbes ermordet zu haben. Der Angeklagte selbst hat gestanden, dass er die Tat dort begangen hat - mit einem Unterschied: Mit dem von der Staatsanwaltschaft angenommenen Motiv der Vertuschung eines Sexualdeliktes habe seine Tat nichts zu tun.

Der Bericht des Chefermittlers bestätigt vieles, was unterschiedlich interpretiert werden kann: Vertuschungshandlungen, wie den Kauf von Benzin, verwendet für die versuchte Leichenverbrennung. Und möglicherweise gedacht für das Abfackeln des Lasters zur Vernichtung von Spuren. Der Bericht bestätigt, dass das GPS nie deaktiviert gewesen sei. Er bietet zahlreiche Fotos aus Überwachungskameras, darunter Aufnahmen, wie der Trucker die Fahrerkabine nach vorne gekippt hat, um an seinem angeblich überhitzten Motor etwas nachzusehen. Die Bilder zeigen, wie er plötzlich an seinem Arbeitsoverall Spritzer von Sophia Lösches Blut entdeckt und wie er den Blaumann in einen Mülleimer wirft - vor den Augen des Hausmeisters einer Tankanlage. Der Bericht sagt aber auch: Boujeema L. erledigte seinen Job, während er hinten in seiner oberen Schlafkoje eine Leiche transportierte - etwa beim Beladen bei einer Firma in Augsburg.

Am 18. Juni, vier Tage nach Sophia Lösches gewaltsamem Tod fährt der blaue Laster um 5.33 Uhr auf das Gelände einer Cepsa-Tankstelle nahe Vitoria in Nordspanien. Der Laster wendet, fährt in einen Kreisverkehr, kommt zurück und wird um 5.48 Uhr wieder geparkt. Punkt 6 Uhr tankt Boujeema L. für 100 Euro. Dann fährt der Sattelzug rückwärts, rund 90 Meter und bleibt an der Straße stehen. Zehn Meter weiter, in einem Gebüsch neben der Straße, wird drei Tage später der Leichnam gefunden.

Der Chefermittler zeigte Fotos aus dem Handy des Angeklagten: Am 13. Juni nahm er auf einem Parkplatz junge Frauen in kurzen Hosen auf. Kurz vor dem Aufeinandertreffen mit Sophia Lösche machte er ein Selfie von sich: nackt mit erigiertem Geschlechtsteil.

War der Trucker in sexuell aufgeheizter Stimmung, als er Sophia Lösche einlud? Versuchte er, sich an ihr zu vergehen? Sperma sei an der Leiche nicht gefunden worden, erklärte der Chefermittler. Kam es zur Bluttat im Laster vielleicht deshalb, weil der Trucker übergriffig wurde und Sophia Lösche ihn deshalb ohrfeigte? Boujeema L. selbst verneint das und sagt, er sei ein impulsiver Mensch. So impulsiv, dass er seine Ehefrau schon einmal mit dem Messer gestochen habe. Er habe bei dem Streit mit der Anhalterin die Kontrolle verloren und sie erschlagen.

Der Schwurgerichtsvorsitzende Bernhard Heim machte am Ende dieses zweiten Verhandlungstages klar, worauf das Gericht sein Hauptaugenmerk legt: Auf das Kerngeschehen im Laster auf dem Parkplatz Sperbes. Boujeema L. soll den Tathergang in seinem Geständnis bei der Kripo für eine Videoaufnahme nachgestellt haben. Dieses Video soll am Montag vorgespielt werden. Das Geständnis erfolgte am 6. Februar 2019. Ende Januar hatte die Kripo ihren Bericht abgegeben.

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Manfred Scherer
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Veröffentlicht am:
24. 07. 2019
19:48 Uhr

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Manfred Scherer

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Veröffentlicht am:
24. 07. 2019
19:48 Uhr



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