Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Länderspiegel

Mordfall Sophia: Eine Bluttat mit zwei Abschnitten

Im Prozess um den gewaltsamen Tod der Studentin Sophia Lösche am 14. Juni 2018 hat das Schwurgericht erneut sein Augenmerk auf den angeblichen Hergang der Bluttat gerichtet.



Mordprozess
Der wegen Mordes angeklagte Marokkaner (M.) betritt den Gerichtssaal. Im Vordergrund sitzen Andreas Lösche (r.), Bruder der ermordeten Tramperin Sophia Lösche, mit seinen Eltern.   Foto: Daniel Karmann

Bayreuth/Plech -  Nach dem Geständnis des wegen Mordes angeklagten Fernfahrers Boujeema L. zum Prozessauftakt vergangene Woche, sahen und hörten sich die Richter das erste Geständnis an, das der Mann als Beschuldigter abgegeben hatte – vor dem Ermittlungsrichter und vor laufender Kamera.

Die am dritten Verhandlungstag am Montag vorgespielte Videosequenz ist nur ein kleiner Teil der Aufnahmen, die bei den Befragungen des Beschuldigten gemacht wurden, aber wohl der wichtigste. Aufgezeichnet ist hier eine Erzählung über das Kerngeschehen der Bluttat. Das Wissen über das Kerngeschehen hat nur einer: Boujeema L., der Mann, der nach seiner Einlassung die Tat beging. Die zweite Person, die zugegen war, ist tot.

Fünf Tage nach der Bluttat war er verhaftet worden, bis zum 8. Februar bestritt der Verdächtige in der U-Haft, die 28-jährige Sophia Lösche getötet zu haben. Am 8. Februar morgens präsentierte er seine Version dessen, was am späten Abend des 14. Juni 2018 in dem Führerhaus seines auf dem Autobahnparkplatz Sperbes im Gemeindegebiet von Plech stehenden Lastwagens geschehen sein soll.

Eine Tat in zwei Phasen

Schon am 8. Februar gliederte der Fernfahrer die Bluttat in zwei Abschnitte. Die erste Phase begann demnach, nachdem er während einer Kontrolle seiner Reifen von außen sah, dass die Frau seine Sachen durchwühlte, er sie zur Rede stellte und in der Fahrerkabine ein Streit begann. Er empfand ihr Verhalten als Eingriff in seine Privatsphäre. Er wollte, dass sie seinen Laster verlässt, sie ließ sich nicht beirren – auf der angeblichen Suche nach einem angeblich von ihm gestohlenen Haschkrümel: „Wäre sie gegangen, hätte ich sie nicht geschlagen.“ Er will eine Ohrfeige bekommen und zweimal das Schimpfwort „Arschloch“ gehört haben. Auf dem Fahrerplatz sitzend, will er den zuvor daneben abgelegten Radmutterschlüssel genommen und damit zugeschlagen haben. Nach dem ersten Schlag soll Sophia Lösche im Hinabfallen nach dem Bein des Angeklagten gegriffen und er deshalb erneut zugeschlagen haben.

Die Frau kam am Boden des Führerhauses zum Liegen, den Kopf in Richtung Fahrertüre. Boujeema L. will das Tatwerkzeug auf den Fahrersitz gelegt und die Kabine verlassen haben. In der Vernehmung am 8. Februar ging es darum, was er nach der ersten Tatphase gedacht habe. Ja, dass die Frau verletzt war. Nein, einen Rettungswagen wollte er nicht holen, denn: „Ich spreche ja kein Deutsch.“ Vielmehr habe er sie raus haben wollen aus seinem Laster, dachte, dann würde sie gefunden werden, jemand ihr helfen.

Boujeema L. gibt zu, ein drittes Mal zugeschlagen zu haben

Um den Motor des Lasters abzustellen und um seine Zigaretten zu holen, ging Boujeema L. zurück, nach seiner Geschichte folgt nun die zweite Tatphase: Beim Öffnen der Fahrertüre soll die am Boden liegende Verletzte den Arm und den Kopf gehoben haben. Er will „erschrocken“ sein. Auf der ersten oder zweiten Einstiegsstufe stehend, will er den nach dem Ende der ersten Tatphase auf den Fahrersitz gelegten Radmutterschlüssel gegriffen und erneut zugeschlagen haben. Erst danach will er die große Blutlache gesehen haben. Erst danach will er gemerkt haben, dass er einem Menschen das Leben genommen hatte.

Die Tonspur des Videos gibt die Stimme des Beschuldigten in einem klagenden, weinerlichen Ton wieder. Mit einem weißen Taschentuch wischt er sich hin und wieder die Augen. Mit Hilfe eines Kriminalbeamten demonstriert er, wie Sophia Lösche saß, wie sie hinabgebeugt war, wie sie hinfiel, wie er ihr nach der zweiten Tatphase mit Kabelbindern die Hände auf den Rücken fesselte, angeblich, um den Körper besser in die obere Koje an der Rückwand der Fahrerkabine hieven zu können – in das Leichenversteck.

Sophia hatte Haschisch-Wirkstoff im Blut

Der Prozess soll klären, ob die äußere Tatversion des Angeklagten zum Tatort im Führerhaus passt. Wichtiger wird die Frage sein, ob das, was er gedacht und gefühlt haben will, lebensnah ist. Ob er wirklich „aus Erschrecken“ den letzten Schlag versetzte? Und wenn ja, ob es vielleicht ein „Erschrecken“ darüber war, dass sein Opfer sich noch regte? Brachte Boujeema L. mit der zweiten Tatphase nur etwas zu Ende, was er angefangen hatte?

Eine Behauptung könnte stimmen: Die Obduktion der Toten in Spanien erbrachte: Das Opfer hatte Haschischwirkstoff im Blut, bezeugte ein Kriminalbeamter.

Am Dienstag werden Freunde und Angehörige davon berichten, welche Ängste sie durchlebten, als sie herausfanden, dass die vermisste Sophia in einem ganz bestimmten Laster war und wie sie die Polizei erst auf die Spur setzen mussten. Am Mittwoch soll das Opfer selbst sprechen – durch den Mund zweier spanischer Obduzentinnen, deren Aussagen via Videoleitung live übertragen werden.

Autor

Manfred Scherer
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
30. 07. 2019
20:05 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angeklagte Diebstahl Fall Sophia Kriminalbeamte Mord Mordfälle Polizei Tatorte Tote Tötung Verdächtige Verhaftungen
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema

Aktualisiert am 23.07.2019

Durch halb Europa mit einer Toten

Der Angeklagte spricht von einer panischen Irrfahrt - die Anklage glaubt, es war eine Vertuschungstour. Eine Tat mit sexuellem Hintergrund bestreitet der Fernfahrer. » mehr

Am 21. Juni 2018 wurde die Leiche der Anhalterin Sophia Lösche nahe der Autobahn bei der spanischen Ortschaft Asparrena gefunden. Da war die junge Frau aus Amberg nach Ansicht des Gerichtsmediziners bereits seit mehreren Tagen tot.

16.08.2019

Mordfall Sophia: Obduktion stützt Aussage des Angeklagten

Bei der Untersuchung der Leiche von Sophia Lösche findet der Gerichtsmediziner keine Hinweise auf eine Vergewaltigung. Das Opfer war nach den Schlägen schnell bewusstlos. » mehr

Tatort Lastwagen: Der ausgebrannte Lkw, den der wegen Mordes angeklagte Marokkaner fuhr, wurde auf dem Gelände des Polizeipräsidiums Oberfranken von einem Gutachter untersucht.

14.08.2019

Fall Sophia: Gutachter hält Brandstiftung an Lkw für wahrscheinlich

Im Mordfall Lösche schließt ein Brandgutachter einen technischen Defekt nicht gänzlich aus. Klarheit gibt es nicht. » mehr

Der Angeklagte Boujeema L. Foto: Daniel Karmann/dpa

13.08.2019

Fall Sophia: Das Geheimnis der gelöschten Fotos

Auf dem Handy des Mordverdächtigen im Fall Sophia entdeckten Ermittler Spuren gelöschter Bilder. Sie wurden kurz nach dem Tod der jungen Frau entfernt. » mehr

Mordfall Sophia

20.08.2019

Wende im Fall der Anhalterin Sophia Lösche

Warum tötete der Fernfahrer die junge Frau? Die Anklage vermutet, um eine Sexualstraftat zu vertuschen. Doch es könnte auch einen anderen Grund geben. » mehr

Der Parkplatz Sperbes an der A 9. Hier soll der marokkanische Lasterfahrer die Studentin Sophia Lösche getötet haben. Foto: Manfred Scherer

24.07.2019

Fall Sophia: Eine GPS-Spur durch halb Europa

Im Prozess um die getötete Studentin Sophia berichtet der Chefermittler über den Weg des Angeklagten. Die Kripo kann genau nachvollziehen, wo der Lastwagen wann war. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Run of Hope in Kronach

Run of Hope in Kronach | 15.09.2019 Kronach
» 28 Bilder ansehen

Theaterfest-Nachmittag

Theaterfest-Nachmittag | 15.09.2019 Coburg
» 22 Bilder ansehen

Oldtimertreffen in Coburg

Oldtimertreffen in Coburg | 15.09.2019 Coburg
» 10 Bilder ansehen

Autor

Manfred Scherer

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
30. 07. 2019
20:05 Uhr



^